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Der Traum von der Heimat

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Von: Arno Widmann

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Kazuo Ishiguro gibt am Donnerstag spontan eine Pressekonferenz in seinem Garten in London.
Kazuo Ishiguro gibt am Donnerstag spontan eine Pressekonferenz in seinem Garten in London. © dpa

Literaturnobelpreis-Träger Kazuo Ishiguro gilt seit langer Zeit als einer der interessantesten Autoren Englands. Ishiguro ist Engländer - und zugleich ist er es nicht.

Vor acht Jahren schrieb Haruki Murakami das Vorwort zu einem Band mit Essays über Kazuo Ishiguro. Titel: „Was es bedeutet, einen Zeitgenossen wie Kazuo Ishiguro zu haben“. Es gebe nur sehr wenige Autoren, bei denen er, sowie ein neues Buch von ihnen erscheine, alles stehen und liegen lasse und sich ganz auf das neue Buch des Autors stürze. Einer von diesen sei Kazuo Ishiguro. Jedes Buch von ihm sei, so Murakami, anders als alle seine Vorgänger, aber dennoch hingen sie alle zusammen und ergänzten einander wie „miteinander verbundene Moleküle“.

Ishiguro trete, so Murakami, nicht wunderbarerweise alle paar Jahre mit einem neuen Meisterwerk an die Öffentlichkeit, er habe einen „Meisterplan“, in dem sich Buch an Buch zusammenfüge zu einer „Makroerzählung“. Es sei wie bei einem Maler, der an einem Riesengemälde arbeite und nach und nach immer neue Flächen der Leinwand fülle. Ein Lebenswerk, ein sich immer weiter ausdehnendes Universum. Dafür bewundere er Ishiguro: „Als ein Leser von Romanen ist es eine Freude, mit einem Zeitgenossen wie Kazuo Ishiguro gesegnet zu sein. Und für einen Romanautor ist es eine große Ermutigung. Wenn ich mir vorstelle, wie seine zukünftigen Werke wohl aussehen werden, ist es, als würde ich mir meine eigenen noch zu schreibenden Romane vorstellen.“

Es wäre schön, ich könnte jetzt ausführen, was Murakami so beredt uns preist. Aber die Wahrheit ist: Ich sehe das nicht. Es mag daran liegen, dass ich nicht jeden Roman, nicht jede Erzählung von ihm gelesen habe. Er hat mich nicht in einen Süchtigen verwandelt. Es ist etwas ganz anderes, was mich an Ishiguro interessiert. Salman Rushdie überschrieb eine Sammlung seiner Essays mit „Imaginary Homelands“. So las ich Kazuo Ishiguros Romane.

Er kam zwar 1954 in Nagasaki als Kind von Japanern zur Welt, verließ das Land aber bereits als Fünfjähriger. Er ging in England zur Schule, er studierte dort, besuchte bei Malcolm Bradbury – das tat auch Ian McEwan – einen Kurs für kreatives Schreiben. 1983 und 1993 nahm ihn die wohl führende Literaturzeitschrift der angelsächsischen Welt, „Granta“, zweimal in die Liste der besten jungen britischen Autoren auf.

Der in Japan geborene Kazuo Ishiguro wurde zu einem der besten Stilisten der englischsprachigen Welt. Er gilt seit Jahrzehnten als einer der interessantesten Autoren Englands. Er ist Engländer – und zugleich ist er es nicht. Viele seiner Bücher handeln von Japan. Das meine ich mit „imaginary homelands“. Er erträumte sich eine Heimat, die er in England wohl hat und zugleich nicht hat. Er erträumte sich aber kein schöngefärbtes, kein nostalgisch ersehntes Japan, sondern zum Beispiel das Japan des Zweiten Weltkrieges, eine wüste Welt von Unterwerfung und Verknechtung, in der der Einzelne vergeblich versucht, seiner Schuld, die er sich erwirbt durch das, was er tut oder auch nicht tut, zu entgehen.

Es gehört zu den Leistungen Ishiguros, sich diesen Fragen zu stellen. Es gehört aber auch zu seinem Glück, dass er das nicht in Japan und nicht auf Japanisch tun musste, sondern es in England auf Englisch tun konnte und musste. Auf diese Weise ist er, so nahe er in seinen Erzählungen auch immer dem Geschehen kommen mag, doch gleichsam in einem anderen Medium und ganz sicher in einer anderen Kultur unterwegs, die sich dem Geschehen in Japan als einer exotischen Fremde nähert. Auch für ihn wird sie fremd sein. Zugleich aber ist sie die Welt, aus der er kommt, deren Produkt er auch ist. Wenn er sie beschreibt, beschreibt er nicht seine Heimat, aber doch ein auch politisch-kulturelles Gelände, das leicht seine Heimat hätte bleiben können.

Sein berühmtestes Buch ist ein leises Sittengemälde aus der Sicht eines Butlers: „Was vom Tage übrigblieb“. Das Buch erschien im mitteleuropäischen Epochenjahr 1989. Es ist der Rückblick eines alten Mannes auf seine Jahre als Diener eines Appeasement-Politikers, der als „Nazifreund“ galt. Wieder geht es um Schuld und die Unmöglichkeit, ohne sie zu leben. Es ist aber auch ein Buch über versäumte Chancen und nicht wahrgenommene Möglichkeiten eines anderen Lebens. Ein trauriges Buch, das viel zu leise ist, als dass auch nur die Idee von Verzweiflung aufkommen könnte. Ein viel zu pompöses Wort, eine viel zu starke Emotion. 2015 wählten 82 internationale Literaturkritiker und -wissenschaftler den Roman zu einem der bedeutendsten britischen Romane.

2015 erschien Ishiguros neuester, in der deutschen Übersetzung von Barbara Schaden 416 Seiten umfassender Roman „Der begrabene Riese“. Er spielt im 5. Jahrhundert in Britannien. Ein Paar – Außenseiter im Dorf – macht sich auf eine Reise, während das Land und sie selbst sich verändern. Er beginnt mit den Worten: „Nach den kurvenreichen Sträßchen und beschaulichen Wiesen, für die England später berühmt wurde, hättet ihr lange gesucht. Gefunden hättet ihr stattdessen endlose Weiten, ödes, unbestelltes Land ...“

Die Welt ändert sich. Keine Heimat bleibt, wie die Erinnerung sie einem ausmalt, und kein Mensch bleibt, der er ist. Und der er ist, ist hervorgegangen aus einem, der anders war, und er wird wie die Welt um ihn herum anders werden. Das ist das Thema von Romanen, seit es sie gibt. Metamorphosen finden immer statt und werden immer wieder beschrieben. Es ist das, was mich reizt an Ishiguro. Die Heimatlosigkeit und der nimmermüde Versuch, sich in immer neuen, selbst geschriebenen Heimaten zurechtzufinden. Japan im Zweiten Weltkrieg. Britannien im 5. Jahrhundert.

Daniel Kehlmann beendete vor zwei Jahren seine enthusiastische Besprechung von „Der begrabene Riese“ mit den Worten: „Vor allem aber ist der die Erinnerungen löschende Nebel womöglich nicht der Fluch, als der er zu Beginn erschienen ist. Aber ist es nicht ein Axiom, dass Literatur für die Erinnerung und gegen das Vergessen steht? Wer würde es wagen, diesem Satz zu widersprechen und das Vergessen zu verteidigen?“ Womöglich der Nobelpreisträger der Kunst der Erinnerung Kazuo Ishiguro.

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