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17. Juni 1998: Ivica Vastic (mit der 9) schießt bei der WM in Frankreich den Ausgleich gegen Chile und hält die Österreicher so noch einmal für ein paar Tage im Rennen.

Shortlist Deutscher Buchpreis

Tonio Schachinger: „Nicht wie ihr“ – Ivo, jetzt bist du ein echter Österreicher

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Tonio Schachingers Fußballer-Roman „Nicht wie ihr“ ist der Überraschungskandidat auf der Shortlist zum Deutschen Buchpreis.

Fußball hat in der E-Literatur für Erwachsene eine Präsenz, naturgemäß seltener aus der Perspektive des Spielers als aus der des Zuschauers/-hörers: bei Ror Wolf eh, aber auch an Péter Esterházys „Keine Kunst“ oder Albert Ostermaiers Fußball-Oden „Flügelwechsel“ lässt sich gleich denken, oder, um auf das Spielen zu kommen, an Erich Loests „Der elfte Mann“ (das ist lange her, eine andere Welt, ein anderer Fußball).

Dabei haben Fußballschauen und Fußballspielen, denkt Ivo, nicht so viel miteinander zu tun, wie die Leute meinen, die davon ausgehen, dass er gut ist, weil er den Fußball liebt. „Um gut zu werden, muss man den Fußball nicht lieben, man muss ihn aushalten! Jedes Kind, jeder blade Fan liebt den Fußball mehr als die Spieler, weil sie nicht wissen, wie dreckig es wirklich zugeht, wie dumm alles ist, wie viel Arbeit hinter allem steckt. Wie viel davon umsonst ist.“ Da Ivo den Fußball aber so unzweifelhaft liebt, gehören diese Sätze zu den vielen windigen Gedanken, die ihm durch das Gehirn wehen, und dann kommen schon wieder die nächsten. Mehr als die bladen Fans gehen Ivo zum Beispiel die Journalisten auf die Nerven. „Wenn die Journalisten, die ihn interviewen, genauso ausgesiebt werden würden, dass nur einer von Hunderttausend dort sitzen und Fragen stellen dürfte, dann wäre es was anderes.“ Ivo denkt und denkt, ist gedankenschnell, er kann kombinieren, und dumm ist es nie, was er denkt. Verlässlich ist es auch nicht, weil die Gedanken eines Menschen vor Unzuverlässigkeit nur so strotzen.

Tonio Schachinger: Nicht wie ihr. Roman. Kremayr & Scheriau, Wien 2019. 302 Seiten, 22,90 Euro.

Und da im Interview vorher und hinterher immer gleich die Gedanken abgefragt werden – „,Wie fühlst du dich?‘, ,Was geht in dir vor?‘, ,Warum hat es heute nicht gereicht?‘“ –, gibt es die Medienschulungen. Vor bestimmten Spielen gibt es außerdem einen Termin mit Günter, der jetzt ihm und Zlatko gegenüber „so tut, als ob er über Bosnien reden würde, obwohl er in Wahrheit über Österreich spricht“. Nachher erfährt Ivo, das die anderen auch einen Termin bei Günter hatten, „die Nicht-Bosnier, die Nicht-Österreicher, David, Rajko, Veli, Bojan, Deniz und Tori, damit sie wissen, was sie antworten sollen, falls jemand sie fragt, ob sie je überlegt haben, für ihr anderes Herkunftsland zu spielen oder als was sie sich mehr fühlen. Und deshalb fühlt sich Ivo nicht mehr wie ein Bosnier am Abend vor dem Spiel, sondern nur mehr wie ein Ausländer“. Den 1998 von der „Krone“ auf Ivica Vastic gemünzte Satz: „Ivo, jetzt bist du ein echter Österreicher“, hat der Roman-Ivo über sich in der Zeitung gelesen.

Fußball als Spiegelbild der Gesellschaft

Wer über Fußball spricht, spricht offenkundig über die Gesellschaft, und Tonio Schachinger findet in „Nicht wie ihr“ dafür einen so naheliegenden wie selten begangenen Weg. Er gibt Gelegenheit, 300 Seiten lang so dicht neben dem Kopf des Fußballprofis Ivo Trifunovic zu verbringen, dass man hinterher praktisch alles über ihn weiß, was er selbst über sich weiß. Das ist einiges. Die dritte Person ermöglicht es Schachinger, das Drumherum ohne den Krampf der permanenten Innenschau gestalten zu können.

