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Die Zone oder Tschernobyls Söhne -„Am exotischsten Ort der Welt“

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Von: Christian Thomas

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Autoscooter in Pripyat, 2006.
Autoscooter in Pripyat, 2006. Foto: Sergei Supinsky/afp © Sergei Supinsky/afp

In „Die Zone oder Tschernobyls Söhne“ berichtet Autor Markijan Kamysch von einer irrwitzigen Anarchie in Tschernobyl.

In der Sowjetunion war einer Diktatur das Liquidieren nicht fremd. Tschernobyl wurde allerdings zum Schauplatz eines Prozesses, durch den sich viele der Liquidatoren selbst umbrachten, innerhalb weniger Tage, unter unvorstellbaren Qualen. Oder noch nach Jahren, unter entsetzlichen Schmerzen.

Markijan Kamysch, 1988 geboren, zwei Jahre nach dem GAU von Tschernobyl, ist Sohn eines 2003 gestorbenen Kernphysikers, der für sechs Wochen nach Tschernobyl „abkommandiert“ wurde, „als alles noch geblubbert hat“, um dort gegen die freigelassene Strahlung geeignete Maßnahmen einzuleiten, so etwas wie das verlustreichste Insolvenzverfahren gegen den globalen AKW-Optimismus. In dem Buch des Sohnes, „Die Zone oder Tschernobyls Söhne“, bleibt offen, ob der Vater im Jahr 2003 einen sich dahinschleppenden Strahlentod starb. Nicht offen bleibt, warum es den Sohn an diesen Ort, „wo der vierte Reaktorblock in die Luft flog und alles im Arsch war“, zog. „Für mich“, bekennt er, „ist die Zone ein Ort der Entspannung.“ Um seiner Provokation Nachdruck zu verleihen, nennt er die „Dreißig-Kilometer-Zone“, die weiterhin verseuchte Landschaft mit ihren verstrahlten Ruinen denjenigen Schauplatz in seinem Leben, an dem er seine „Ruhe gefunden habe. Die Ruhe eines Wochenendhauses, das ich nicht besitze.“ Höhnender Sarkasmus? Bitterer Ernst? Beides.

Tschernobyl in der Ukraine - kein ukrainischer Erinnerungsort

Neun Jahre nach dem Tod des Vaters machte sich der Sohn erstmals auf in die von einem Stacheldrahtzaun umgebene Sperrzone. Die Löcher im Zaun sind ein offenes Geheimnis, Schlupflöcher für hunderte Neugierige, die den Kitzel suchen, den „Kick“, wie Kamysch schreibt – wozu er sich ebenfalls bekennt, ob auf eigene Faust, als Einzelgänger oder mit ähnlich gesinnten Außenseitern. Er nennt sich einen „Stalker“, einen Pfadinder, der als Fremdenführer im Tschernobyltourismus unterwegs ist, den er verachtet, der aber lukrativ ist.

Für Kamysch ist Tschernobyl keiner der ukrainischen Erinnerungsorte, vielmehr ein existentialistischer Erlebnisort in der Ukraine. Das Territorium der Radioaktivität animiert einen hyperaktiven Draufgänger, der „um den Wahnwitz dieser Streifzüge“ weiß. Innerhalb von fünf Jahren, so rechnet er an zwei Stellen vor, sucht er rund sechzigmal den Ort auf und legt dabei rund siebentausend Kilometer zurück. Er schlägt sich durch „betörende Dickichte“, quält sich bei minus 25 Grad durch hüfthohen Schnee, in der Sommerhitze durch Gewässer mit Blutegeln, um in Ruinen zu übernachten, auf der Suche nach einer „Aura des Mystischen“. Eine gute Vorbereitung ist wichtig, eine angemessene Ausrüstung. Noch geiler, sich der Gefahr mit möglichst wenig Gepäck auszusetzen, allerdings niemals ohne Alkohol.

Aasgeier fleddern Altmetall in Tschernobyl

Mit wilden Tieren sieht sich der Autor konfrontiert, verfolgt von Bestien – oder ist es nur Einbildung? Real die Aasgeier, die noch nach 40 Jahren Altmetall fleddern, Beute zu machen versuchen. Tschernobyl als das Territorium, um ein Schnäppchen zu machen, oder ein Selfie, vor einer bizarren Kulisse. Den Lost place sieht der Stalker von Schnappschussjägern „erschossen“.

Angedeutet werden Gefährten, sie bleiben jedoch Schemen. Unausgesprochen bleiben Bezüge, Andrej Tarkowskis Endzeitfilm „Stalker“. Ausdrücklich mokiert sich Kamysch über die in den letzten Jahren aufwühlende Serie „Chernobyl“. Deutlicher als die filmische Referenz ist das Vorbild des Gonzo-Journalismus. Kamyschs Anleihen beim Gonzo-Genre verbürgen sich für eine existentialistische Dringlichkeit. Ihr geht nicht das ab, was die von Kamysch geführten Neugierigen vermissen lassen, seine in einer abgewrackten Welt authentisch gelebte Absage an jedwede Sicherheit. Bei allen Effekten, auf die Kamyschs Prosa hin berechnet ist, sucht er nicht nur das Abenteuer. Der „exotischste Ort der Welt“ entwickelt sich mit jedem Besuch mehr zum schlechthin existenzialistischen Schauplatz. Wo die Lebensgefahr dermaßen präsent ist, kann das Sein kein Nichts sein.

