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1932 spielte Gustaf Gründgens zm ersten Mal den Mephisto, der über die Jahrzehnte hinweg zu der Bühnenrolle seines Lebens wurde. Szene aus der Verfilmung einer Aufführung des Deutschen Schauspielhauses Hamburg.

"Die Staatsräte"

Totengespräche aus dem 20. Jahrhundert

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Labyrinthe: Helmut Lethen erfindet Unterhaltungen zwischen Furtwängler, Gründgens, Sauerbruch und Schmitt.

Fangen Sie mit dem Schluss an! Unbedingt! Auf jeden Fall. Und wenn Sie das Buch gelesen haben, lesen Sie den Schluss noch einmal. Sie müssen mit dem Schluss anfangen, sonst stellen Sie sich völlig unnötige Fragen. Zum Beispiel die nach der Konstruktion des Buches. 

Warum muss er Gespräche von vier Staatsräten des Dritten Reiches erfinden und in sie seine Lesefrüchte hineinschütten? Wer den Schluss nicht gelesen hat, der blättert dauernd in dem Buch, weil er wissen will, haben Furtwängler (1886-1954), Gründgens (1899-1963), Sauerbruch (1875-1951) und Schmitt (1888-1985) das wirklich gesagt? Er wird sich ärgern, weil die herangezogenen Zitate aus ihren Zusammenhängen gerissen und hineingeworfen werden in Dialoge, die niemals stattgefunden haben. Er wird sich betrogen, ja missbraucht vorkommen. Lethen bastelt sich, so wird er wütend denken, eine Welt zusammen, die es niemals gegeben hat, er malt ein Bild von etwas, das es niemals gab. Warum tut er das? Will er mich an der Nase herumführen?

Nein, der fast 80-jährige Helmut Lethen nimmt sich die Freiheit und zeigt uns, was wir Leser immer tun: Wir klauben zusammen, was wir erlebt, gehört und gelesen haben und schaffen uns daraus unvergessliche Augenblicke. Wir lieben die Wirklichkeit, aber wir lieben auch, dass wir sie lieben. Bei Lethen erfährt man, dass der letzte preußische Finanzminister Johannes Popitz nicht nur zusammen mit den Widerstandskämpfern Ludwig Beck und Ulrich von Hassell Pläne entwarf für ein Deutschland nach dem Sturz der Diktatur, sondern auch, als er selbst im Gefängnis saß, noch kurz vor seiner Hinrichtung, den Auftrag des Reichssicherheitshauptamtes ausführte und Pläne entwarf für den Wiederaufbau Deutschlands nach dem Sieg des Nationalsozialismus. Da schrieb er zum Beispiel: „Der Übergang zur Siedlungsform der Einfamilienreihenhäuser ist die entscheidende Aufgabe eines volksbiologisch richtig aufgestellten Wiederaufbaus.“ 

Helmut Lethen ist der Mann der sprechenden Zitate. „Der Schutzraum könnte der Vergasungsraum sein“ (Carl Schmitt), „Wer verlangt denn, im Theater die Welt genau so zu erleben, wie sie ist? Eins der verdammten Dinger reicht doch“ (Gustaf Gründgens). Lethen findet sie nicht nur. Er schreibt sie auch. So schreibt er zum Beispiel über die Herren, die Görings Einladung nach Carinhall annehmen: „Nicht ohne Widerwillen, also gehorsam, folgen sie der Einladung.“ Da sind sie alle beisammen: Lethens hellsichtiger Blick, seine Entschlossenheit und seine Fähigkeit, die Lage zu erkennen und zu benennen. Wie nah beieinander Widerstand und Gehorsam sind. 

Darum geht es in diesem Buch. Es geht auch darum, wie wir uns heute vorstellen können, dass es denen erging, die dieser Macht Argumente (Carl Schmitt), Schönheit (Wilhelm Furtwängler), Kraft (Ferdinand Sauerbruch) gaben oder es verstanden, ihr wie Gustaf Gründgens einen Spiegel hinzuhalten, in dem sie sich erkannt und doch erhoben empfanden. Helmut Lethen zitiert in seiner Schlussbemerkung Hans Blumenberg, der meint, die Menschen nutzten ihre Sprachspiele, um eine beinahe undurchdringliche Mauer zwischen sich und der „Naturwelt“ zu errichten. 

