Der tote Katzenkopf - Parabel oder Wirklichkeit?

David Albaharis Roman "Die Ohrfeige" handelt auf mindestens zwei Ebenen von der Milosevic-Ära in Serbien

Von SASCHA MICHEL

Belgrad, 8. März 1998: Ein namenloser Journalist beobachtet bei seinem sonntäglichen Spaziergang an der Donau, wie ein Mann eine junge Frau ohrfeigt. Sechs Jahre später, im Exil, schreibt er mit einem Kugelschreiber auf, was alles durch diese Ohrfeige ausgelöst wurde. So klar und unscheinbar sich die erzählerische Ausgangssituation von David Albaharis bisher kühnstem Roman ausnimmt, so vielschichtig und unergründlich ist der Ereignisstrudel. Merkwürdige geometrische Figuren und ein rätselhaftes Manuskript tauchen auf. Selbst der beste Freund und Kiff-Bruder verhält sich plötzlich verdächtig.

Immer tiefer gerät der Ich-Erzähler in eine Welt aus unlesbaren Zeichen, in einen Kosmos aus Mathematik und jüdischer Kabbala. Als er - als Nicht-Jude - schließlich eine seiner Kolumnen dem serbischen Antisemitismus widmet, liegt eine Plastiktüte mit einem stinkenden Katzenkopf vor seiner Haustür. Im Rückblick verwischen die Grenzen von Einbildung und Realität, von Paranoia und tatsächlicher Gefahr. Mit der immer wieder zitierten Kabbala könnte man sagen, dass womöglich beides stimmt: Alles ist Einbildung und Realität zugleich. Doch auch wenn Albaharis beeindruckender Roman nicht gerade für die "Knechte der geradlinigen Logik" geschrieben wurde, sitzt der Zweifel so tief in diesem Buch, dass es auch seinen eigenen Paradoxien und konstruierten Zusammenhängen misstraut.

Vielleicht nämlich ist alles doch viel einfacher, als man denkt: Ein Journalist der Miloševic-Ära, der sich in den Kokon seiner Kulturkritik zurückgezogen hat, wird durch die willkürliche Gewalt einer Ohrfeige, nicht etwa durch die alltägliche Gewalt des Krieges, endlich wachgerüttelt. Und was ihm bleibt, ist das, was zum Kostbarsten gehört im beschädigten Leben: das Kugelschreiber verschleißende Ringen um die Erinnerung und der radikale Zweifel an jeder, wirklich jeder Form von Sinnstiftung und Welterklärung.

David Albahari:

Die Ohrfeige. Deutsch von M. und K. Wittmann. Eichborn, Frankfurt/M. 2007, 367 S., 22,95 Euro.

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