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"Niemand hat nur die Identität, die er annimmt", sagt Arundathi Roy, "jeder hat auch die, die die anderen in ihm sehen."

Arundhati Roy

"Trump ist das Produkt des gescheiterten Systems"

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Die Schriftstellerin Arundhati Roy über ihren Blick auf den Westen, einen ausgefallenen Zug von Frankfurt nach Berlin und die Lage im heutigen Indien und überall auf der Welt.

Arundhati Roy, wie viele Sprachen sprechen Sie?
Ich spreche Hindi, Malayalam und verstehe ganz gut Urdu, das so weit nicht weg ist vom Hindi.

Malayalam dagegen ist sehr weit weg. Es ist keine indoeuropäische Sprache. Ihr Buch haben Sie auf Englisch geschrieben.
Wir sind in Indien. Wir alle sprechen verschiedene Sprachen. Sprachen sind immer auch politische Fragen. Es fehlt nicht an Versuchen, aus Indien eine einzige Nation zu machen, so eine Art Hindu-Pakistan. Sie werden hoffentlich scheitern. Der Süden – Malayalam zum Beispiel wird vorwiegend in Kerala gesprochen – wehrt sich gegen den Versuch, Hindi zur einzigen Staatssprache zu machen. 

Wer Ihr Buch liest, der stößt auf ganze Sätze darin, die er nicht versteht.
Das ist ganz wichtig für mein Buch. Ich wollte nicht nur über die Unterschiede sprechen, sondern ich wollte auch, dass man sie hört. Darum werden immer wieder Sätze in der Originalsprache wiedergegeben, ohne ins Englische – oder ins Deutsche – übersetzt zu werden. Man soll bei der Lektüre das Gefühl haben, in einer vielsprachigen Umgebung zu leben. Sie verstehen auch nicht, wenn die über Ihnen wohnenden Türken sich im Treppenhaus miteinander unterhalten. Es gibt übrigens nicht nur unterschiedliche Sprachen im Buch, sondern auch sehr unterschiedliche Englischs.

Ich möchte mich dafür bedanken, dass ich einen kleinen Auftritt in Ihrem Buch habe.
Wie bitte?

Der Tourist...
Oh ja: „Sank you, sank you very much.“

Es ist schön, dass Sie auch uns, die wir das Englische nur radebrechen, Raum geben in Ihrem virtuosen Meisterwerk.
Sie gehören da auch hinein. Der Roman spielt in Delhi. Dort wimmelt es nicht nur von Indern aus allen Ecken des Landes. Es gibt auch Touristen aus der ganzen Welt.

Da spitzen Sie die Ohren und hören ganz genau zu.
Natürlich. Das gehört doch zu den Schönheiten Indiens. Wir sind eben nicht alle gleich. Das soll der Leser spüren. Ich wollte ein Buch schreiben, das wie eine Stadt ist. Da wird etwas geplant und dann wird es doch ganz anders. Da gibt es ganz übersichtliche Hauptstraßen, aber interessant wird es doch erst im Gestrüpp der Wege und Abwege. Immer ist jemand neben ihnen. Sie hören ihn. Ruhe und Konzentration sind seltene Momente. Darum desto schönere. Aber reizvoll ist doch auch das Gebraus, die vielen Stimmen einer Großstadt, in der Menschen aus der ganzen Welt zusammenkommen. Auch Touristen mit „sank you“.

Danke!
In einer solchen Stadt sind die merkwürdigsten Kombinationen möglich. Das wollte ich. Das machte mir auch Spaß beim Schreiben. Es sollte jeder da sein. Nicht einfach ein paar Hauptpersonen und alles andere sind „die Masse“. Darum hat in diesem Buch jeder einen Namen.

Selbst der Mistkäfer hat einen Namen!
Guih Kyom. Er liegt auf dem Rücken, streckt seine Beinchen aus...

...um zu verhindern, dass der Himmel auf ihn fällt.
Nur für den Fall der Fälle. Man weiß ja nie. Haben Sie sich in dem auch wiedererkannt?

