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Verleger Joachim Unseld (l) gratuliert Bodo Kirchhoff am 17.10.2016 im Römer in Frankfurt am Main (Hessen) zum Gewinn des Deutschen Buchpreises 2016. Kirchhoff gewann die Auszeichnung für den besten deutschsprachigen Roman des Jahres. Foto: Arne Dedert/dpa +++(c) dpa – Bildfunk+++

Deutscher Buchpreis

Der Triumph in groben Zügen

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Ein Abend für die schlanke Linie: Romancier Bodo Kirchhoff gewinnt den Deutschen Buchpreis für seine konzentrierte Novelle „Widerfahrnis“ – Auch für die Frankfurter Verlagsanstalt ein Sieg

Es ist kurios, dass eine Buchpreisrunde, der leicht etwas Jungsromanhaftes vorgeworfen werden konnte, mit einer verhältnismäßig fußballmetaphern-haltigen Verleihung endete.

Aber erst die wichtigen Dinge. Bodo Kirchhoff hat gestern Abend im Kaisersaal des Frankfurter Römers den mit 25 000 Euro dotierten Deutschen Buchpreis zugesprochen bekommen. Der Deutsche Buchpreis zeichnet den „Besten Roman“ eines Jahrgangs aus, „Widerfahrnis“ ist eine Novelle, aber Kirchhoff mendelte sich beim fortschreitenden großen Lesen zunehmend als Favorit unter den letzten sechs der Nominierten heraus – der vielleicht noch am häufigsten genannte Mitfavorit Thomas Melle hat äußerst gezielt gar keine Fiktion geschrieben, so viel dazu.

„Widerfahrnis“ ist ein schmales, gewissermaßen schlankes Buch, in dem konzentriert die spontane, aber schnurstrackse Sizilienreise eines Paare geschildert wird, das sich am selben Tag erst in einer schmucken Wohnanlage in Süddeutschland kennengelernt hat. Der ehemalige Verleger, die ehemalige Hutladenbesitzerin, schon typische ältere, gebildete Deutsche, die nicht übermäßig viel zu verlieren haben. Lange denkt man auch, sie hätten nicht übermäßig viel zu befürchten. Sie sind in dem Alter, in dem man sich schon wieder ein wenig treiben lassen kann.

Die Liebe kommt – man kann sich bei Bodo Kirchhoff darauf verlassen, und auch darauf, dass der Text gleichwohl „Kitsch-imprägniert“ bleibt (so Juror Berthold Franke). Aber auch die Welt tritt an die beiden Reisenden heran, wenn sie in Süditalien ein kleines stummes Mädchen kennenlernen, eine Bettlerin, möglicherweise ein Flüchtlingskind, niemand scheint es zu vermissen. Sie bilden kurz eine Familie – sagenhaft besitzergreifend die Deutschen –, aber das geht nicht gut. Interessant, dass dieses kleine Hereinbrechen der außerdeutschen, außereuropäischen Realität „Widerfahrnis“ bereits zum mit Abstand unmittelbar politischsten Titel auf der Shortlist macht (klar, natürlich spielt Politik immer und überall rein, aber es war schon eine privatisierende Runde).

Geehrt, heißt es in der Begründung der Jury, werde „ein vielschichtiger Text, der auf meisterhafte Weise existenzielle Fragen des Privaten und des Politischen miteinander verwebt und den Leser ins Offene entlässt“.

Bodo Kirchhoff, der 68-Jährige, der seit mehr als vierzig Jahren in Frankfurt (und am Gardasee) lebt, war mit seinem großen Roman „Die Liebe in groben Zügen“ schon einmal in Buchpreisnähe – mit „Verlangen und Melancholie nicht“, fast verrückt, dass ausgerechnet der ausgewiesene Großromancier nun mit einem so ökonomischen Text gewinnt.

Jetzt jedenfalls war ihm die Zufriedenheit hinter den noch leicht gespannten Zügen anzumerken, er sei glücklicher, als man es ihm ansehe, erklärte er selbst. „Es ist wunderbar, dass ich hier stehen kann“, so Kirchhoff, in dieser Stadt, in die er einst eines berühmten Verlages wegen gezogen sei, den es nicht mehr gebe (Kirchhoffs Worte!). Ein Spross aber sei noch da, Joachim Unseld, Sohn des einstigen Suhrkamp-Verlegers Siegfried Unseld. Tatsächlich ist der zweite Buchpreis in Folge, der ins Rhein-Main-Gebiet geht – 2015 gewann der Offenbacher Frank Witzel –, auch ein doppelter regionaler Triumph: Für den Autor wie für die Frankfurter Verlagsanstalt. Wenn man hinzurechnet, dass Witzel bei Matthes & Seitz erscheint und wie der Frankfurter Schöffling-Verlag bei den Preisen der Leipziger Buchmesse abgeräumt hat, sind das übrigens auch ermutigende Jahre für nominell sehr kleine Verlage.

Seltsamer Titel, „Widerfahrnis“. Das Wort, so Kirchhoff in der längsten und am wenigsten verhedderten Dankesrede bei einem Buchpreis seit Menschengedenken, habe er fünf Jahren erstmals gehört. Der Zusammenhang sei gewöhnlich theologisch, auch bei Heidegger finde sich der Begriff, nicht aber im Duden. So habe er das Gefühl gehabt, nun im Besitz eines machtvollen Wortes zu sein, zu dem ihm aber noch jahrelang die Geschichte fehlte. Erst eine Reise mit einem anderen Manuskript und mit einer Begleiterin, die mit diesem Skript sehr unzufrieden gewesen sei, habe zum jetzigen Text geführt, vor allem dann ein langer Schreibwinter in Frankfurt. Frankfurt, diese weltoffene Stadt, sagte Kirchhoff, die für ihn „eine sehr gute Energie“ habe.

Ja, es war auch ein Abend der lokalpatriotischen Schlenker, zumal erstmals Oberbürgermeister Peter Feldmann (SPD) das Publikum begrüßte – vieldiskutiert worden bis ins Possenhafte war in der Stadt seine bisherige Abwesenheit am Abend der Verleihung.

Nun aber zum Fußball: Jury-Sprecher Christoph Schröder, der dezent durchblicken ließ, dass es in der Jury durchaus zuweilen rund ging, fasste die „harte Arbeit“ so zusammen: „Es gab das eine oder andere Foul, aber es wurde nicht nachgetreten.“

Bodo Kirchhoff im Glück gab noch zu Protokoll, dass es für seinen diesjährigen Gewinn zwei Anzeichen gegeben habe: Erstens der Sieg von Eintracht, also natürlich Eintracht Frankfurt, über Leverkusen am Wochenende vor der Shortlist-Nominierung.

Zweitens das Ergebnis des Spiels vom vergangenen Wochenende. Kirchhoff erklärte sicherheitshalber noch, dass die Eintracht da ein 2:2 gegen Bayern München erreichte.

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