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Träume in fremden Betten

Alles da, gut abgehangen: Botho Strauß erzählt von einer "Nacht mit Alice, als Julia ums Haus schlich"

Von Martin Lüdke

Vielleicht nur eine Affäre, doch mit der Wirkung einer Splitterbombe. Eine Liebesgeschichte, in vielen kleinen Geschichten erzählt. Elegant, geschmeidig, zuweilen etwas preziös. (Ein Fremdwörterbuch in der Nähe kann nicht schaden, hilft bei der "Thymotechnologie" aber auch nicht weiter.) Es sind oft kuriose und groteske Geschichten, größtenteils auf die Urszene bezogen, der dieses Buch, das verständlicherweise auf jede Gattungsbezeichnung verzichtet, den Titel verdankt. Aberwitzig und surreal geht es zu. Es gibt viele komische Szenen, auch viele kühne Bilder. Zeitgeist-Analysen, Albträume, Wunschvorstellungen. Gegen Ende lockert sich das Gefüge, es kommt zum Beispiel Theaterklatsch dazu. So wird von einer Schauspielerin berichtet, die nach der Premiere von einem Mann "mit kahlem Schädel und schönen weichen Gesichtszügen" respektvoll angesprochen wurde: "Ich will Sie nicht aufhalten, aber einmal muss ich es Ihnen doch sagen. Ich kann Sie auf der Bühne nicht ertragen. Sie sind die einzige Schauspielerin, von der ich behaupten möchte: Sie hat mir noch nie gefallen." Der Mann räumt zwar ein: "Anderen mag es anders gehen, ich kann nur von mir reden." Danach holt er noch einmal kräftig aus.

Botho Strauß erzählt diese Geschichte wie eine Anekdote, erweitert aber den Rahmen und gibt schließlich - zaghaft - einige Hinweise zur Deutung. Überhaupt ist der essayistisch-reflektierende Anteil zugunsten des erzählerischen zurückgenommen. Entsprechend unaufgeregt, manchmal schon putzig kommt sein neues Büchlein daher. Nur der Titel lässt aufhorchen: Die Nacht mit Alice, als Julia ums Haus schlich. Er ist wörtlich zu nehmen. Leicht zu deuten, wie viele der Träume, in denen der Autor seine Ansichten vom Stand der Dinge in Bilder gesetzt hat. Wieder einmal erweist Strauß sich als glänzender Phänomenologe, der noch die Speckfalten unserer Kulturträger so genau beschreiben kann, dass sie als Hürden der intellektuellen Beweglichkeit erkennbar werden. Die bittere Kulturkritik, in Metamorphosen verkleidet und zuweilen wieder auf die Folie griechischer Mythologie gezeichnet, hält sich in erträglichen Grenzen. Auch der hohe Ton, für den dieser Autor einmal berüchtigt war, klingt eher gedämpft.

Nur am Anfang heißt es schrill: "ICH BIN DER, SIE IST DIE. Nie waren wir mein und dein. Aug in Aug sahen wir uns oft aus großer Ferne an." Es geht jedoch gleich in gemäßigter Tonlage weiter. Wie so oft bei Botho Strauß, lohnt es sich auch diesmal wieder einmal mitzulesen, was er nicht geschrieben hat: die Vorgeschichte.

Vor gut einem Vierteljahrhundert, in dem auch seinerzeit ungewöhnlich heißen Sommer, klagte ein junger Mann, dem die Freundin entlaufen war und der - nicht nur deshalb - seinen revolutionären Elan in Trauerarbeit verwandelt hatte, dass uns "allermeiste" Butter auf dem Kopf sei. Nicht anders als jenem abessinischen Eingeborenen gehe es uns, "der einen wichtigen Mythos nicht mehr wusste und sich deshalb nicht erklären konnte, weshalb er zu so verschiedenartigen Anlässen ein Stück Butter auf dem Kopf trug. ‚Unsere Vorfahren kannten den Sinn der Dinge, aber wir haben ihn vergessen.'"

Wir, das heißt die aufgeklärten Zeitgenossen der westlichen Kulturen, kommentiert Strauß, "kennen den Sinn der unzähligen Überbleibsel, in denen wir uns ausdrücken, noch sehr viel weniger".

