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Streitkultur statt Krawall-Kommunikation:  Der Buchtitel „Trigger-Warnung“ bezeichnet eine Warnung vor möglichen Auslösereizen.

Essays

„Trigger Warnung“: Mehr Fehler wagen

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Die Linke leidet mit viel Leidenschaft an sich selbst – für eine respektvolle und tolerante Streitkultur wirbt der Essayband „Trigger Warnung“.

Dürfen Linke Heimatgefühle haben? Wie viel Narzissmus steckt in der Identitätspolitik von Minderheiten? Tragen diskriminierte Gruppen zu ihrer eigenen Diskriminierung bei? Das sind Fragen, die in „Trigger Warnung“ auftauchen. In dem Sammelband aus dem Verbrecher Verlag mit 22 kurzweiligen Beiträgen geht es um Diskussionen innerhalb linker Gruppen, an denen die Linken selbst leiden. Denn allzu oft wird ein vermeintlich falscher oder unsensibel verwendeter Begriff zur Abgrenzung oder zum Ausschluss aus der eigenen Blase der Guten benutzt.

Gegen diese Intoleranz innerhalb der Linken, gegen die gegenseitigen Vorwürfe und internen Konkurrenzkämpfe um die einzig richtigen politisch-korrekten Begrifflichkeiten wenden sich die zahlreichen Autorinnen und Autoren des Bandes. Herausgegeben ist das Buch von Eva Berendsen, Saba-Nur Cheema und Meron Mendel, die in Frankfurt in der Bildungsstätte Anne Frank arbeiten und dort oft mit Vorurteilen konfrontiert sind. Die Frage, die sie zu dem Band verleitet, lautet: Kann sich die Linke die vielen internen Fronten angesichts der erstarkten Rechten leisten? Nein, deswegen ist Dialog nötig und dafür wirbt „Trigger Warnung“.

Das Buch ist in drei Abschnitte gegliedert: Verortungen, Verstrickungen, Verhandlungen.

In Verortungen (fünf Texte) geht es um die Fallstricke der Selbstdefinition und der vermeintlich richtigen, sensiblen Sprache. Wozu gut gemeinte Sensibilität führen kann, sagt zum Beispiel Markus Brunner: Die Ausweitung des Trauma-Begriffes, der seinen Anfang in der Erforschung der Folgen der Shoah nahm, auf unterschiedlichste Gewalterfahrungen und die Annahme, dass Begriffe allein Trauma-Erfahrungen reproduzieren können, lähmt nötige Diskurse. Denn „gewisse Forderungen, die aus dem Verweis auf eigene reale oder potenzielle Verletzungen erwachsen“ erschwerten andere emanzipatorische Debatten. Zugleich wirbt Brunner für „ein bisschen mehr kritische Selbstreflexion der weniger Diskriminierten und eine größere Sensibilität für Verletzungspotenziale und reale Verletzungen“. So würde möglicher Konfrontation einiges an Schärfe genommen werden.

Eva Berendsen, Saba-Nur Cheema, Meron Mendel (Hrsg): Trigger Warnung. Identitätspolitik zwischen Abwehr, Abschottung und Allianzen. Verbrecher Verlag, Berlin 2019. 270 S., 18 Euro.

Verletzende Konfrontation kann nämlich gesellschaftliche Konflikte verfestigen. Bezogen auf Diskussionen über sexuelle Gewalt und Rassismus schreibt (die FR-Kolumnistin) Hilal Sezgin: „In all diesen Diskussionen gab es in den letzten Jahren so viele Beschuldigungen, Unterstellungen, Verletzungen und Beleidigungen, dass wir keinesfalls welche hinzufügen sollten. Was leicht geschieht, denn wer oft verletzt wurde, verletzt oft auch selbst. Diese Themen gehen unter die Haut, und unsere Haut ist so dünn geworden, dass wir einander oft als Feinde begegnen.“ Es geht also darum, wieder durchzuatmen und nach Lösungen zu suchen, die helfen, Diskriminierungen zu überwinden und weniger darüber zu streiten, welche Gruppe am stärksten diskriminiert wird.