Zur Reihe

Eine kleine Ukraine-Bibliothek, nicht chronologisch angelegt, nicht systematisch zusammengestellt, gedacht als Angebot zur Orientierung. Davon ausgehend, dass sich Schauplätze, ob fern oder fremd, durch Bücher von jedem Ort der Welt aus aufsuchen lassen.

Markijan Kamysch: Die Zone oder Tschernobyls Söhne. Aus dem Ukrainischen von Claudia Dathe. Matthes & Seitz 2022. 142 S., 18 Euro.

Bereits im Regal: Das Igor-Lied, Serhii Plokhys „Die Frontlinie“, Katja Petrowskajas „Vielleicht Esther“, Walerjan Pidmohylnyjs „Die Stadt“, Oleksij Tschupas „Märchen aus meinem Luftschutzkeller“, Scholem Alejchems „Tewje, der Milchmann“, Oksana Sabuschkos „Schwestern“, Juri Andruchowytschs „Radio Nacht“, Andreas Kappelers „Die Kosaken“, Vladimir Jabotinskys „Die Fünf“, Serhij Zhadans „Internat“, Kerstin S. Jobsts „Geschichte der Ukraine“ und Tanja Maljartschuks „Von Hasen und anderen Europäern“.

Das 15. Buch wird Gwendolyn Sasses „Der Krieg gegen die Ukraine“ sein.

Irrwitzige Anarchie auf dem Territorium von Tschernobyl

Kamyschs Gonzo-Grenzgängerei zwischen Journalismus und Literatur, sein Sarkasmus, seine Übertreibungen, seine Ironie, mit der er seine Streifzüge als einen „Spaziergang“ bezeichnet, lässt sich, wollte man nur ein wenig überspitzen, als ein delirierender Amok lesen – beglaubigt nicht zuletzt durch den wie selbstverständlich daherkommenden Undergroundton Claudia Dathes.

Auf dem Territorium von Tschernobyl fand Kamysch vor rund zehn Jahren eine irrwitzige Anarchie vor. In den nicht restlos entvölkerten Dörfern werden Waffen getragen. Die illegalen Einwanderer, „Schwarzsiedler“, die sich in der Sperrzone festgesetzt haben, „verpfeifen die illegalen Besucher bei der Polizei“ oder der Miliz. Fortwährend geplündert wird Prypjat, gefleddert von „Schrottgeiern“, die die Ruinen durchkämmen. In Prypjat, einer Gründung der 1970er Jahre, einer Retortenstadt sowjetischer Bauart, in der man an das „Füllhorn“ der „friedlichen Energie des Stroms“ glaubte, gibt das eingerostete Riesenrad ein irrwitziges Sinnbild ab, nicht anders als der Schlot über der Reaktoranlage. Von Dächern aus wandert der Blick des Stalkers über eine postapokalyptische Szenerie, wobei er das Wort Postapokalypse ausdrücklich verwirft, zurecht, denn die Apokalypse lebt fort.

Putin nimmt Kiew in atomare Geisehlaft

In Tschernobyl glühen weiterhin tausende Brennstäbe vor sich hin. Zu Wladimir Putins Kriegsstrategie gehört, das 100 Kilometer entfernte Kiew und die Ukraine in atomare Geiselhaft zu nehmen, so dass sich das Graffito in der Sperrzone, „Putin ist ein Schweinehund“, 2012 notiert, festgehalten in dem 2015 veröffentlichten Buch, weitsichtig liest. Aber was schon darf man sich auf Weitsicht einbilden – das Eingeständnis von Ohnmacht?

An 200 Tagen trieb sich Kamysch in der „Zone“ herum, mit Deutschen, Spaniern, mit Namenlosen ebenso wie mit Prominenten aus dem Showbiz, Sportlern – anonym bleibenden Hasardeuren. Er tat es alleine, auf der Flucht vor Wölfen, womit sein Bericht eine mythische Note bekommt. In Todesangst erlebte er eine Nacht in der unmittelbaren Nachbarschaft eines Luchses. Dagegen offenbar ohne Furcht trank er verseuchtes Wasser, um sich allerdings gelegentlich zu fragen, wen er von den Menschen, die ihm über den Weg liefen, auf einer Krebsstation wiederfinden wird, eines Tages, wann? Trotz dieser Gewissheit wurde das Sinnlose aufgesogen, absichtsvoll bis zur Besinnungslosigkeit.

Kamyschs Bericht, der von der Pose eines „abgefuckten Gammlers“ ebenso zehrt wie von einer knallharten Poesie führt dorthin, wo Raum und Zeit verschmelzen. Auf einer Anrichte erstarrt sind die Zeiger einer Uhr, an einem Wandbild frisst sich die Auflösung an einer Menschendarstellung von den Beinen über den Oberkörper zum Kopf vor. In der Zone zeigt sich die Zeit wie stehen geblieben, während die Halbwertzeit weiterhin vor sich hin macht. Denn hier wurde ihrer totalen Lebensverneinung Raum gegeben, einem Nihilismus, von einem löchrigen Zaun fatal eingefriedet.

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