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Trink Brüderchen, trink

Berufsjugendlicher Russenschelm: Wladimir Kaminer schmunzelt sich durch's Leben

Von Jörg Plath

Während es seinen westlichen Altersgenossen schon in der Jugend kaum mehr gelang, sich das Glück hienieden hinreichend konkret vorzustellen, wusste der gebürtige Moskauer des Jahrgangs 1967 stets, wo es anzusiedeln war. Das Glück befand sich für ihn, da mochte die sowjetische Propaganda noch so sehr mäkeln, jenseits des Eisernen Vorhangs. Das Gras war grüner dort, wo die Sichel nicht mähte und der Hammer nicht schmiedete. Zu seiner Entschuldigung sei gesagt: Niemand wusste es besser. Der Eiserne Vorhang tat ja seinem Namen alle Ehre und war recht undurchlässig. Das ließ sie seltsame, exotische Blüten treiben, die die unverfänglichen Namen Amerika, Paris oder London trugen. Kaminers Erzählungsband Die Reise nach Trulala erzählt von solchen Verheißungen und davon, wie sie schon in der Perestroika an der Wirklichkeit zuschanden werden. Das geliebte Amerika zum Beispiel: Die Hollywood-Filme, die in den Achtzigerjahren in Moskau gezeigt werden, sind allesamt langweilig, die T-Shirts in den Farben der amerikanischen Fahne verfärben sich beim ersten Waschen, und die Schlange vor dem ersten McDonald's am Puschkinplatz verschwindet schon nach einem Jahr. "Amerika brach quasi vor unseren Augen zusammen."

Als die Sowjetunion langsam zusammenbricht, reisen der Erzähler und sein Freund Andrej Richtung Westen. In einem Ausländerheim in Ostberlin bleiben sie hängen, kaufen zwei Busfahrkarten nach Paris mit offenem Abfahrtermin und genießen erst einmal das Gefühl der Reisefreiheit, indem sie sich beim Studium deutscher Biermarken allerlei von Paris erzählen - von seinen Glücksversprechen und den furchtbaren Enttäuschungen all jener, die auf sie hereinfielen. Die zwei Genießer im Plattenbau in Marzahn richten sich in der Äquidistanz zwischen Glück und Desillusion ein.

"Verfehltes Paris" heißt denn auch die erste Erzählung, die wie die anderen in sehr lakonischem Ton von abstrusen Schiffbrüchen berichtet. Mangel an Phantasie kann man Kaminer nicht vorwerfen. Seine Russen fahren nach Paris, müssen sich von Exilanten als KGB-Agenten beschimpfen lassen, irren mittellos durch die Kapitale, werden von einer Antiterroreinheit verhaftet, als sie nachts in einem Springbrunnen nach Münzen tauchen, und geben ihr mit Kindergartenliedern erbetteltes Geld voller Heißhunger schließlich für Konservendosen aus, die mit nichts als französischer Luft gefüllt sind.

Wie angenehm war dagegen der Aufenthalt eines Familienangehörigen vor Jahrzehnte: Die vielen Arbeitslosen auf den Straßen lächelten durchweg freundlich, tranken Wodka mit Bier, aber aus ganz kleinen Gläsern, und verstanden fast alle ein paar russische Sätze. Außerdem musste der Onkel für diese Reise in die französische Hauptstadt nicht einmal die Grenze der Sowjetunion überschreiten. Der tüchtige KGB hatte für verdiente Genossen ein Potemkinsches Dorf mit Eiffelturm und Big Ben erbauen lassen, das im Sommer als Paris und im nebligen Herbst als London diente.

Für solche absurden Episoden, bei denen nicht zu unterscheiden ist, ob sie autobiographisch oder erfunden sind, ist Wladimir Kaminer bekannt. Er lebt seit 1990 in Berlin, organisiert die legendäre "Russendisko" im Kaffee Burger und versorgt Tageszeitungen, Zeitschriften und das Fernsehen mit Texten. Beinahe nebenher beschickt er zudem den deutschen Buchmarkt mit Schelmengeschichten aus einem zwar nicht allzu langen, aber offenbar äußerst aufregenden Leben. Schönhauser Allee hieß der erste Band, dann folgten Russendisko und Militärmusik.

Die Urszene des Kaminerschen Schaffens geht so: Der kleine Wladimir hält sich wacker auf einem roten Plastikpanzer, den seine Mutter über einen unebenen Waldweg zieht. Da springt ein Exhibitionist aus einem Busch hervor und präsentiert einen Schwanz "groß wie eine Panzerkanone". Die Mutter ängstigt sich, aber der kleine Wladimir auf dem Plastikpanzer schreit: "Hau ab!" Sein Wille wird erfüllt. Seitdem, schreibt Kaminer, spricht er "und kann bis heute nicht damit aufhören." Kaminer zückt allzeit schwere Geschütze und schießt, was das Zeug hält. Bewundernswerterweise geht ihm trotz Dauerfeuer die Munition nicht aus, und so reihen sich zahllose Scherze, Anekdoten, Kalauer und Pointen aneinander. An Militärmusik - dem Band entstammt jene Urszene - schließt Die Reise nach Trulala nahtlos an. Kaminer ist in seiner Lebensbeschau nun schon in den ersten Jahren nach der Wende angekommen. Erzählte Zeit und Erzählzeit nähern sich damit bedrohlich einander an, aber das ist ja ein altes Projekt der Avantgarde.

In zwei der fünf Erzählungen liegt der Ort der Sehnsucht im Osten. In "Verschollen auf der Krim" findet ein mit Kaminer befreundeter Kunsthistoriker den einzigen Sohn des im Zweiten Weltkrieg abgestürzten und von Krimtataren geretteten Joseph Beuys, einen gewissen Viktor Josefowitsch. Und in "Verdorben in Sibirien" strampelt ein grüner Bundestagsabgeordneter mit dem Fahrrad durch die Tundra und erobert wider Erwarten die Herzen der rauen Landbevölkerung.

Wie temporeich, spannend und anspielungsreich von aberwitzigen Ereignissen in Russland erzählt werden kann, hat vor kurzem Stefan Sullivan in Sibirischer Schwindel (Andere Bibliothek bei Eichborn) vorgemacht. Verglichen mit den zwei Kurzromanen des Deutschamerikaners wirken Kaminers Erzählungen naiv. Durch den schlichten, dem Mündlichen angenäherten Tonfall, die Reihung in sich linearer Geschichten und das beständige stillvergnügte Schmunzeln zieht er ihrem zuweilen abgründigen Witz die Zähne. Nach vier Bänden dieser Art ist Kaminer zu wünschen, dass er die Rolle des berufsjugendlichen Schelms unter den Schriftstellern deutscher Sprache endlich hinter sich lässt. Sonst wird er noch als Heinz Erhardt aus dem Osten enden.

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