Jungautor

Traum und Fleisch

Wahnvorstellungen höheren Grades: Zu den Gedichten von Constantin Banescu.

Von Jan Wagner

Die Literaturgeschichte kennt viele Jungverstorbene, doch der frühe Tod der Berühmten ist längst Teil ihres Mythos geworden. Wir akzeptieren ihn als unverzichtbaren Schluss der Erzählung, als die wir ihre Biografie zu lesen gewohnt sind.

Wie traurig aber macht es, von einem Zeitgenossen zu erfahren, der eben noch lebte und schrieb, ganz und gar nicht fiktiv und entrückt, und doch im Alter von nur 27 Jahren keine Alternative sah, als den Punkt selbst zu setzten. Constantin Virgil Banescu, der im Zweitnamen den römischen Dichter trägt, der Dante in seiner „Divina Commedia“ durch Hölle und Purgatorium bis hinauf zum Thron Gottes führt, begann sein Leben 1982 im Süden Rumäniens, in Targovite, und ließ es im Sommer 2009 freiwillig enden. „das sind wahnvorstellungen höheren grades die du hast/ sei stolz/ du siehst dinge die niemand sonst sieht/ deine wahnvorstellungen sind von eines höheren grades ordnung“, lesen wir nun in einem seiner Texte, dessen Schlusszeilen angesichts der Tragödie geradezu prophetisch klingen: „um meine botenschuld nun vollends abzustatten/ werde ich dir aber verraten dass diese wahnvorstellungen/ dich töten werden// und mehr weiß ich nicht“.

Der Fatalismus, der aus diesen Zeilen spricht, ist längst nicht allen Gedichten Banescus eigen, wohl aber eine Grundstimmung des Überdrusses, ob der Sprecher vor der Menge in sich selbst erschrickt oder bekennt, dass er eigentlich ganz gut auf sich selbst verzichten könnte, ein Gefühl der Ausweglosigkeit: „meine seele/ weiß nicht wohin/ und auch nicht/ dass sie nirgend hinkann“.

Zwei Wörter sind es, die dabei immer wiederkehren, die gemeinsam das zentrale Begriffspaar von Banescus Poesie bilden: Auf der einen Seite der Traum, auf der anderen das Fleisch, „diese krankheit“, wie Banescu schreibt, das Fleischliche an sich, also „das bisschen leib/ das du in obhut hast“. Es wird übel malträtiert, ob Wangen in Fetzen gerissen oder Zähne ausgeschlagen, ob in einer Selbstverstümmelungsphantasie Haut und Fleisch von den Händen und von der Brust entfernt oder einem Hund die Zähne gezogen und die Krallen ausgerissen werden, bis der so grausam Misshandelte ganz und gar wehrlos ist: „die augen hab ich ihm darum gelassen:/ zusehn soll er/ und nicht können soll er“.

Noch ein Tag im Leben

Heilsam wirken kann da nur der Traum, und nicht umsonst tragen gleich eine ganze Reihe von Gedichten das Sanskritwort „swapna“ im Titel, was sich mit „Traumzustand“ übersetzen ließe. Auch die Bilder, die Logik erscheinen oft traumgleich, ja viele der Gedichte wirken wie äußerst knapp geratene Traumprotokolle. Dass an einer Stelle die „malerei der surrealisten“ angerufen wird, ist folglich kein Zufall, und zweifellos hätte auch André Breton seine Freude gehabt an den oft überraschenden Anfangszeilen Banescus („zu der zeit als ich frauenkleider trug/ trank ich viel tee“), am gequälten Witz und an den scharfgestellten, präzisen Details: „das licht wacht noch über/ den letzten mistkäfer der/ über die rüstung des jungen/ besiegten am feldrand kriecht“.
Wunderbar auch, wie Banescu ein Paar nach einer Liebesnacht in einem Unterstand im Wald „am morgen herabsteigen/ und beim heuwenden helfen“ lässt. Zwar ist nicht alles gleichermaßen überzeugend, scheint einiges mehr notiert als gestaltet, mehr hingeworfen als ausgearbeitet zu sein. In ihren besten Momenten aber erzeugt Banescus Lyrik mit ihrem saloppen Ton, der sich mit dem bitteren Ernst seiner Weltsicht verbindet, schöne Effekte („auf einmal sind/ holterdiepolter/ bereits zwanzig jahre/ durch mich gerollt“), entstehen famose Miniaturgrotesken und Gedankenspiele.

„ruhend sind mir im liegen/ frauenkörper in den sinn gekommen/ und wäre nichts mir in den sinn gekommen/ so wären es doch frauenkörper/ die mir nicht in den sinn gekommen wären“. Das ist von großem Charme und vielleicht das schönste in einer ganzen Serie von kurzen Gedichten mit dem Titel „liebäugler“. Dicht gefolgt freilich von einer zwingend absurden Beobachtung Banescus: „ich würde gern mein/ linkes bein um einen fuß/ erweitern – wäre es mir/ nicht so lästig/ fünzehn nägel zu schneiden“.

Das schöne Wort „Liebäugler“ schmückt auch den Titel des ersten der drei Gedichtbände, die Banescu veröffentlichen konnte: „Der Hund, die Frau und die Liebäugler“ erschien, als der Autor gerade rimbaudsche achtzehn Jahre alt war, gefolgt von „die blüte mit dem einen kelchblatt“ – zwei Bücher, die nicht nur die Aufmerksamkeit der literarischen Szene Rumäniens erregten, sondern auch die Oskar Pastiors. Der nahm sich der Verse an und übersetzte sie ins Deutsche.

Ein Gedicht, das Ernest Wichner in seinem kurzen Nachwort zitiert, widmete der jüngere dem weit älteren Dichter, nur ein Jahr vor Pastiors Tod, vier vor dem eigenen: „der tag an dem ich sterbe / ist noch ein tag im leben“, so lauten die berührenden, außergewöhnlichen Schlusszeilen.
Von einer anderen Widmung spricht ein frühes Gedicht aus Banescus Debüt, das die vorliegende deutsche Auswahl eröffnet. Es richtet sich an eine Haëla und benennt, gleich hier am Anfang, die poetische Grundlage eines Autors, eines Liebäuglers, von dem man sich gern auch ein mittleres und ein spätes Werk hätte schenken lassen: „als ausgebuffter schwere- & gewissensnöter/ habe ich ihr meinen ersten gedichtband/ zu widmen versprochen// klar: schreiben würde ich ihn nicht/ wenn ich glücklich wäre“.

Constantin Virgil Banescu: „Der Hund, die Frau und die Liebäugler“. Gedichte. A. d. Rumänischen v. Oskar Pastior. Wunderhorn 2010, 86 S., 17,90 Euro.

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