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Robert Walser (1878 – 1956), auf einer Fotografie von circa 1900. Am Ersten Weihnachtstag für 60 Jahren wurde er tot aufgefunden. epd
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Robert Walser (1878 – 1956), auf einer Fotografie von circa 1900. Am Ersten Weihnachtstag für 60 Jahren wurde er tot aufgefunden. epd

Robert Walser

In träumender Ferne

Vor 60 Jahren ist der große Dichter Robert Walser gestorben. Eine Leseaufforderung.

Von Dirk Pilz

Als am Ersten Weihnachtstag des Jahres 1956 Kinder unweit von Herisau im Schweizer Kanton Appenzell Ausserrhoden einen erfrorenen Mann im tiefen Schnee fanden, die linke Hand von sich gestreckt, die rechte auf der Brust, mit offenen Augen unter dem Himmel, und ihren Fund bald den zuständigen Erwachsenen meldeten, hatte dieser Mann seit 23 Jahren die örtliche Heil- und Pflegeanstalt bewohnt, ohne weiter zu tun, was er zuvor, so sagte er, „bodenlos erfolglos“ getan hatte: eine Prosawelt zu erschaffen, die von stiller, suchtmachender Schönheit ist, voller leiser Komik und knisternder Melancholie, die zu lesen nicht aufhören kann, wer je begonnen hat, sie sich auf den Tisch zu legen.

Nur wenige kannten diesen im April 1878 in Biel zur Welt gekommenen Dichter seinerzeit, und die Wenigen fanden reichlich Anlass sich zu wundern, wenn nicht zu erschrecken, dass eben jener Robert Walser in seinem Anfang des Jahres 1906 in nur sechs Wochen in Berlin verfertigten Roman „Geschwister Tanner“ von einem Dichter namens Simon berichtet, der auf dieselbe Weise den Tod fand wie sein Erfinder fünfzig Jahre später: während eines einsamen Winterspaziergangs „in der bitteren Kälte“.

Es fällt einigermaßen schwer, an einen Zufall zu glauben, auch wenn es noch schwerer fällt, eine andere wenigstens halbwegs überzeugende Erklärung für diese seherische Vision zu finden. „Das ist das beste, was du tun konntest“, so steht es im Roman, „die Menschen sind immer geneigt, derartigen Käuzen, wie du einer warst, weh zu tun und ihre Schmerzen zu verlachen.“

Als Kauz ist auch Walser oft betrachtet, wenn nicht abgetan worden, einfach, weil er ein Leben führte und Schreiben vollbrachte, das sich den gewöhnlichen Mustern entzog. Er hat eine Banklehre absolviert und im Spätsommer 1905 in Berlin einen Kurs zur Ausbildung als Diener belegt, wo er bis zum Jahr 1912 blieb und neben dem „Tanner“-Roman auch seine ebenso berühmten Bücher „Der Gehülfe“ und „Jakob von Gunten“ schrieb. Er glaubte eine Stadt, „wo der raue, böse Lebenskampf“ regiert, nötig zu haben, um seine Ruhe zu finden und sich als Schriftsteller durchzusetzen, was ihm nicht gelang, weshalb wohl bis heute lediglich eine kleine Tafel an seinem einstigen Wohnsitz in der Kaiser-Friedrich-Straße 70 erinnert.

Er ging deshalb in die Schweiz zurück, schrieb in einer winzigen Schrift mit Bleistift seine Texte auf Blätter, die man eine Zeitlang für eine Geheimsprache hielt, eher er von Angstzuständen und Halluzinationen geplagt erst die Heilanstalt in Waldau bei Bern, später jene in Herisau bezog.

Ein Roman auf 526 Zetteln

Zahlreiche seiner Texte, darunter der Räuber-Roman, haben sich in diesen sogenannten Mikrogrammen erhalten, insgesamt 526 Zettel, verstaut in einer Schuhschachtel. Aus ihnen entsteht der Eindruck einer Welt, die bis in die winzigsten Details voller Rätsel steckt und von einem alles umfassenden Geheimnis eingehüllt ist. „Niemand ist berechtigt, sich mir gegenüber so zu benehmen, als kennte er mich“, sagte Walser.

Das gilt auch für seine wundersamen Prosastücke: Man kennt sie nicht, je mehr man sie liest. „Das Nächstliegende liegt wie in weiter, weißer, schleierhafter, träumender Ferne“, steht in der 1907, ebenfalls in Berlin verfassten, dichten Erzählung „Kleist in Thun“.

Robert Walser war, wie sein legitimer Nachfolger und größter Bewunderer W.G. Sebald einst notierte, „nur auf die flüchtigste Weise mit der Welt verbunden“. Gerade so aber hat er ihr unerschrocken über die Schulter und ins Register zu schauen vermocht. Man muss seine Texte lesen, unbedingt, immer wieder, gerade in dieser von Hektik und Unruhe, Distanz- und Geheimnislosigkeit geplagten Zeit.

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