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Die Toten reden selber zu den Lebenden

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Von: Dirk Pilz

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Eine große Erzählung: „Seelenruhig“, ein schmales Buch des auf Slowenisch schreibenden Kärntners Florjan Lipuš.

Dieses Buch erzählt von einem Mann, den die Erinnerungen überfallen. Sie kommen, wenn die Hand in Kopfnähe liegt, „dicht vor den Augen“. Dann blitzt es aus den Fingernägeln, „lautlose Lichtexplosionen“, „in stumme Fäden verwandelte Elektrizität“. Und sie kommen ungeschönt, unvermittelt, unerklärlich.

Es sind Erinnerungen an erste Lieben („die Langwangige, die mit den hohen Backenknochen“), an „Anfälle von Gläubigkeit“, an die Kindheit auf dem Dorf, die Gerüche, die Bäume, die Tiere und Schlachthäuser, die Schule. Vor allem aber sind es Erinnerungen an das Leben und Lieben der Eltern – und an den Tod des Vaters. Dass dieser Vater ein „Schweiger“ war, der nur Worte machte, wenn es sich nicht vermeiden ließ, gibt dieser Erzählung des 1937 in Kärnten geborenen, auf Slowenisch schreibenden Dichters Florjan Lipu? den inneren Rhythmus vor: „Sobald das Wort über die Lippen kommt, aufgeschrieben und gelesen wird, ist es draußen in der Freiheit, spreizt es seine Flügel aus und beginnt zu leben“, heißt es in „Seelenruhig“. „Das Wort ist kein Pferd, das man ausleihen und wieder zurückgeben kann, wenn man mit ihm das Feld umgeackert hat.“

Das trifft auf die Wirkungsweisen der Erinnerungen zu – und auf die Literatur von Lipu?. Sie ist nicht nur erzählend und darin erinnerungsstiftend, sondern verändernd: Man ist nach dem Lesen tatsächlich ein anderer. In „Bo?tjans Flug“ (2003), vielleicht seinem dichtesten, sprachschönsten Buch, heißt es einmal, dass „etwas“ seltsam „in der Luft“ liege. Das sind die Erinnerungen, das ist das von Sprechen unterbrochene Schweigen, das ist die Kraft der Literatur: Man weiß beim Lesen sehr genau, was dieses „Etwas“ ist, aber nie lässt es sich auf den Begriff bringen – es ist eine große Lust, Lipu? zu lesen. Es blitzt immerfort unter den Fingernägeln.

„Seelenruhig“ führt in das Heimatdorf des Erzählers, zu den Nachbarn und Kneipensitzern, die einen „gewöhnlichen Fremden“ noch „irgendwie“ ertragen, „ein Fremder mit anderer Hautfarbe aber ruft bei ihnen Schrecken und unruhiges Stühlerücken hervor“. Zum Aberglauben der Großmutter, den Gängen zum Beichtstuhl, zum Grab des Vaters. Es führt zu Fragen über die Kriegszeit, die Massengräber und die Menschen in den Viehwaggons. „Die Toten reden selber zu den Lebenden, und die Lebenden antworten darauf“.

Sie antworten jedoch nicht mit Botschaften, sondern mit Geschichten, Erinnerungsheimsuchungen, die nach Deutung fahnden. Der gesamte, knappe Text ist eine Suche danach: Sich erinnern heißt auch, einsam sein, heißt, sich verirren: „Nie wird er aus verlässlichem Munde erfahren, ob er aus Glück oder Unglück am Leben ist“, sagt der Erzähler. Aber auch: „Nichts auf dieser Welt geht verloren, nichts wird vergessen, nichts bleibt unvergolten“. Entsprechend versagt sich diese Erzählung jede Einseitigkeit: Sie ist heiter und bissig, zart, hart, schön.

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