Ivos Gedanken schnellen aus ihm heraus wie aus einer Ballmaschine und mit der Offenheit des Unbeobachteten, der normalerweise unter restloser Beobachtung steht. „Ivo sind Worte egal; er weiß, dass sie nichts bedeuten. Deshalb ist es ihm auch egal, ob jemand ,Ausländer‘, ,Tschusch‘ oder ,Mensch mit Migrationshintergrund‘ sagt, obwohl er natürlich jedem der ihn Tschusch nennt, sofort in die Pappn hauen würde. Neue Worte gibt es nur, um alte Sachen mit ihnen zu sagen. Und es sind immer die anderen, die diese Worte brauchen. ... Ivo ist in Wien aufgewachsen, also kennt er nur ein großes Wir, zu dem prinzipiell jeder dazugehören kann, egal ob er Kroate, Bosnier, Serbe, Türke oder Perser ist ... Man kann sogar als Österreicher dazugehören, solange man cool ist.“ Deutsche haben es bei Ivo übrigens etwas schwer. „Nicht nur, dass es keinen einigen schönen Deutschen ohne Migrationshintergrund gibt, die Deutschen verstehen nicht einmal, was Schönheit ist.“

Perfekt ist das Register, dass Schachinger hierfür zieht: Selbst Ivos kleine Tiraden sind das Gegenteil haltloser Schimpfereien, sie sind Exempel von Reflexion und Selbstbeherrschung, auch wenn es Ivo (und der Presse) nicht immer so vorkommt. Sein Ruf ist nicht der Beste, das gehört zum Image, ist aber ein Balanceakt. Gewissermaßen haben wir es hier tatsächlich mit einem Seiltänzer zu tun, viel mehr interessanterweise als in Terézia Moras „Auf dem Seil“ – wie überhaupt die Finanzwirtschaftswelt gegenüber der Hochleistungssportwelt fade und amateurhaft wirkt.

Überraschungskandidat auf die Shortlist

Der österreichische Nationalspieler Ivo ist derzeit bei Everton unter Vertrag, mit 20 ist er zu Chelsea gekommen, er kennt die große Welt des Fußballs und die Wellenbewegungen einer Karriere, die als nächstes nach China oder Rom führen könnte. Ivo will nicht nach China. Er war Stürmer (Ivo: „sogenannter Stürmer“), heute spielt er auf dem rechten Flügel, was besser für ihn ist. Ivo hat eine Frau, Jessye, und zwei Kinder, dazu gegenwärtig eine Art Geliebte, eine ernsthafte Flamme aus Wiener Jugendtagen, und er hat Zeit, sich ihr und seinen Gedanken zu widmen, weil er rotgesperrt ist und außerdem Rückenprobleme hat. Ivo hat viele weitere Verwandte, Freunde von früher und von heute, er hat etliche Autos und unglaublich viel Geld.

Im Laufe des Romans wird Ivo 27, so alt ist Schachinger, der mit seinem Debütroman als Überraschungskandidat auf die Shortlist des Deutschen Buchpreises gelangt ist. Für einen Schriftsteller ist 27 fast noch ein verdächtiges Alter. Kann er das denn schon?, ist er schon reif genug?, fragten Kritiker nach der Nominierung ins Blaue hinein, denn wie für Fußballer gibt es für Autoren ein Portefeuille an rhetorischen Fragen. Für einen Fußballer ist 27 hingegen „ein komisches Alter“, denkt Ivo. „Für normale Menschen geht gerade erst alles los, für Rockstars und Rapper ist es oft schon vorbei ... .“ Von anderen sehr jungen Allerhöchstverdienern unterscheidet den Fußballer – und man merkt, wie wichtig das ist – die sichtbare Topleistung, für die hart trainiert werden muss. Der Fußballer ist das Gegenteil eine Luftikus und an dieser Stelle vermutlich nur anderen Sportlern sowie Geigerinnen etc. vergleichbar, die aber alle viel weniger Geld verdienen.

Zu den Dingen, die Ivo hasst, ist die Pflicht des Vereinsfußballers, sich weiterzuentwickeln. „Ivo hätte gerne das Leben von einem Bondfilm, ohne sich zu entwickeln, ohne sich zu verändern, ohne sich zu erinnern. Im Abspann mit einer Frau zu schlafen, in die man verliebt ist, ohne daran im nächsten Vorspann einen einzigen Gedanken zu verschwenden.“ Ivo interessiert sich sehr für Sex. Es gibt gute Sexszenen im Buch. Vor allem aber ist Ivos Sprachempfinden ausgezeichnet. Dass Schachinger souffliert, merkt man nach kurzer Zeit nicht mehr. Einen Fehlgriff wie auf der Buchrückseite, auf der wirklich steht, das Buch sei „rotzig, deep & fresh“, würde er sich nie leisten, gerade weil er Sinn für Ironie und ihre Grenzen hat.

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