Das war 1977. Die Widmung hieß die Erzählung. Es war der erste große Erfolg des Dramatikers - als Erzähler. Symptomatisch dazu. Denn Strauß ließ seinen Helden nicht in der revolutionären Betriebsarbeit als starkes Vorbild, sondern als einen kleinen Stadtneurotiker erscheinen, der mit seinen ganz privaten Problemen einfach nicht zu Potte kam. Die studentische Linke merkte verdutzt auf. Marcel Reich-Ranicki jubilierte (wenn auch, diesen Autor betreffend, zum letzten Mal). Botho Strauß war spektakulär aus der politischen Einheitsfront ausgetreten. Und er legte noch nach, 1981, mit Paare, Passanten. Mit seltsamem Pathos beschwor er das "traurige Trugbild eines alten Mannes", dem er "niemals begegnet war" und "gleichwohl verehrte wie keinen zweiten". Venedig, Sommer 1969. Adorno, der damals in der Schweiz gerade gestorben war, saß allein, "an einem Caféhaustisch", mitten im Strom der Touristen, er, der "berühmte Philosoph", "von dem ich soviel in mich hineingedacht hatte".

Schließlich: "Heimat kommt auf (die doch keine Bleibe war), wenn ich in den ‚Minima Moralia' wieder lese. Wie gewissenhaft und prunkend gedacht wurde, noch zu meiner Zeit! Es ist, als seien seither mehrere Generationen vergangen." Anschließend, in Klammern, eine Feststellung, die damals zwar keineswegs übersehen worden, doch in ihren Konsequenzen noch gar nicht übersehbar war: "(Ohne Dialektik denken wir auf Anhieb dümmer, aber es muss sein: ohne sie!)"

Von heute aus erkennt man, dass mit dieser Diagnose ein bedeutsames Datum gesetzt war: der Generationswechsel der westdeutschen Nachkriegsliteratur. Es wurde die Abkehr von einer Tradition ratifiziert, für die etwa die Gruppe 47 einstand: die Verbindung von Modernität und Moralität. Dieses mächtige Bollwerk, als Nebenfolge der Studentenbewegung schon lädiert, begann nun endgültig zu bröckeln. Hans Magnus Enzensberger hatte mit seinem Untergang der Titanic, 1978, an den Grundpfeilern gerüttelt.

Botho Strauß stellte das ganze Bauwerk in Frage. Er verabschiedete das kritische Denken überhaupt, das für die gesamte deutsche Nachkriegsliteratur das "Maß aller Dinge" gewesen war. Wo das hinführen würde, war damals kaum absehbar. Es war nur zu spüren, dass sich hier etwas bewegte. Das sicherte seinen Büchern nicht nur Aufmerksamkeit, auch Bedeutung, zumal sich Strauß seit jeher nicht am Geräusch und Gerede des Kulturbetriebs beteiligte, sondern schrieb.

Sein Weg führt dann aber folgerichtig weiter vom Jungen Mann, 1984, bis zum Anschwellenden Bocksgesang, 1993, das heißt zu einer eigenwillig definierten "Rechten", die für ihn "zuerst das Rechte des gegenrevolutionären Typus von Novalis bis Rudolf Borchardt" ist. Und genau deshalb bietet das neue Buch keine Überraschung. Zudem lässt sich Die Nacht mit Alice, als Julia ums Haus schlich als hübsche Traumgeschichte lesen. Strauß verabschiede sich von der Politik, begrüße Frauen, Glück und Liebe - jubilierte schon nassforsch die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung. Man kann es so sehen. Der "rote Finger", der gelegentlich an "die Fensterscheibe klopft" stützt diese Lesart.

"In einer Nacht, in der ein Mann umständehalber nicht bei seiner Frau liegt, sondern im fremden Bett bei einer Unbekannten, findet er ohnehin keinen ruhigen Schlaf. Er wälzt den Kopf im Kissen und träumt von tausend Unbekannten, die alle auch noch in sein Leben treten wollen." Die tausend Unbekannten, die da "geträumt" werden, erscheinen in vielen kleinen, kurzen Erzähl-Stücken. Es gibt Party-Szenen, wie wir sie aus seinen Stücken kennen. Denkbilder, Sittengeschichten. Funkelnde Beschreibungen von Manager-Seminaren, übelste Wissenschaftsphantasien, etwa über die "Leute vom Endgeist", die "kleine Köpfchen mit verschrumpelten Gesichtern trugen" und keck von sich sagen: "Wir Köpfchen sind die abgründig Gestrigen".

