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Gesellschaft

"Trump und Clinton - Züge eines Klassen-Kulturkonfliktes"

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Der Soziologe Andreas Reckwitz spricht im Interview mit der FR über die Sehnsucht nach Selbstverwirklichung, den modernen Klassenkampf und die Gefahren der Individualisierung.

Professor Reckwitz, wir leben in einer Zeit der Spannungen, diese sind auf der einen Seite politisch, aber auch gesellschaftlich. Wir lieben individuelle Urlaubsreisen, den Lebensstil der Kreativen und ästhetisierte Stadtviertel, fühlen uns zugleich jedoch in dieser Gesellschaft überfordert, leiden zunehmend an Burn-out-Erkrankungen. Wie erklärt sich dieser Gegensatz?
Wir sehen hier die Licht- und Schattenseiten eines grundsätzlichen Wandels der westlichen Gesellschaft: von der Industriegesellschaft der klassischen Moderne zu einer postindustriellen Gesellschaft der Spätmoderne. Sie ist eine „Gesellschaft der Singularitäten“, eine in einem komplexen Sinne hyperindividualistische Gesellschaft. Die Lebensdirektive dieser Gesellschaft ist in vielen Milieus die „erfolgreiche Selbstverwirklichung“, also eine Kombination von Selbstentfaltung und sozialem Status. Dies enthält Chancen auf individuellen Ausdruck und Erlebnisse, aber auch ein hohes Enttäuschungsrisiko, wenn man den hohen Anforderungen an sich selbst nicht genügt.

Die Menschen wollen nun individuell reisen, nicht mehr Massentouristen sein. Sie wollen eine eigene Art zu wohnen und zu leben. Was ist es für eine Art von Individualismus, der sich da durchsetzt?
In der Kultur der Spätmoderne wird ein Individualismus des Besonderen und Einzigartigen leitend: Immer mehr Güter, Orte, Ereignisse, aber auch soziale Einheiten wie Städte oder Schulen und schließlich Individuen selbst sollen nun singularisiert werden, das heißt, sich als unverwechselbar gestaltet zeigen. Was nur den Maßstäben des Allgemeinen und Standardisierten genügt, erscheint hier häufig unbefriedigend, ihm wird weder Aufmerksamkeit noch Wert gezollt. Sichtbar, anziehend, wertvoll und erstrebenswert wird dagegen häufig das, was als singulär erscheint: ob das in der Ernährung Bioprodukte sind oder die Schule mit besonderem Profil ist, die interessante Persönlichkeit auf Facebook oder die unverwechselbare Stadt als Wohn- oder Ferienort – schließlich sogar die besondere politische Gemeinschaft wie bei den Regionalbewegungen in Schottland oder Katalonien.

Sie nennen das aber nicht Individualisierung, sondern bevorzugen den Begriff der Singularitäten. Was ist der Unterschied?
Die Singularisierung unserer Welt ist viel umfassender und radikaler als die bloße Individualisierung. Individualisierung bezieht sich ja nur auf Menschen, aber singularisiert werden eben auch Dinge und Objekte, räumliche Einheiten wie Orte, zeitliche Einheiten wie Ereignisse oder kollektive Einheiten wie Gemeinschaften oder Institutionen. Hinzu kommt: Im Begriff Individualisierung schwingt immer die Opposition zwischen Individuum und Gesellschaft mit. Aber die Singularisierung ist selbst ein gesellschaftlicher Prozess: die soziale Fabrikation des Einzigartigen, ob sie in den Kreativindustrien oder den digitalen Bewertungsportalen stattfindet.

Sehen Sie das positiv oder gibt es auch die Gefahr der sozialen Isolierung und geringeren Solidarität? Fördert das den Zerfall der Gesellschaft?
Für mich ist die Gesellschaft der Singularitäten eine sehr zwiespältige Angelegenheit. Auf der einen Seite enthält sie enorme Befriedigungs- und Entfaltungsmöglichkeiten, viel intensiver als das der alten Industriegesellschaft mit ihrem Standardlebensstil möglich war. Auf der anderen Seite treten eine Reihe von Problemen auf, und eines davon ist das, was ich die „Krise des Allgemeinen“ nennen würde: Es werden immer mehr Differenzen produziert – zwischen den Berufsgruppen, den partikularen Öffentlichkeiten im Netz, auch ethnischen Communities und den Individuen selbst –, aber die Arbeit am Allgemeinen, an dem, was für alle gilt oder worin alle gleich sind, kommt dabei sehr kurz.

