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Tove Ditlevsen „Gesichter“: Das alte Licht der Welt

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Von: Steffen Herrmann

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Tove Ditlevsen. Ateljé Uggla
Tove Ditlevsen. Ateljé Uggla © Ate Ugglaljé

Tove Ditlevsens Geschichte eines Wahns.

Gesichter sind überall; sie begleiten und begegnen uns, aber nur selten nehmen wir sie wirklich wahr. Meist muss erst etwas durcheinander geraten, Chaos in der Welt oder Chaos in uns sein. Und im schlimmsten Fall verwischt die Grenze zwischen innen und außen, wie in Tove Ditlevsens „Gesichter“.

Ihre Protagonistin Lise Mundus geht schon lange nicht mehr auf die Straße, aus Angst vor den Gesichtern, die ihr dort begegnen würden. „Sie wagte es nicht, sich neue aufzubürden, und fürchtete ein Wiedersehen mit den alten, die nicht mehr in die Erinnerung passten, wo sie sich zu den Toten gelegt hatten, vor denen man anders geschützt war.“ Lise Mundus ist erfolgreiche Kinderbuchautorin, Mutter und Ehefrau eines Mannes, der „ihren Ruhm als persönliche Beleidigung auffasst“ und sie „mit großem Eifer“ betrügt – und das „obwohl sie seit zwei Jahren keine einzige Zeile geschrieben hatte“. Das ist der Ausgangspunkt: eine Frau, die von dem weggetrieben ist, was sie liebt und erfüllt – dem Schreiben, und erst in zweiter oder dritter Linie ihrer Familie.

Es ist also etwas durcheinander geraten im Leben von Lise Mundus: „Ihr Gesicht im Spiegel erschien ihr müde und abgetragen wie ein alter Handschuh.“ Die Schreibmaschine verstaubt, die Gesichter fremd und bald kommen Stimmen hinzu – aus den Heizungsrohren, Lüftungsschächten und Kissen. Chaos drinnen und draußen. Im Zentrum von Lises Wahnvorstellungen steht Gitte, die Haushaltshilfe der Familie, „sie gab jedem von ihnen etwas, das er nicht entbehren konnte“: mit dem Vater geht sie ins Bett wie auch mit dem älteren Sohn, den jüngeren versorgt sie mit Desserts, die Tochter ignoriert sie und Lise gibt sie Tabletten, die sie schlafen lassen. Und mit denen ein Suizidversuch und die anschließende Flucht in eine Nervenheilanstalt inszeniert werden.

Das Buch:

Tove Ditlevsen: Gesichter. Roman. A. d. Dänischen v. Ursel Allenstein. Aufbau Verlag, Berlin 2022. 160 Seiten, 20 Euro.

Ditlevsen erzählt anregend vom um sich greifenden Wahnsinn ihrer Heldin, die Sprache – übersetzt von Ursel Allenstein – ist ausdrucksstark und voller Bilder. Sie verwebt surreale Szenen mit literarischen Verweisen, etwa auf Vladimir Nabokovs „Lolita“, wenn die Möglichkeit eines sexuellen Verhältnisses ihres Mannes mit der gemeinsamen Tochter durch Mundus’ Bewusstsein zieht.

Die 1917 in Kopenhagen geborene und 1976 gestorbene Ditlevsen hatte selbst ein bewegtes Leben mit mehreren Ehen, Sucht, Entzügen und Klinikaufenthalten, das sie in ihrer Literatur verarbeitete. Oder aktiv dafür nutzte, wie Allenstein in ihrem Nachwort schreibt, um dann Ditlevsen selbst zu zitieren: „Ich benutzte meine psychotischen Erfahrungen dazu, die vielleicht bitterste Krise in unserer tragischen Ehe zu verschleiern.“

Die im vergangenen Jahr auf Deutsch im Aufbau-Verlag erschienene Kopenhagen-Trilogie machte die in Dänemark verehrte Ditlevsen auch hierzulande bekannt. In „Gesichter“ spielt Ditlevsen erneut mit Fiktion und Erlebtem. Der Roman erschien 1968 nur ein Jahr nach „Kindheit“ und „Jugend“ – den ersten beiden hierzulande als Kopenhagen-Trilogie vermarkteten Büchern, in denen Tove Ditlevsen eine gleichnamige Ich-Erzählerin von ihrem Aufwachsen erzählen ließ. Nun trägt die Protagonistin einen anderen Namen, biografische Parallelen aber bleiben: Mundus etwa ist der Mädchenname von Ditlevsens Mutter. Alle Frauen in Ditlevsens Büchern eint das Gefühl, in einer grauen und faden Welt zu leben, deren „Licht bereits alt geworden war“, wie es in „Gesichter“ heißt. Ein Gefühl, das sie nur in den Momenten des Lesens und Schreibens überwinden. Vor allem des Schreibens – über jene, die sie lieben oder nicht lieben können, über das Schreiben selbst und über das „Gefühl, durchsichtig zu sein, wie aus Papier ausgeschnitten“.

Und am Ende von „Gesichter“ wartet, typisch für Ditlevsen, wiederum das Schreiben: Es tröstet und verspricht Rückzug und Rettung – den Figuren, und ihrer Autorin. „Lange Sätze schwebten durch ihre aufgewühlte Seele.“ Sätze, die nichts am Chaos hinter den Gesichtern und in der Welt verändern, und es doch einen Augenblick erträglich machen.

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