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Der russische Schriftsteller Anton Pawlowitsch Tschechow (Archivfoto von 1889

Zum 150. Geburtstag von Anton Pawlowitsch

Wir Tschechow-Menschen

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Vor 150 Jahren wurde Tschechow geboren: Seine antriebsarmen Figuren besitzen die himmlische Grazie, mit der sich heute Schauspieler, Regisseure und Zuschauer gerne in den siebten Himmel schwingen. Von Peter Michalzik

Die Erfolgsgeschichte von Anton Pawlowitsch Tschechow, einem vor 150 Jahren in der südlichen russischen Provinz geborenen Schriftsteller, ist eigentlich unglaublich. Noch in den sechziger und sogar siebziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts fristete er in deutschen Verlagen und Theatern ein eher randständiges Dasein. Seitdem wächst das Interesse unaufhaltsam. Der unermüdliche und hervorragende Übersetzer Peter Urban veröffentlicht seit Jahrzehnten immer wieder neue Trouvaillen dieses unerschöpflichen, gerade mal 44 Jahre alt gewordenen Autors. Mittlerweile gibt es eine kaum noch übersehbare Zahl weiterer Tschechow-Übersetzer.

Wirklich unglaublich aber ist der Siegeszug an Deutschlands Theatern. Ein skeptisch-liebevoller Melancholiker ist mit seinen vier, fünf Stücken der prägende Autor der Gegenwart geworden. Tschechow hat hierzulande im Theater Shakespeare als Maß aller Dinge abgelöst. Tschechow ist der Autor der großen, maßstabsetzenden Aufführungen.

Egal ob Peter Stein, Luc Bondy oder Peter Zadek: Sie haben am Ende des vergangenen Jahrzehnts ihre Positionen mit keinem Autor deutlicher gemacht als mit Tschechow. Jürgen Gosch, Dimiter Gotscheff, Stefan Pucher, Barbara Frey, Andreas Kriegenburg, Luk Perceval: Sie haben in den letzten Jahren ihre Regiesprachen vor allem mit Tschechow ausgelotet und erweitert. Bald wird sich sogar Frank Castorf an den bürgerlichsten und auch kleinbürgerlichsten aller Autoren machen.

Warum ist Tschechow heute so erfolgreich?

Woher aber kommt es, dass Tschechow heute einen solchen durchschlagenden Erfolg hat, dass man sich mit dem Gedanken vertraut machen muss, dass seine Stücke, "Der Kirschgarten", "Die Möwe", "Onkel Wanja" und "Drei Schwestern", zum ästhetischen Modell unserer Gegenwart geworden sind? Genauso wie seine Humoresken und Kurzgeschichten neben denen von Poe zum Vorbild der vielleicht wichtigsten literarischen Innovation des 20. Jahrhunderts wurden: der amerikanischen Kurzgeschichte.

Wie immer haben solche Bewegungen auch banale Gründe. Sehnsucht nach der einfachen Landbevölkerung, nach den duftigen Sommerkleidern des 19. Jahrhunderts, nach dieser wohlgeordneten, übersichtlichen Welt der Provinz spielen sicher eine Rolle. Auch dass Tschechow mit seinen Stücken ein Vater der Moderne ist, bereits Peter Szondi hat es erkannt, behindert seine andauernde Renaissance natürlich nicht.

Aber wesentlich kann das alles nicht sein. Das war vor 50 Jahren auch nicht anders. Will man unsere Zeit mit Tschechow lesen, kommt man auf etwas ganz anderes. Die Frage ist durchaus interessant: Was sehen wir, wenn wir uns selbst mit Tschechow sehen?

Zunächst: Der von uns allen so sehr geliebte Tschechowmensch sitzt. Er sitzt in der Wohnstube, er sitzt vor dem Samowar, er sitzt am See. Nicht auszudenken, wie antriebsarm er wäre, hätte es damals TV und Chips gegeben. So sitzt er und blickt in sich hinein, während er sich - mit großen Pausen - unterhält. Denn um ihn herum sitzen andere Tschechowmenschen.

