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Traum und Traumata

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Von: Katharina Granzin

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Der Vergnügungspark als natürliches Habitat der Amerikaner.
Der Vergnügungspark als natürliches Habitat der Amerikaner. © REUTERS

Hintergründig, ironisch, tragikomisch: A. M. Homes' "Auf dass uns vergeben werde".

Es liegt eine gewisse Ironie darin, dass ausgerechnet die Amerikanerin A.M. Homes den letztjährigen Women’s Prize for Fiction (vormals Orange Prize for Fiction) verliehen bekam. In ihrem damit preisgekrönten Roman „Auf dass uns vergeben werde“ umkreist die 1961 geborene Autorin, die bevorzugt männliche Protagonisten in den Mittelpunkt ihrer Prosa stellt, möglicherweise mehr noch als sonst typisch „männliche“ Befindlichkeitswelten. Das tut sie auf ihre einzigartig doppelbödige Art, bei der sich ein menschenfreundlicher Humor mit unübersehbarer Lust an der Enttabuisierung geheimer Obsessionen und menschlicher Schwächen paart.

Der Ich-Erzähler, ein Historiker und College-Dozent mittleren Alters, erscheint wie ein zufällig ins Leben Gefallener, der weniger agiert, als dass er sich agitieren lässt. Zum Beispiel von seiner Schwägerin Jane, die ihn auf einer Thanksgiving-Feier mit einem leidenschaftlichen Kuss überrascht. Der erotisch Überrumpelte – von dem wir erst nach etwa einem Drittel des Romans erfahren, dass er Harry heißt – hat einen Bruder, George, mit dem Jane verheiratet ist. George ist ein Alphatier in fast atavistischer Ausprägung, lebt aus dem Vollen, leitet einen TV-Sender, betrachtet die Welt als sein Eigentum. Und fährt eines Tages, ohne dass er erklären könnte warum, sein Auto in einen anderen Wagen und tötet die Eltern eines Jungen, der als einziger das Unglück überlebt.

Während George in der Psychiatrie verwahrt wird, kümmert Harry sich um Jane. Die beiden beginnen eine Affäre, die abrupt endet, als George eines Nachts ausbricht und nach Hause fährt, um seine Frau zu erschlagen.

Dieses Drama stellt keineswegs die Handlung des Romans dar, sondern ist nur ihr Auslöser. Auf den folgenden sechshundert Seiten lernen wir Harry kennen, dem plötzlich eine enorme Verantwortung zuwächst, während sein bisheriges Leben in Trümmern liegt. Verlassen von der Ehefrau und hinausgeworfen aus der gemeinsamen Wohnung, zieht er in Georges Haus und fungiert als Ersatzvater für dessen zwei Kinder sowie als Bezugsperson für die Haustiere.

Die sich abzeichnende Harmonie wird unerträglich

Natürlich ist erst einmal lange Zeit nichts gut, und Harry, der bisher so vor sich hin gelebt hat, muss ein langes Tal des Leidens durchschreiten. Der Autorin gelingen großartig tragikomische Szenen, darunter eine, bei der Harry beim Gassigehen im Park einen Nervenzusammenbruch erleidet und um ein Haar der Festnahme wegen Herumlungerns entgeht. Zu allem anderen Elend verliert er auch noch seinen College-Job, weil sein Forschungsgebiet, Richard Nixon und dessen Zeit, als irrelevant eingestuft wird. Auch die Arbeit an seiner großen Nixon-Biografie kommt ins Stocken. Harry kanalisiert unterdrückte Gefühle von Trauer und Frust in zufällige sexuelle Erlebnisse, die über eine Internet-Kontaktseite zustandekommen.

Doch allmählich wendet sich das Blatt. Aus einer rein sexuellen Beziehung wird eine wichtige Freundschaft, aus einer anderen bleiben Harry die alten, dementen Eltern der Geliebten, die er quasi adoptiert. Ein weiteres Kind ergänzt die Familie – jener Junge, dessen Eltern George bei dem Autounfall getötet hatte. Die Katze bekommt Junge, und Harry einen tollen Freelancer-Job als Nixon-Lektor. Das wäre selbstverständlich zu viel des Guten und die sich abzeichnende große Harmonie unerträglich, wenn einen nicht die tief in diese trügerisch angenehme Prosa implantierte Ironie davon abhielte, das Erzählte allzu wörtlich zu nehmen.

Denn die Geschichte von Harry und seiner Wahlfamilie weist über den konkreten Erzählgegenstand weit hinaus ins Allgemein-Amerikanische. Genussvoll stellt A.M. Homes die zivilisatorischen Absurditäten der bürgerlichen US-Gesellschaft aus, in der Konsum und Dienstleistungen das Leben bis in die kleinsten Verästelungen bestimmen. Supermärkte und Vergnügungsparks sind das natürliche Habitat ihrer Bewohner, Geld ist der organisch nachwachsende Rohstoff ihrer Existenz. Wenn diese Menschen in Berührung mit Personen aus anderen Kulturen kommen, so sind sie ehrlich enttäuscht, dass jene sich dringend einen Plasmafernseher wünschen.

Geld ist der organisch nachwachsende Rohstoff der amerikanischen Existenz

Und trotz ihres unbestechlichen Blicks auf all diese menschlichen Ungereimtheiten steht die Autorin jederzeit auf seiten ihrer Protagonisten. Sie führt den American dream als eine zwar absurde Art zu leben vor, streichelt aber den kindlich aufrechten Menschen, die in ihm gefangen sind, gleichzeitig mild über die Wange.

Die Besessenheit ihres Ich-Erzählers von Richard Nixon, der das Gegenteil des amerikanischen Traums, also ein amerikanisches Trauma, symbolisiert, läuft dabei wie eine unterirdische Gegenströmung mit. Wie ein mahnendes, latent bedrohliches „Es“, das die bequeme Selbstverständlichkeit, mit der das Leben in seinen gut geschmierten Konsumbahnen verläuft, konstant in Frage stellt. Eruptive Ausbrüche wie jenes Drama, mit dem der Roman begann, erscheinen auf dem Hintergrund dieser existenziellen Spannung zwischen Oberfläche und Tiefenstruktur geradezu zwangsläufig.

Der beiläufige satirische Humor, der diese hintergründige Prosa ausmacht, wird allerdings von der mitunter allzu glatt zu lesenden Übersetzung von Ingo Herzke nicht immer eingefangen. In die fast überbordende menschliche Harmonie der letzten Seiten bringt die Autorin, gleichsam als Gegengift, eine erfrischend zweideutige Note, wenn es heißt: „…still the thought of Jane fills me with heat. I feel myself rise to the occasion.“ Um diese gezielte Schlüpfrigkeit kommen die Deutschleser, denen an derselben Stelle angeboten wird: „… immer noch wird mir beim Gedanken an Jane heiß. Ich spüre, wie ich an der Herausforderung wachse.“ Das ist, mit Verlaub, Blödsinn. Jammerschade um diese Schluss-pointe. Es ist der drittletzte Satz.

A.M. Homes: Auf dass uns vergebenwerde. Roman. A. d. Engl. von Ingo Herzke. Kiepenheuer & Witsch, Köln 2014. 627 S., 22,99 Euro.

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