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Trauriges Kino im Kopf

In dieser Bundesrepublik das Leben beenden müssen: Hermann Kant blickt nurmehr nach innen

Von ULRICH SONNENSCHEIN

Er war einmal ein mächtiger Mann, nicht nur des Wortes. Als er die Aula schrieb, oder das Impressum, konnten auch dezidierte Kritiker des realexistierenden Sozialismus in der DDR nicht umhin, ihm ein Gespür für sprachliche Finessen und ironische Wendungen zu attestieren. Hermann Kant verstand sich auszudrücken und in der sprachlichen Vielfalt die Intention zu verstecken, um die es ihm als "Aktivist der DDR" immer auch ging: Mit kritischem Ton wollte er ein politisches System festigen, das öffentliche Kritik als oberstes Vergehen ahndete. So wurde Hermann Kant nicht nur Präsident des Schriftstellerverbandes, sondern vor allem zum 1. Staatsschriftsteller der DDR. Welche Händel er unter dem Decknamen Martin mit der Stasi trieb, ist dabei nicht von Belang und an anderer Stelle nachzulesen.

Was aber tut ein Staatsschriftsteller, dem der Staat unter den Händen weggestorben ist und zwar so gründlich, dass er selbst in sehnsuchtsvollen Erinnerungen keinen Platz mehr finden kann? Er wendet sich nach innen. Und genau das hat Hermann Kant, nach allen möglichen Versuchen der Rechtfertigung (Kormoran) und der Vergangenheitsbeschwörung (Okarina) nun auf ganz eigene Weise getan. Sein Buch der Introspektion nun ausgerechnet Kino zu nennen, also nach dem Ort, der das Selbst am ehesten vergessen macht, ist noch sein klügster Einfall.

Da liegt ein alter Mann in geliehenem Schlafsack in der Fußgängerzone seiner Heimatstadt Hamburg wie ein verwegener Bettler und betrachtet alles, was um ihn herum geschieht. "Sinnstudie! - Nicht stören und nichts spenden!", diese Worte hat er auf den Schlafsack geschrieben, um aus dem Missverständnis ein Happening und somit Kunst zu machen. Das aber ist schon alles, was man wissen muss, um den Handlungsrahmen zu verstehen, in dem Hermann Kant nun eine Art Kino im Kopf ablaufen lässt, ein Kino, das sich kein Filmemacher zumuten würde. Dabei stehen ihm sein grammatikalischer Beziehungswahn, sein Drang zu Wortklaubereien, sprachlichen Volten und alliterativen Bandwurmwörtern wie "Bauzaunaufbauradau" eher im Wege. Denn in der pointillistischen Struktur dieses Romans entwickelt sich aus den vielen einzelnen Pinselstrichen kein Ganzes. Das Bild bleibt verschwommen, wir sitzen in Kants Kino viel zu nah an der Leinwand.

Offenbarungseid

Wozu aber dienen ihm dann diese lamentierenden Beobachtungen, dieses endlose Nachdenken über bundesdeutsche Bürokratie, Heilsarmee und verdeckte Ermittlung? Über das Großkapital, das der Staat mit aller Macht zu schützen weiß und die Kleinkriminellen, die selbst ihm, der unwissentlich auf dem Platz einer anderen liegt, mit der Androhung äußerster Brutalität zu Leibe rücken?

Hermann Kants so genannte Sinnstudie ist der Offenbarungseid eines Schriftstellers, der seine Kapitalismuskritik nur noch als subjektive Marotte verkleiden kann, der sich wie ehemals in der DDR hinter kunstvollen sprachlichen Gebilden versteckt, um bloß nicht offen Position beziehen zu müssen. Freimütig bekennt seine Figur, dessen ganzes Fühlen und Denken sich nur noch auf das äußerst Banale zu beziehen weiß: "Ich lebe in der Bundesrepublik heißt für mich: Ich lebe in ihr mein Leben zu Ende. Ende." Hermann Kants Kino ist ein Roman, der mit dem letzten Vorhang liebäugelt, aber nicht wie im Brechtschen Theater alle Fragen offen lassen kann. Alles, was am Theater authentisches Spiel ist, musste aus Kants Text weichen und hat einer Form von Wirklichkeit Platz gemacht, die in einem durch und durch tristen Drama ihr Ende findet. Die Übersetzung von Wahrnehmung in Sprache kann kaum besser gelingen - doch bleibt diese so selbstbezüglich, so formal und ziellos, dass sie zum Mantra der eigenen Selbstversicherung wird und damit auch den Leser ausschließt.

Es ist als höre man kleinen Kindern zu oder fremden Priestern, die unaufhörlich Worte von sich geben, deren Sinn niemand verstehen muss. In diesem Sprachstrom kommt dann auch die eigene Selbstwahrnehmung zum Erliegen.

Tatsächlich birgt Kants Text eine Erfahrung, die der im Kino nicht unähnlich ist. Man vergisst sich selbst und lässt sich umhüllen von den Gedanken und Ideen eines anderen. Hermann Kant benutzt seine Worte nicht, um etwas zu beschreiben, um etwa Bilder im Kopf entstehen zu lassen, von dieser nicht ganz unbekannten Fußgängerzone in Hamburgs City. Seine Worte sind der Film, den wir sehen sollen, auch dann, wenn sie sich auf Paul Newman oder Charlie Chaplin beziehen. Kants Wortkino allerdings ist derart manieriert, dass man schon seine Tendenz zur Gesellschaftsflucht teilen müsste, um sich auf diesen Text überhaupt einlassen zu können, der bei aller Beobachtung keinerlei Platz lässt für Individualität.

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