Aber sicher. Das sind doch wir und die Klimakatastrophe. Um nur ein Beispiel zu nennen.
Er strampelt sich ab und er gibt nicht auf. Wissen Sie, dieser Mistkäfer, das war eine der ersten Figuren des Buches. Und natürlich musste das Buch auch auf einem Friedhof spielen. Wir leben ja alle auf einem Friedhof. Wo heute kein Friedhof ist, da war einmal einer oder es wird einer sein. Das ist der Gang der Zivilisation. 

Ich mag in Ihrem Buch den schrecklichen Mann vom Geheimdienst.
Biplab Dasgupta. Aber er ist doch nicht schrecklich. Er ist sehr intelligent und mit vielem, das er sagt, hat er recht.  Durch alle Figuren des Romans geht ein Riss. Anjum ist eine Frau und sie ist ein Mann. Saddam Hussein hat seinen Glauben gewechselt, Dasguptas eine Hälfte ist die Stimme des alten, säkularen Indiens Nehrus, die andere ist die des gescheiterten Liebhabers. Er hat einen sehr klaren Blick auf die Lage. Vor allem aber auch auf sich selbst. Auch da hegt er keine Illusionen. 

Ich mag das Exotische an Ihrem Buch. Aber je mehr ich darin las, desto klarer wurde mir: Es mag in Indien spielen, aber es handelt von uns.
Biplab Dasgupta sagt es an einer Stelle: Das sind nicht die Probleme Indiens, das sind Probleme der Gattung Mensch. Wie gut, dass Sie die Kurve noch bekommen haben! „Exotik“ mag ich überhaupt nicht hören. Das ist der europäische, der kolonialistische Blick auf den Orient. Haben Sie eine Vorstellung davon, wie exotisch Sie mir vorkommen?

„Exotisch“ ist wahrscheinlich noch geschmeichelt.
Aber sehen Sie, als unser Zug von Frankfurt nach Berlin ausfiel, da musste ich lachen. Plötzlich fühlte ich mich wie zu Hause. In diesem so perfekten Deutschland. Oder der Kuddelmuddel mit den Hotelräumen hier, bis wir endlich einen Raum hatten, in dem wir ruhig sprechen konnten. Das passt so gar nicht ins Bild. So wie ich nach und nach im „exotischen“ Deutschland Indien wiederfinde, so werden auch die Leser, hoffe ich, im Fremden sich entdecken. Ein polnischer Journalist sagte zu mir: „Beim Lesen von ,Das Ministerium des Äußersten Glücks‘ hatte ich immer wieder das Gefühl, Sie schreiben nicht über Indien, sondern über Polen.“

Wir erleben gerade fast überall auf der Welt einen neuen Nationalismus. Der Begriff der Identität ist wieder groß in Mode gekommen. Sie schreiben nicht gegen Identität...
Ich wirbele sie herum, die verschiedensten Identitäten, mixe sie zusammen, reiße sie auseinander. Anjum kam in Neu Delhi als Sohn einer schiitischen Familie auf die Welt. Im Hinduismus gibt es eine Institution für Menschen, deren Geschlechtsrolle nicht so hübsch klar definiert ist, wie bei den meisten von uns: die Hijra leben in einer Gemeinschaft für sich. Der Muslim Aftab findet im Hinduismus einen Ort für die aus ihm sich entwickelnde Anjum. Als Hijra wurde sie in Delhi bald zu einer Berühmtheit. In Gujarat aber wird sie nicht zusammengeschlagen, weil sie die Geschlechtsgrenzen überschritten hat, sondern, weil sie muslimisch ist. Niemand hat nur die Identität, die er annimmt. Jeder hat auch die, die die anderen in ihm sehen.

Sie bekämpfen nicht das Streben nach Identität?
Wenn Sie in Indien leben und erleben, wie Menschen systematisch ihr Land, ihr Glauben, ihre Lebensart genommen wird, dann wissen Sie, Sie müssen für deren Identität eintreten, sonst stehen Sie auf der Seite derer, die sie vernichten wollen. 

Zur Identität gehört auch die Kaste.
Ganz wesentlich. Das Kastenwesen ist eines der ältesten und brutalsten Systeme gesellschaftlicher Hierarchisierung, das es gibt. 

