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In Glasgows Buchanan Street kann einkaufen, wer das Geld hat.
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„Totstück“, „Milch oder Blut“

„Totstück“ von Denise Mina und „Milch oder Blut“ von Lizy Cody: Sie tun es, weil sie arm sind

  • Sylvia Staude
    VonSylvia Staude
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Denise Mina und die gefährlichen Straßen von Glasgow, Liza Cody und das nächtliche Dickicht von London.

Es gibt zwei neue Romane von Autorinnen, die von Anfang an so frei waren, die Grenzen des Krimigenres mal sachte, mal resolut, immer originell zu verschieben: Die 1966 geborene Schottin Denise Mina hat Jura studiert und lehrt auch Kriminologie; die 1944 geborene Engländerin Liza Cody hat an der Royal Academy of Arts Kunst studiert, arbeitete als Fotografin, Malerin, Tischlerin. Im Mittelpunkt ihres jüngsten Romans, „Milch und Blut“ (Orig. „Gift or Theft“, 2020), steht eine atheistische, vegetarische Jüdin und Gärtnerin, die ausgerechnet mit einer Art Blut-Kult konfrontiert wird. Denise Mina erzählt diesmal, in „Totstück“ (Orig. „The Less Dead“, 2020), von einem Prostituierten-Mord. Hauptfigur ist auch hier eine junge Frau, Margo, die als Baby adoptiert wurde, Ärztin ist und nun entdeckt, dass ihre leibliche Mutter Susan auf die Straße ging, drogensüchtig war, mit 19 getötet und weggeworfen wurde wie ein Stück Müll. Es gibt Aufnahmen davon, sogar in der Zeitung von damals, 1989.

Nach dem Tod ihrer Adoptivmutter findet Margo Briefe einer gewissen Nikki in einer Nachttischschublade. Eine Schwester und Kollegin von Susan, wie sich herausstellt, „klein und blond und untergewichtig“. Margo trifft Nikki zuerst auf neutralem Terrain. Sie fühlt sich unbehaglich, hat Angst, etwas Falsches zu sagen über Nikkis, nun ja, Art des Broterwerbs. Auch denkt Margo „nicht gern über Klasse nach oder darüber, wie privilegiert sie ist. Sie hält sich einfach für normal“.

Nikki ihrerseits ist geradeheraus, sie tut gar nicht so, als wäre Susan eine nette Person gewesen. Trotzdem möchte sie Gerechtigkeit und glaubt zu wissen, wer ihre Schwester getötet hat. Margo ist in ihren Augen „eine gescheite Studierte“, also soll sie sich gefälligst darum kümmern, dass der Täter überführt wird, soll anhand einer Krankenakte ein Alibi überprüfen (sie kann ihren Job verlieren!, sträubt sich Margo), soll die Polizei auffordern, noch einmal und nun ordentlich zu ermitteln – in den 1990ern hatten tote Prostituierte keine Priorität („the less dead“ wurden sie allen Ernstes genannt).

Margo glaubt Nikki nicht, gibt ihr eine falsche Adresse und falsche Telefonnummer – sieht sie dann da stehen, als sie mit dem Taxi wegfährt, schämt sich nicht, oder jedenfalls nur ein bisschen. Aber so leicht lässt Denise Mina sie nicht davonkommen, diese Bürgerliche mit dem guten Job und der anständigen Wohnung. Gewiss doch, sagt Margo beim nächsten Treffen zu Nikki, war Susan traumatisiert, sonst mache man doch „so einen Job“ nicht. „Sie war arm “, antwortet darauf Nikki. „Wir waren sehr arm. Deshalb haben wir es gemacht. Wir waren arm.“

Die Bücher

Denise Mina: Totstück. A. d. Engl. v. Karen Gerwig. Argument Verlag, Ariadne.
320 S., 23 Euro.

Liza Cody: Milch oder Blut. A. d. Engl. v. Martin Grundmann. Argument Verlag, Ariadne. 364 S., 23 Euro.

Ohne Sentimentalität und ohne Zeigefinger, in lakonischen Sätzen macht Denise Mina klar, dass es Menschen gibt, denen die Gesellschaft Aufmerksamkeit und Wertschätzung schenkt – und solche, über die sie einfach hinwegsteigt, wenn sie am Boden liegen. Vor Jahren, so erinnert sich Nikkis Freundin Lizzie, habe die Stadtmission über die korrekte Bezeichnung für „Sexarbeiterinnen“ gestritten; um Wörter, indessen Frauen abgeschlachtet wurden. In Glasgow gab es tatsächlich eine Reihe von Prostituiertenmorden, Mina hat dazu recherchiert, ist beim Schreiben des Romans anders abgebogen.

Kurze Zwischenkapitel geben den inneren Monolog eines Mannes wieder, er spioniert Margo aus, er verachtet Frauen, kann sein, dass er ihre Mutter getötet hat. Margo wird schließlich auf ihn treffen.

Liza Codys Ich-Erzählerin Seema hat es mit einer anderen, aber nicht weniger gefährlichen Art von Mann zu tun: distinguiert bis in die Fingerspitzen, reich, Kunstliebhaber. Dazu manipulativ. Seine Aufmerksamkeit schmeichelt ihr, er möchte, dass sie einen Dachgarten gestaltet, er findet ihre Zeichnungen dazu großartig. Er lädt sie ein, lässt sie von seinem schönen Chauffeur abholen – aber immer nur nachts. Sie hat Erinnerungslücken und eine Wunde am Hals.

Liza Codys „Milch oder Blut“ ist ein Tanz auf einem dünnen Seil – manchmal hält die Autorin die Balance nur knapp, aber immerhin. Am Ende ist es dann doch ein faszinierender Genremix zwischen Kriminal- und Vampirroman. Inklusive Nachdenken über jüdische Wurzeln und Traditionen und wie sie jemanden beeinflussen, dem Religion nichts mehr bedeutet.

Da ist also die praktisch veranlagte Seema, die als Gärtnerin immer Dreck unter den Fingernägeln hat. Die aber ihrer bald sehr besorgten Freundin Hannah gegenüber vehement leugnet, dass auf Lazaros Anwesen – so nennt sich der, nun ja, die Nacht liebende Gentleman – irgendetwas Unbotmäßiges passiert. Hannah, eine alte Ärztin, muss einen gemütlichen holländischen „Professor für Abnormes Verhalten“ aufbieten, um die junge Gärtnerin wieder in die Spur zu bringen. Dieser versucht geduldig für alles, was auf Lazaros’ Anwesen passiert sein könnte (und von Seema vergessen oder verdrängt wurde), eine rationale Erklärung zu finden. Schließlich glauben sie alle drei nicht an Vampire, Werwölfe oder andere Schauergestalten der menschlichen Angst und Imagination.

Bei Denise Mina wie auch Liza Cody wandert ab und zu ein durchaus wohlmeinender Polizist durchs Bild. Aber ihre beiden Heldinnen müssen sich ganz banal und einigermaßen entschlossen vor allem selbst helfen. Sie dürfen sich nicht die Sinne vernebeln lassen – Lazaro reicht Seema immer ein Opiumpfeifchen –, sie müssen sich trauen, Fragen zu stellen und dabei auch mal jemanden zu verletzen. Sie ermitteln sozusagen in eigener Sache – aber beileibe nicht immer können sie stolz sein auf das, was sie dabei entdecken. Das wiederum macht Margo wie Seema zu eindrücklichen Romanfiguren.

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