In Verstrickungen (neun Aufsätze) wird an konkreten Beispielen deutlich, wo sich Linke selber die Steine in den Weg legen, wenn sie zum Beispiel gegen bestimmte Diskussionsteilnehmer einer Veranstaltung protestieren, Weißen grundsätzlich das Recht absprechen, Dreadlocks zu tragen oder sich wie zum Beispiel in der #MeToo-Debatte zu stark an einzelnen Tätern abarbeiten, statt etwas umfassender auf das Patriarchat zu blicken. Eva Berendsen dazu: „Es ist natürlich einfacher gegen einen Dämon zu mobilisieren als gegen ein kompliziertes, in Teilen entpersonalisiertes System, in dem man sich mit eher sperrigen Themen wie Gesundheitsversorgung, gleiches Geld für gleiche Arbeit, mit dem Kleingedruckten des Sexualstrafrechts und dem ganzen prekarisierten Bereich der von (migrantischen) Frauen geleisteten Sorge- und Pflegearbeit auseinandersetzen muss.“ Einfacher wird es also nicht, wenn man ruhiger und verständnisvoller miteinander diskutieren will, aber dass und wie es gehen kann, zeigt „Trigger-Warnung“ gut. Differenzierte Kritik hören und annehmen, Selbstkritik wagen, über eigene Fehler auch lachen dürfen – und trotz allem dabei nicht vergessen, die Reihen zu schließen gegen diejenigen, die eine vielfältige Gesellschaft bekämpfen.

In Verhandlungen (sechs Beiträge) zeigen die Autorinnen und Autoren, wie eine Streitkultur, die nicht abwertet, aussehen könnte: Zum Beispiel in dem Interview mit den Journalistinnen des Berliner „Missy Magazine“, einer feministischen Pop-Zeitschrift. In dem Gespräch erklären Hengameh Yaghoobifarah und Stefanie Lohaus, nach welchen Kriterien die „Missy“-Macherinnen Autorinnen aussuchen und bringen es auf den Punkt, warum es unter den marginalisierten Gruppen zu gegenseitigen Verletzungen kommt: „Es ist ein Problem dieser mangelnden Ressourcen, dass es in unseren Zusammenhängen oft so emotional wird und so verletzend und auch so spaltend ist, weil wir um so wenige Ressourcen kämpfen und um die ganze Aufmerksamkeit.“

Es geht also auch um Aufmerksamkeitskonkurrenz. Ein Mittel, mehr Aufmerksamkeit zu erhalten, ist Satire. Leo Fischer, Ex-Chefredakteur der Zeitschrift „Titanic“, wirbt mit seinem Text „Macht Euch schmutzig!“ für mehr Mut. „Das Feld subversiver, krawalliger Kommunikation wird schon zu lange von den Falschen bestellt“, konstatiert Fischer und warnt ergänzend: „Man wird keine Preise dafür einheimsen, es ihnen ganz zu überlassen.“ Damit keine Missverständnisse aufkommen: krawallige Kommunikation soll triggern, aber eben die andere Seite.

Die in den Beiträgen immer wieder einfließenden Anspielungen auf die Diskussions(un)kultur im Internet kulminieren am Ende des Bandes in den „Zehn Punkten für den ultimativ richtigen Umgang mit Betroffenheit, Identitäten und Allianzen“. Hier fassen die Herausgeber und Herausgeberinnen zusammen, worum es ihnen geht: „Wir wissen, dass das Private der romantischen Idee zum Trotz alles andere als ein sicherer Ort ist. Also raus aus den angeblichen Safe Spaces und Echokammern, im Wissen, dass es schmierig werden kann. Wer die Parole fürs Schmutzigmachen allerdings (absichtlich) mit einem Freifahrtschein für Arschlochsein verwechselt, für den gilt: Zurück auf Start.“

Das Buch

Eva Berendsen, Saba-Nur Cheema, Meron Mendel (Hrsg): Trigger Warnung. Identitätspolitik zwischen Abwehr, Abschottung und Allianzen. Verbrecher Verlag, Berlin 2019. 270 S., 18 Euro.

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