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Nie ruht das Spielbein, auch nicht bei dem schon etwas älteren Rechtsfüßler (hinter dem Tor).

Jochen Schmidt „Ballverliebt“

Trotz des Karriereknicks im Knabenalter

„Ballverliebt“ ist das genau richtige Buch nicht nur während der Krisenzeit der komischen Fußball-Winterpause.

Von Martin Oehlen

Haben Sie es schon bemerkt? Der Ball ruht. Das Runde will partout nicht mehr ins Eckige. Jedenfalls nicht im Moment. Nicht so lange es diese komische Winterpause gibt. Als ob die Plätze jahreszeitlich noch so unbespielbar wären wie in seligen Kartoffelacker-Zeiten. Dieser Spielfrieden stört Sie gar nicht? Okay, dann ist das Folgende für Sie nur von kulturhistorischem Interesse. Allen anderen aber, die nach Kompensation lechzen, sei gesagt: Es gibt sie. Lesen funktioniert auch in diesem Krisenfall ganz gut.

Jochen Schmidt, Abwehrspieler in der deutschen Autorenfußballnationalmannschaft und Verfasser von Romanen und Kurzgeschichten, hat seine Gedanken zum Fußballspiel in literarische Vignetten gepackt. Diese kurzen Texte umspielen leichtfüßig, wenn man das mal so sagen darf, historische Amateuraufnahmen von fußballspielenden Menschen. Diese zumeist undatierten Schwarz-weiß-Fotografien hat Jochen Raiß auf Flohmärkten gesammelt. Sie alle haben den gewissen Kick. Mal sind sie melancholisch, weil die Tiefe des Raumes hier besonders groß ist, meistens aber schrullig und witzig: Hechelnde Helden, Frauen in Pluderhosen oder dickbäuchige Sportsleute bei gelenkverrenkenden Balleroberungsversuchen. Am schönsten womöglich der Zuschauer im Anzug, dem das Schussbein ausschlägt, während er eine Torszene beobachtet.

Welch lohnende Beschäftigung dieses Stöbern in alten Kisten ist, hat Raiß zuvor schon einmal nachgewiesen. Da hat er einen Foto-Band mit „Frauen auf Bäumen“ vorgelegt. Darin ging es tatsächlich um private Aufnahmen von – nun: Frauen auf Bäumen.

Auch „Ballverliebt“ ist ein ins Volle treffender Titel. Denn das ist Jochen Schmidt gewiss: Ballverliebt. Seit jungen Jahren schon. Aus Kindheit und Jugend kramt er eine Anekdote und eine Erleuchtung nach der anderen hervor. Seine Findigkeit, ja, man möchte geradezu von einer Fündigkeit sprechen, hat er schon in den Schullandheim-Erinnerungen seines Romans „Schneckenmühle“ (2013) bewiesen. Jetzt sind Formulierungen wie „Früher ...“ oder „In meiner Jugend ... “ typische Erzähl-Eröffnungen. Doch was danach kommt, ist meistens alles andere als typisch und erwartbar, sondern gewitzt und kurios.

Schauen wir nur einmal auf die Überlegungen zum Torwart unter besonderer Berücksichtigung des brasilianischen Fußballverbandes: „In meiner Jugend war das Tor die einzige Position, auf der die brasilianische Nationalmannschaft Probleme hatte. Sie verdonnerten anscheinend immer ihren schlechtesten Spieler dazu, im Tor zu stehen, im Feld wäre er den meisten Europäern immer noch überlegen gewesen, aber sein Torwartspiel war slapstickreif. Es war, als würden sie freiwillig auf den Sieg verzichten, weil es ihnen wichtiger war, ihre Verachtung für diese Position zu demonstrieren. Man wird den Ball kaum in die Hand nehmen, wenn man ihn mit dem Fuß kontrollieren kann wie ein Gott.“

Etwas weiter im Buch wechselt Schmidt die Position und den Kontinent. Beim Räsonieren über das Toreschießen kommt ihm dies in den Sinn: „Früher hieß es von afrikanischen Mannschaften, dass sie so ballsicher waren, aber den Torabschluss scheuten, weil sie zuhause keine Tornetze hatten und keine Lust, immerfort den Ball zu holen. Warum sollte man sich auch durch einen Schuss aufs Tor davon trennen?“ In aller Bescheidenheit setzt Schmidt dann nur in Klammern hinzu: „Ich selbst schieße so wenig Tore, weil mir das anschließende Abklatschen so peinlich ist, ich haue dabei sogar oft daneben.“ Tatsächlich sind die Fotografien für Schmidt lediglich Anlässe, seine Gedanken zum Ballspiel zu Papier zu bringen. Fast hätten wir geschrieben: Die Bilder sind für ihn wie Pfostenschüsse, die eine Mannschaft ja auch aufrütteln können. Aber das schreiben wir lieber nicht, weil die Metaphern hier ein wenig außer Rand und Band geraten. Jedenfalls findet Schmidt immer wieder den Weg zum Autobiographischen.

Die Leiden des Jungen Schmidt sind durchaus nicht gering: „Ich hatte als Kind zwei Leidenschaften, die schwer miteinander zu vereinbaren waren: zu hause bleiben und Fußball spielen.“ Flankenläufe im elterlichen Wohnzimmer – das ist nicht so doll. Leider wurde auch die Karriere früh geknickt: „Ich hatte schon mit neun Jahren das Gefühl, alles sei vorbei, weil damals im Stadionheft des BFC Dynamo sieben- bis achtjährige Jungen zu einem Probetraining eingeladen wurden. Zu spät. Ich konnte nicht mehr Fußballer werden, und dann war es auch egal, was ich sonst würde.“

So ist er eben Schriftsteller geworden. Auf diesem Feld gibt es zwangsläufig mehr Buch- als Ball-Kontakte. Schon im Februar erscheint das nächste Werk: Der Roman „Zuckersand“ handelt vom kleinen Karl und seinen Eltern. Womöglich auch er ein verkappter Fußballgott.

Jochen Schmidt, Jochen Raiß: Ballverliebt. Verlag Edel 2016, 208 S., 18 Euro.

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