Auch aus Gen-Manipulationen sind sorgenträchtige Episoden gestrickt. Die "Stummelschwielen ihrer Angriffswerkzeuge" oder die "bioplastischen Fehlentwicklungen", die sich über die Straßen schleppen, haben schon Albtraumcharakter. Auf der anderen Seite parabelhafte Traumgeschichten, wie die sicher beste Erzählung von einem Pärchen, das für Bekannte eine Villa hüten soll und (dafür) mit injizierten Hormonen präpariert wird. Oder Julias geduldige Suche nach dem zweiten Gesicht ihres ersten Mannes. Als Studentin der Betriebswirtschaft hatte sie die gutmütigen Züge im Gesicht eines Professors entdeckt. Sie war neugierig geworden - auf sein zweites Gesicht. Sie beobachtet den Mann. Sie versucht ihn zu überraschen, zu überrumpeln. Sie verführt ihn, heiratet ihn und lebt mit ihm. Sie betrügt ihn, stürzt ihn in Schulden. Sie verlässt ihn zeitweise, sie zieht nach seiner Emeritierung mit ihm in ein sardisches Bauernhaus, aber: "alles war umsonst!"

Erst als der Mann überraschend stirbt, sie das Tuch von seinem Gesicht hebt, um ihn ein letztes Mal auf die Stirn zu küssen, sieht sie - "sein zweites Gesicht! Im Schrecken des Todes war es klar hervorgetreten. Aber es trug weibliche Züge, und es waren die ihren." Das alles wird zusammengehalten nicht nur durch die prunkende Sprache, einen Stil, dem bisweilen auch die Anstrengung abzulesen ist (beim "Sandkuchenhaften Geruch einer Unfruchtbaren"), sondern auch durch die Rahmenhandlung einer Nacht unruhiger Träume. Strauß lässt die Grenzen zwischen Traum und (fiktionaler) Realität verschwimmen. Er will die Nachtseite der Vernunft ausmessen. Aber er will noch mehr.

Die seit jeher unterschiedliche Entwicklung von Peter Handke und Botho Strauß lässt seit jeher immer auch Parallelen zwischen den beiden erkennen. Beide galten spätestens seit den achtziger Jahren als das neue "Maß der Dinge". Handkes Versuch, die profane Wirklichkeit magisch aufzuladen und als Trittleiter der Erleuchtung zu benutzen, wurde von Strauß mit einem Neo-Romantizismus unterlaufen, der sich, ohne theologischen Stützbalken, zeitweilig stark an der griechischen Mythologie orientierte. Handke beschwor. Strauß beschrieb. Seine "dichte Beschreibung" wollte (und will) aber nicht etwa die Grenzen der Vernunft sichern und ausweiten, sondern, im Gegenteil, aufweichen.

"Jede Nacht besuchen wir die Schule der Vergrößerungen, die das Gedächtnis unserer Liebe und Liebesmöglichkeit auffrischt. Und mehr noch! Was hätte unser Hirn der Vernunft zu bieten, ohne Erinnerungen an die fabelhaften Vergrößerungen der Nacht." Wir brauchten diese "Zufuhr von reiner, bewusstseinsfreier Sinnlichkeit" um unsere "Tagessinne" wieder zu stärken und zu schärfen. Das heißt, Strauß rationalisiert nicht etwa den Traum. Im Gegenteil, er traumatisiert sozusagen die Vernunft. "Der Traum ist die Schmiede des Unverstehens. Wir können nichts begreifen am hellen Tag ohne die heimliche Rückversicherung bei dieser wüsten Umkehrung, die an allen beteiligt ist, was wir ordentlich erledigen".

Strauß sieht in dieser Begründung der Vernunft im Traum "unsere anarchische Reserve". Er bewegt sich hier auf dem vertrauten Gelände seiner konservativen Revolutionäre. Nur räumt er ein: "Aller Sinn war schließlich zerrupft zu losen Fransen, wie das Stroh, das die Kühe aus der Raufe ziehen." Auf diesem Strohbett ruht nun die Nachtseite unserer Vernunft. Das muss uns nicht beunruhigen. Denn wir haben ja die Kunst und ihn, den Künstler. Alles da, proper serviert, gut abgehangen. Interessant.

Botho Strauß: Die Nacht mit Alice, als Julia ums Haus schlich. Carl Hanser Verlag, München 2003, 150 Seiten, 17,90 €.

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