Durchaus biedermeierlich

Er hat also etwas durchaus Biedermeierliches, unser russischer Vertrauter, er sitzt im Ohrensessel und dünkt sich unberührt vom großen Strom der Zeit, den Stürmen der Gegenwart, den beängstigenden Veränderungen. Jaja, sagt er, so ist der Lauf der Zeit. Er nickt und seufzt. Dabei hat er intensive ästhetisch-menschliche, aber auch folgenlose Erlebnisse. In seiner Haltung mischt sich die Weisheit des Durchblicks mit der Abgeklärtheit gegenüber dem Unabänderlichen.

Von Anfang an ist es für die Ranjewskaja die ausgemachteste Sache der Welt, dass ihr Gut mit dem Kirschgarten nicht zu halten ist. (Für Iwanow ist es nicht anders.) Die drei Schwestern glauben ja nicht wirklich, dass sie nach Moskau kommen werden, wenn sie ein ums andere Mal "Nach Moskau, nach Moskau" seufzen. Und wenn doch mal jemand aufbricht, wie die Möwe Nina, dann werden ihr die Flügel sehr schnell gekappt. Nicht umsonst hat Ossip Mandelstam gesagt, dass man den drei Schwestern mal eine Fahrkarte schenken solle, dann wäre das Stück schnell vorbei.

Das Verhängnisvolle an Tschechows Figuren ist, dass sie bei all ihrer Antriebsarmut eine himmlische Grazie besitzen. Mit dieser schmeichelhaften Leichtigkeit schwingen sich Schauspieler, Regisseure und Zuschauer schnell und gern in den siebten Himmel: wie absurd das Dasein in seiner Lächerlichkeit doch ist! Wie herzzerreißend die menschlichen Schicksale in ihrer Traurigkeit doch sind! Und am Ende siegt immer diese Traurigkeit, ein dann doch diffuses Gefühl, das im Einverständnis mit allem und jedem seinen tieferen Grund hat.

Ein Aphrodisiakum ersten Ranges

So ist Tschechow nicht nur Anti-Revolutionär, nicht nur affirmativ, er ist für empfindsame Menschen ein Aphrodisiakum ersten Ranges. Eben noch voller Elan, schaut man Tschechow und gibt sich seufzend dem Weltschmerz hin. Und wenn das Ganze dann noch dargeboten wird mit dieser unglaublich dezenten, feinen Art, von einer Vornehmheit, die jeden Engländer hemdsärmlig aussehen lässt, gibt es keinerlei Möglichkeiten der Gegenwehr mehr. Nein, so kann man auf Dauer wirklich nicht leben. Mascha (sowohl die aus der "Möwe" als die aus den "Drei Schwestern") hat schon Recht.

Tschechowmenschen sind durch und durch müde, sie sind Bewohner einer an sich selbst erschöpften Welt. Es sind Menschen ohne Alternative, ohne Hoffnung. Der Mensch ohne Hoffnung aber hat Sehnsucht. Diese Sehnsucht hat eine merkwürdige Schönheit. Und diese Schönheit ist die Schönheit der Tschechowmenschen.

Das muss einmal aufhören. Vielleicht sollten sich alle - Schauspieler, Regisseure, Zuschauer, Leser, Dramaturgen, Kritiker - drei Jahre Tschechowpause verordnen. Noch besser wäre, man würde Tschechow von seiner anderen Seite nehmen, und würde konsequent die Groteske aus ihm herauskitzeln, die Groteske der Erschlaffung, der Lächerlichkeit, mit der wir sehnen und seufzen. Aber das schafft niemand. Die Verführungskraft der melancholischen Schönheit ist einfach zu stark. Dann also doch ein paar Jahre Tschechowpause.

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