Sie verbergen sich auch in der „Vieldeutigkeit des Scheins des sozialen Austauschs“ vor einander. Dieser soziale Austausch hatte zwischen den vier Herren nie stattgefunden. Jedenfalls ist nichts davon erhalten. Also musste Lethen ihn erfinden, nicht, damit die Herren Gelegenheit bekommen, sich zu erklären, sondern damit sichtbar wird, dass auch solche Gespräche nicht der Verständigung gedient hätten, sondern Labyrinthe gewesen wären, um sich darin zu verstecken.

Helmut Lethen stattet seine Helden reicher aus, als sie es waren – Adorno wird von allen außer Sauerbruch zitiert –, aber es hilft ihnen nichts. Sie kommen nicht hinaus aus ihrer Verstrickung. Auch nicht in den beiden Gesprächen, die nach der Niederlage von den Überlebenden noch geführt werden. Die klugen Gedanken, die boshaften Einsichten, das Wissen um die Sprachen des Körpers – Sauerbruch spielt bei Lethen die Rolle des Physiognomikers, des Kenners auch des Verhältnisses von Körperbau und Charakter –, die Fähigkeit, Schönheit aufscheinen zu lassen – all das hilft nicht. Es bietet keinen Schutz vor dem Bösen, schon gar nicht vor dem in einem jeden. 

Aber suchen sie überhaupt nach einem Schutzraum? Bei ihrem fünften Treffen, an einem Abend im Juli 1944, sitzen sie in Furtwänglers Dirigentenzimmer in der Staatsoper, sie überhören die Sirenen. Als sie die Vibrationen der Einschläge spüren, ist es zu spät. Sie diskutieren weiter über Adorno, dessen auf die Zersetzung des Gemeinschaftsgefühls zielende Sätze Wilhelm Furtwängler, der ja auch Komponist war, voller Abscheu vorträgt: „Alle Energie ist bei der Dissonanz; an ihr gemessen werden die einzelnen Lösungen dünner und dünner, unverbindliches Dekor oder restaurative Beteuerung. Spannung wird zum totalen Prinzip gerade, indem die Negation der Negation, die volle Begleichung der Schuld einer jeglichen Dissonanz, wie in einem riesigen Kreditsystem, unendlich verschoben ist.“

Ein wundervolles Zitat. Es steht hier, als wäre es hineingerufen in die Zeit nach 2008, als für einen Moment lang der Handel mit Derivaten von Derivaten von Derivaten zusammenbrach, weil unendlich verschobene Schuld nun doch einmal beglichen werden musste. Aber das ist nicht die Welt von Lethens Protagonisten. Sie mussten ihre Schulden nicht begleichen. Sie mussten es so wenig wie all die anderen. 

Die Weltgeschichte ist nicht das Weltgericht. Auch das erzählen „Die Staatsräte“ des Helmut Lethen. Im Juni 1955 treffen sich Gründgens, Furtwängler und Schmitt in einem Hotel an der Düsseldorfer Königsallee, um über „Scham“ zu sprechen. Sauerbruch ist schon ein paar Jahre tot. Gründgens, wieder Intendant, zitiert einen Text des 18. Jahrhunderts, in dem ein Autor, der auch noch Engel heißt, darüber nachdenkt, wie sich Scham zeigt, woraus für den Schauspieler folgt, wie er sie darzustellen hat, und das tut dann Gründgens. Schmitt, der in seinen Tagebüchern seine sexuellen Obsessionen notierte, lehnte Schamgefühle in politicis ab. Sie haben in dieser Sphäre nichts verloren. Sie wären eine Aufforderung an den Feind, ihn zu zerstören. Furtwängler scheint in Lethens Szene eingeschlafen, in der Realität war er bereits im November 1954 gestorben. „Musik ist für ihn“, schreibt Lethen, „ein Reinigungsritual, das Scham wegwäscht wie Schaum.“ 

Lethens letzte Worte über die Schamdebatte sind: „Als die alten Staatsratskollegen weg sind, sackt Gründgens in das Sakko des hundsnormalen Lebens.“ So hatte er es auch nach der Vernichtung Europas, nach Auschwitz getan. So ist es Menschenbrauch. Wie sehr dieses Buch den Leser auch aufgescheucht hat, am Ende wird auch er, niemand weiß das besser als Helmut Lethen, wieder in sein Sakko sinken. 

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