Interessant ist, dass Sie den Begriff von Klassen für die Gesellschaften einführen. Und dabei erkennen Sie eine neue Mittelklasse. Warum sprechen Sie wieder von Klassen und welche sind das?
Die Industriegesellschaft der 1950er bis 70er Jahre war in vieler Hinsicht das, was der Soziologe Helmut Schelsky eine „nivellierte Mittelstandsgesellschaft“ nannte: verhältnismäßig homogen und egalitär, da gab es höchstens Schichten, keine Klassen. Das hat sich seit den 1980er Jahren in allen westlichen Gesellschaften – ob in den USA, Frankreich, England oder Deutschland – gewandelt: Es werden nun stärker Differenzen und auch Polarisierungen zwischen sozialen Großgruppen deutlich, so dass man von Klassen sprechen kann. Entscheidend ist, dass dabei nicht nur die Einkommensschere auseinandergeht, sondern dass auch kulturelle Differenzen deutlicher geworden sind, die sich im Lebensgefühl niederschlagen. Es gibt hier einen Paternostereffekt von sozial-kulturellen Aufsteigern auf der einen Seite, Entwertungserfahrungen auf der anderen Seite. In der Drei-Drittel-Gesellschaft sind drei Klassen zentral: die neue Mittelklasse als „Aufsteiger“, die neue Unterklasse als „Absteiger“ und dazwischen die alte Mittelklasse in einer Sandwichposition.

Was ist typisch für die „neue Mittelklasse“?
Die neue Mittelklasse ist vor allem eine Klasse von Akademikern, das heißt Menschen mit Hochschulbildung. Dank der Bildungsexpansion ist das mittlerweile eine beträchtliche Gruppe von etwa einem Drittel der Bevölkerung. Man ist in der Wissensökonomie, auch der Kulturökonomie beschäftigt. Das Lebensprinzip der erfolgreichen Selbstverwirklichung ist hier zu Hause. In hohem Maße wird das eigene Leben singularisiert: von den Schulen für die Kinder bis zur Ernährung. Diese Gruppe lebt häufig in den großen Städten und pflegt auch einen gewissen Kosmopolitismus. Das Lebensgefühl ist grundsätzlich positiv: Man sieht sich auf einer Stufe mit der gesellschaftlichen Entwicklung, der Diversität und der Globalisierung.

Taugt der Klassenbegriff noch zum Kampfbegriff?
Nein, er ist für mich ein kühler Begriff der Beobachtung: Worin unterscheiden sich die sozialen Großgruppen? Aber tatsächlich kommt es zwischen den spätmodernen Klassen auch wieder zu symbolischen Kämpfen, die sich beobachten lassen: der Wahlkampf zwischen Trump und Clinton, zwischen Le Pen und Macron hatte Züge eines Klassen-Kulturkonfliktes.

Um den Kontrast und den historischen Bezug zu sehen: Die goldenen Jahre, die in den 70er Jahren endeten, waren das Zeitalter der Konformität, schreiben Sie in Ihrem Buch. Es gab den vom Philosophen Heidegger gehassten Konsum der Massenprodukte: Autos, Jeans, Waschmaschinen. Welche Bedingungen prägten die Moderne, die die Spätmoderne nicht besitzt?
Die klassische Moderne war in vieler Hinsicht ein großer Gleichmacher. Auf vielen Ebenen ging es um die Verfertigung des Gleichartigen, während das Einzigartige eher unter Verdacht stand oder durchs Raster fiel. Das reicht von der industriellen Massenproduktion und den in Serie gebauten Industriestädten über die standardisierten Normalarbeitsverhältnisse bis hin zu Volksparteien und Wohlfahrtsstaat. Auch für die Individuen war es vor diesem Hintergrund kein legitimes Ziel, ihr individuelles Selbst auszudrücken, sondern eher, so zu sein wie die anderen – und darin perfekt.

