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1. Mai 1988, Karl-Marx-Allee in Ostberlin.
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1. Mai 1988, Karl-Marx-Allee in Ostberlin.

Jürgen Kocka „Arbeiterleben und Arbeiterkultur“

Der Traum vom Fortschritt

„Arbeiterleben und Arbeiterkultur“: In seiner Untersuchung zur Kultur der Arbeiterbewegung räumt Jürgen Kocka auch mit mancher Illusion auf.

Von Wilhelm von Sternburg

Auch für die Historiker gilt: Jede Zeit fordert neue Deutungen der Vergangenheit. Nicht nur die Forschung erobert sich kontinuierlich neue thematische Zugänge und Quellen. Auch der Zeitgeist spielt bei der Betrachtung und Darstellung von geschichtlichen und gesellschaftlichen Phänomenen seinen Part.

Über die Arbeiter und ihre politischen und gewerkschaftlichen Bewegungen wurde seit den Jahren der Industrialisierung und des Aufstiegs der europäischen Sozialdemokratie immer wieder mit sehr unterschiedlichen Akzenten geforscht und berichtet. Mehr als ein Jahrhundert leidenschaftlicher und mit hohem ideologischen Ballast besetzter Diskussion über Werden und Wirken der Arbeiterklasse mündete schließlich in ruhigeres Fahrwasser: Nach dem Zusammenbruch vieler Illusionen, der sich im Scheitern des real-existierenden Sozialismus manifestierte, und mit dem Beginn einer neuen industriellen Revolution, für die nicht zuletzt die Digitalisierung in den Produktionshallen steht.

Noch in den sechziger und siebziger Jahren des vorigen Jahrhunderts verloren sich auch Wissenschaft und Forschung immer wieder in den Machtkämpfen ihrer Zeit. Der Marxismus, eigentlich schon auf dem Totenacker der Geschichte abgestellt, erlebte in einer sich vom Turbo-Kapitalismus abgestoßen fühlenden Generation Westeuropas noch einmal eine kurze, heftige Renaissance. Der Blick dieser Jahre auf Geschichte und Zukunft der Arbeiterklasse, auf die soziologische und kulturelle Deutung ihrer Entstehung und Entwicklung geriet dabei nicht selten ins Unwissenschaftliche, gar Schwärmerische.

„Die Arbeitergeschichte gerät neu in Bewegung“, schreibt Jürgen Kocka in seiner Untersuchung über „Arbeiterleben und Arbeiterkultur“, die als dritter Band in der Reihe „Geschichte der Arbeiter und der Arbeiterbewegung in Deutschland seit dem Ende des 19. Jahrhunderts“ erschienen ist. Der Band beschäftigt sich nicht mit Aufstieg und Entwicklung der deutschen Arbeiterbewegung, sondern im Zentrum von Kockas Buch steht die „Darstellung einer sozialen Klasse“.

Schreckliche Hungerjahre

Der Sozialhistoriker bietet eine akribisch belegte und mit manchem neuen Blickwinkel ausgestattete Untersuchung über „die Entstehung einer sozialen Klasse“ in den Jahren zwischen etwa 1830 und 1890. Einen Zeitraum also, in dem die deutsche Gesellschafts- und Wirtschaftsgeschichte einen tiefgreifenden Wandlungsprozess durchgemacht hat. Er umfasst den Weg von der Landwirtschaft zur Industrieproduktion, von der Heimarbeit der schlesischen Weber zur Lohnarbeit der Fabrikarbeiter, vom Pauperismus mit seinen schrecklichen Hungerjahren zum sich wandelnden Verhältnis von Armut und Arbeit.