Modernisierung, Globalisierung haben ihm nicht den Garaus gemacht?
Nein. Die kommen gut miteinander aus. Das Kastensystem ist tief verbunden mit dem Hinduismus. Jeder fromme Hindu muss sich zum Kastensystem verhalten. Man kann nicht einfach so tun, als gebe es keines. Jede indische Familie, die eine große Firma ihr eigen nennt, gehört einer einzigen Kaste an: den Banias. Die Brahmanen sind im Staatsdienst oder Verleger. Die Drecksarbeit wird zu 99 Prozent noch immer von den Dalits, den Unberührbaren gemacht.

Welcher Kaste gehören Sie selbst an?
Als mein Vater, ein Hindu, eine Christin heiratete, flog er aus seiner Kaste. Ich stehe draußen. Wie viele Inder und wie die meisten Protagonisten meines Buches. 

In den letzten zwanzig Jahren hat sich Indien geändert.
Ja sehr. Aber, obwohl eine neue Mittelklasse entstanden ist, hat sich an der gesellschaftlichen Hierarchie wenig geändert. 

Es gibt dazu noch einen neuen hinduistischen Nationalismus.
Auch von ihm handelt das Buch. „Hindutva“ ist ein Begriff, der 1923 von Vinayak Damodar Savarkar geprägt wurde. Savarkar pries in späteren Schriften den Nationalsozialismus und kritisierte Nehru, weil der sich gegen die Hitlerdiktatur aussprach. Savarkar verglich auch oft die deutsche Mehrheitsbevölkerung in Deutschland mit den Hindus in Indien und entsprechend Juden und Muslime. Der Hindu-Nationalismus ist eine faschistische Bewegung. Die 1980 gegründete, heute regierende „Indische Volkspartei“ (Bharatiya Janata Partei) des Ministerpräsidenten Narendra Modi ist eine Hindutva-Partei. Jeden Tag hören Sie in Indien von Muslimen, die von einem hinduistischen Mob gelyncht werden.

Nicht nur Muslime...
Vor ein paar Tagen wurde die Journalistin Gauri Lankesh in Bangalore von einem Killerkommando erschossen, als sie aus ihrem Auto stieg, um das Tor zu ihrem Haus zu öffnen. Lankesh hatte in ihrer Zeitung Modis Hindunationalismus immer wieder kritisiert.

Sie leben gefährlich. Schon allein, wie Sie auf Kaschmir sehen, könnte Sie das Leben kosten. Ihr Buch ist auch ein Manifest, das sich traut, alles beim Namen zu nennen. Zugleich ist es ein hinreißender Roman. Zum Beispiel der Pseudoarzt Azad Bhartiya, dessen völlig verrückte Welterklärung Sie abdrucken...
Völlig verrückt ist er nicht. Er beobachtet alles sehr genau, aber er setzt es – so denken wir – falsch zusammen.

Haben Sie ihn erfunden?
Ja. Seine Ansichten können Sie in keinem politischen Artikel ausdrücken. Dafür brauchen Sie den Roman. Hier kann die ganze Verrücktheit, die das Leben ausmacht, dargestellt werden. Ich kann das einfach hinstellen. Ich muss es nicht erklären, nicht einordnen. Das ist die Freiheit des Romans. Wirklich wahrhaftig ist nur die Fiktion. 

In Indien regiert ein rechtsradikaler Hindunationalismus, in den USA Donald Trump. Herrliche Aussichten.
Modi und Trump sind sehr verschieden. Präsident Trump ist das Produkt des gescheiterten republikanisch-demokratischen Systems. Die Medien sind gegen Trump, die Gerichte und immer mehr auch die Republikaner, als deren Kandidat er Präsident wurde. In Indien dagegen stellt die Rashtriya Swayamsevak Sangh („Nationale Freiwilligenorganisation“), diese faschistische Hindu-Organisation, aus deren Reihen 1948 der Gandhimörder Nathuram Godse kam, heute nicht nur den Premier, sondern hat breite Unterstützung in der Bevölkerung und in den Medien. Die Hindu-Nationalisten haben alle Institutionen infiltriert. Sie haben die Macht übernommen.

Interview: Arno Widmann

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