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Das Rathaus von San Cristobal de las Barrancas in der Provinz Guadalajara ist angegriffen worden.

Juan Villoro „Das dritte Leben“

Tropen mit Adrenalin

Juan Villoros Mexiko-Roman „Das dritte Leben“ erzählt von einem verwüsteten Land

Von Eberhard Geisler

Es ist eine kaputte Gesellschaft, die Juan Villoro in seinem neuen Roman „Das dritte Leben“ beschreibt. Ort der Handlung ist ein Hotel an der karibischen Küste Mexikos. Das Gebäude ist architektonisch einer Maya-Pyramide nachempfunden. Es ist ein Etablissement für anspruchsvolle Touristen vor allem aus den USA und Europa. Hier wird ihnen etwas Besonderes geboten: Sie können einen Abenteuerurlaub verbringen, Gefahren bestehen, Angst verspüren. Bungee-Jumping und vorgetäuschte Entführungen durch Schauspieler, die den Guerrillero geben, stehen auf der Tagesordnung.

Die Gäste ergeben sich dem Nervenkitzel, spielen mit dem echten Risiko, um dann abends im Hotel wieder ihren Tequila Sunrise zu genießen. Das für Fremde exotische Land wird touristisch missbraucht; es soll getürkte Erfahrungen bereitstellen, statt sich in seiner Authentizität zu zeigen. „Die Dritte Welt existiert, um die Europäer vor der Langeweile zu retten.“ Und verlogen sind die Besucher aus den reichen Nationen selbst: Sie fordern Bio-Gemüse und Ökotourismus, sind dabei selbst aber die größten Umweltverschmutzer.

Das Land ist nicht minder verwüstet. Die Drogenmafia hat es fest im Griff und ist nicht zimperlich, wenn es um Beseitigung und Enthauptungen von Gegnern geht. Die Gewalt der Maya setzt sich fort aus alten Zeiten, als die Götter edle Opfer forderten, möglichst Prinzen, nicht irgendwen aus dem niederen Volk. Überfälle gehören zum Alltag; der Sicherheitschef des Hotels wird von Maskierten niedergeschlagen.

Auch die Natur ist schwer in Mitleidenschaft gezogen; die Küste verliert an Sand, weil der Strand fortgeweht wird, Wirbelstürme fegen über das Land und verwüsten es, Bohrinseln verseuchen das Wasser. Die Hotels in der neu errichteten Urbanisation stehen größtenteils leer, Ratten hausen in den Rohrleitungen. „In den Tropen ist die Wirklichkeit ein Delirium tremens.“

Auch der Erzähler hat Verstümmelung erfahren. Er entstammt einer kaputten Familie; der Vater hatte die Mutter verlassen und war untergetaucht, weil sie einen anderen hatte. Zwar war der Erzähler Mitglied einer Rockband, die zu ihren Zeiten recht erfolgreich war und bei ihren Auftritten rauschhaft gefeiert wurde, aber er war drogenabhängig und ständig vom Verlust der Erinnerung bedroht. Von einem Autounfall rührt ein hinkendes Bein, ein Fingerglied fehlt.

Nun arbeitet er in der Pyramide, wo er die Bewegungen der Fische im Aquarium in Töne umsetzt. Er unterhält eine lockere sexuelle Beziehung zu der Amerikanerin Sandra und ist mit Mario Müller befreundet, dem Hotelchef. Mario hat einen unheilbaren Tumor und will mit dem Helikopter in ein Unwetter fliegen, um sich in die tosenden Fluten zu stürzen. Er nimmt dem Erzähler das Versprechen ab, sich nach seinem Tod um seine kleine Tochter zu kümmern, die dieser zum Schluss zu sich aufnehmen und mit ihr in die Hauptstadt fliegen wird. Einmal heißt es, dass er dem Mädchen zum Einschlafen Geschichten vorliest, in denen der „Kampf zwischen Gut und Böse einen Sinn hatte“. Das ist aber wohl nur im Kinderbuch der Fall, wogegen der heillosen Wirklichkeit, wie sie sich den Menschen präsentiert, ein solcher Sinn nicht abzugewinnen ist.

Eine Harpune im Rücken

Natürlich ist das auch ein Krimi. Eines Tages wird ein toter Taucher im Neoprenanzug gefunden, in dessen Rücken eine Harpune steckt. Fast zur gleichen Zeit wird ein weiterer Mann ertrunken angespült. Die Ermittlungen beginnen, Vermutungen werden angestellt. Handelt es sich um zwei Schwule, die sich verabredet haben, gemeinsam den Tod zu suchen? Es kann aber auch die Tat von Terroristen sein oder mit dem Drogenhandel zu tun haben.

Vielleicht wollte Ginger Oldenville, der Taucher im Neoprenanzug. den Helden spielen und einen Drogenschmuggel aufdecken. Er war ein „Pfadfinder mit Messias-Allüren“. Maya-Gesetz war ja, dass der Beste sterben muss. Ein Inspektor tut seine Arbeit, und schließlich kommt es zur Aufklärung. Man wird die Entdeckung aber nicht an die große Glocke hängen, und der Erzähler empfindet am Ende sogar Verständnis und Sympathie für den Mörder.

Die Handlung, in der die Funken stieben, ist durch einen ausgearbeiteten Stil zusammengehalten. Villoro schreibt detailreich und schafft plastische Bilder. „Die glühende Luft auf der Straße traf mich wie eine Ohrfeige.“ „Sieben Stockwerke weiter unten rührte das Meer seine Wellen mit immer neuer, fließender Schwermut: ein anämischer Blues.“ Das bescheidene Holzkirchlein einer evangelikalen Gemeinde ist ein „Ort für Low-Budget-Hoffnungen“.

Die robuste Männlichkeit eines Piloten tritt hervor, weil das klapprige Flugzeug, das er steuert, einen Kontrast zu ihm bildet. Villoro ist ein Autor, dem die Lust am Schreiben anzumerken ist und der ein Feuerwerk treffsicherer Beschreibungen abbrennt. Wir haben hier ein gut gemachtes Buch vor uns, das ein grelles Licht auf ein zerrüttetes Land wirft, eine beklemmende Situation farbig ausschraffiert. Im Reisekoffer ist noch Platz dafür.

Juan Villoro: Das dritte Leben. Roman. Aus dem Span. v. Susanne Lange. Hanser, München 2016. 288 Seiten, 19,90 Euro.

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