Jenseits aller Ideologie macht Kocka deutlich, dass die wirklichen Elendsjahre der von ihren Guts- und Dienstherren oder Manufakturbesitzern abhängigen Massen vor dem Durchbruch der industriellen Revolution lagen. „Anfang der 1840er-Jahre arbeiteten nur zehn Prozent aller Beschäftigten in Manufakturen, Bergwerken oder Fabriken. 1875 war es bereits ein Drittel. Bis 1900 stieg der Anteil auf 60 Prozent.“ Diese Entwicklung blieb nicht ohne Folgen auf das Wachsen einer organisierten Arbeiterbewegung. „Nicht die Pauperie des Vormärz und der 50er-Jahre, sondern – die nicht mehr absolut armen – Arbeiter des dritten Jahrhundertviertels sind zu Trägern einer sozialen Bewegung geworden, einer Arbeiter-, nicht einer Armenbewegung.“

Wer mit dem Durchbruch der Lohnarbeit einen Arbeitsplatz hatte, konnte der „absoluten“ Armut entgehen. Aber das Elend der Arbeitslosen, der Alten und Kranken blieb die moralische und den Alltag unzähliger Familien bestimmende Wunde des Kapitalismus: „Trotz Überlappung zwischen Armut und Erwerbsarbeit war schon in den 40er-Jahren bemerkbar gewesen, dass viele der Ärmsten nicht arbeiteten und die meisten Arbeiter nicht zu den Allerärmsten zählten.“

Marx nannte die Angehörigen dieser Gruppe verächtlich das „Lumpenproletariat“. Wer heute offenen Auges durch die Straßen deutscher Städte geht, wird nicht übersehen können, dass sich jenseits von Arbeit und Brot eine neue Verelendung entwickelt hat und diese nicht allein ein Kennzeichen des Frühkapitalismus ist.

Sexismus, Nationalismus, Rassismus

Nüchtern räumt Kocka mit der Illusion auf, dass „die Allianz von Arbeiterbewegung und Fortschritt“ in jedem Fall garantiert gewesen wäre. „Obwohl vornehmlich zivilgesellschaftlichen Werten und aufklärerischen Traditionen verpflichtet, haben Arbeiterbewegungen bisweilen der Versuchung des Sexismus, Nationalismus und Rassismus nicht widerstanden.“ Eine These, die zahlreiche sozialistische Deutungen der letzten 150 Jahre entzaubern und ganze Bibliotheken dazu verdammt, ihr Dasein auf dem Altpapierberg zu beenden. Mit Blick auf die realen politischen Entwicklungen der Jahre nach 1850 ist Kockas Hinweis nicht ganz überraschend. Aber in der theoretischen Debatte argumentieren linke Historiker und Soziologen bis in die Gegenwart hinein häufig mit erstaunlichen propagandistischen Leerformeln.

Im Zentrum des Buchs stehen allerdings nicht die politischen, sondern die sozialen und kulturellen Dimensionen des Arbeiterlebens im Deutschland der Restaurationszeit, der gescheiterten bürgerlichen Revolutionen und des industriellen Aufstiegs in den Bismarck-Jahren. Kocka berichtet von Existenzen „unter strengen Knappheitsbedingungen“ und persönlichen Krisenbedrohungen. Er erzählt von Lebensläufen und Familienverhältnissen. Er beschäftigt sich mit „Wahrnehmungen, Erfahrungen und Deutungen, Mentalitäten und Lebensweisen, Gebräuchen und symbolischen Praktiken, Selbst- und Weltverständnis in der Arbeiterschaft“.

Den Leser erwartet ein pralles Buch der Erkenntnis, eine blitzsaubere wissenschaftliche Untersuchung, die mit manchem Vorurteil aufräumt. Eine von vielen Schlussfolgerungen Kockas erscheint mir besonders bemerkenswert: „Armut und Arbeit prägten die Arbeiterfamilie. Sie definieren deren unübersehbare Unbürgerlichkeit in einer Zeit, in der das Modell der bürgerlichen Familie breite normative Geltung gewann, weit über das Bürgertum hinaus und bis in die Köpfe vieler Arbeiter hinein.“ Eine Tatsache, die leider oft nicht zum Guten großen Einfluss auf die Haltung der deutschen Arbeiter in extremen politischen Momenten der deutschen Geschichte des 19. und 20. Jahrhunderts hatte.

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