Heute ist es so, schreiben Sie: Das Subjekt performed sein Selbst, die anderen werden zum Publikum – wie auf Facebook. Es gibt den Kampf um Sichtbarkeit – vor allem in den sozialen Medien. Was treibt die Menschen an – oder sind sie vielmehr Getriebene?
Selbstmotivation und soziale Erwartung sind mittlerweile auf eine neue, paradoxe Weise miteinander verschaltet. Nehmen Sie eine interessante Ferienreise als Beispiel. Einerseits macht man sie, weil man selbst für sich neue Impulse und Erlebnisse sucht; andererseits kann man die Fotos davon auf Instagram verbreiten. Und nur wenn diese unvergleichlich sind, haben sie eine Chance auf Sichtbarkeit. Beide Motivationen können sich gegenseitig verstärken, sie können aber auch in einen Widerspruch münden.

Zählt auch der Rechtspopulismus zu der neuen Kultur der Singularitäten?
Der Rechtspopulismus ist zunächst eine Reaktion auf die Entwertungserfahrungen, welche die postindustrielle Gesellschaft der Singularitäten in bestimmten Milieus prägen. Diese Entwertungserfahrungen finden sich zum einen in der prekären neuen Unterklasse, die unter der Deindustrialisierung leidet, zum anderen in der alten, nichtakademischen Mittelklasse, die sich im Verhältnis zur hochqualifizierten neuen Mittelklasse teilweise in der Defensive sieht. Aus Segmenten beider Großgruppen rekrutieren die rechtspopulistischen Parteien ihre Anhänger. Obwohl es sich hier um eine Anti-Establishment-Bewegung handelt, bewegt sich der Rechtspopulismus aber zugleich selbst innerhalb der Normen der Gesellschaft der Singularitäten. Die singuläre Einheit, auf die man sich hier bezieht, ist nämlich das Volk – als besonderes, nationales, mit seiner vorgeblich zu schützenden Unverwechselbarkeit.

Wenn es so ist, überrascht es, denn eigentlich sind die Positionen der Linken – verschiedene Geschlechter, verschiedene sexuelle Orientierungen, verschiedene migrantische Communities – doch viel eher Beleg für die neue Kultur.
Das Interessante ist, dass die Orientierung am Singulären die Rechts-links-Unterscheidung unterläuft, und sich entsprechend unterschiedliche Versionen finden: auf der Linken die Orientierung an Diversität und individueller Selbstentfaltung, auf der Rechten die Orientierung an Volk und Nation. Die eigentliche politische Alternative zur Singularisierung besteht darin, statt auf das Besondere auf das Allgemeine zu setzen: ob im Sinne von sozialer Gleichheit oder kultureller Integration. Auch das lässt sich also wieder stärker links oder konservativ akzentuieren.

Ist die Zersplitterung des Parteiensystems eine Folge dieser neuen Kultur?
Die Auffächerung des Parteiensystems hat selbst eine singularistische Struktur: Die alten Volksparteien verstanden sich als Sachwalter des Allgemeinen und waren in sich recht gemischt. Von den neuen Parteien, die seit den 1980er Jahren entstanden sind – etwa in Deutschland die Grünen, die Linkspartei und dann die AfD –, erwarten die Anhänger vielmehr ein unverwechselbares Profil, das ihnen Identifikation verspricht. Noch stärker ist der Prozess etwa in den Niederlanden oder in Dänemark. Zugleich ist auch die soziale Basis dieser Profilparteien häufig einheitlicher: Die differenzierte Sozialstruktur verteilt sich damit auf ein entsprechend breites Spektrum von neuen Parteien, die in sich aber jeweils recht homogen sind.

Das Politische in der Spätmoderne kreist nicht mehr um Verteilungsfragen, geht es in Zukunft nur noch um kulturelle Fragen?
Tatsächlich spielt in der Politik die Gesellschaft der Singularitäten-Kultur eine verhältnismäßig wichtige Rolle, und zwar auch jenseits der klassischen Kulturpolitik. Fragen der kulturellen Identität haben aufseiten der Linken – vor allem in Nordamerika – wie der Rechten eine ungewöhnliche Prominenz erhalten. Man kann hier von einer Kulturalisierung der Politik reden. Aber wahrscheinlich wird das nicht das letzte Wort sein. Es gibt ja Gegenbewegungen einer „Politik des Allgemeinen“, in denen zum Beispiel Verteilungs- und Gleichheitsfragen, aber auch Fragen sozial-kultureller Integration in anderer Weise eine neue Rolle spielen. Die Herausforderung besteht offenbar darin, das Soziale und das Kulturelle zusammenzudenken. Wem dies nicht gelingt, der wird in der politischen Auseinandersetzung künftig in der Defensive sein.

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