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Toni Morrison, hier 2005 bei einer Konferenz an der Universität Guadalajara in Mexiko.

Kultur

Literaturnobelpreisträgerin Toni Morrison gestorben

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Toni Morrison widmete ihr Leben dem Schreiben gegen Rassismus in den USA. Nun ist sie im Alter von 88 Jahren gestorben.

Toni Morrison wurde und wird nicht nur gelesen. Sie wurde und wird auch geliebt. Sie war eine der hörbarsten Stimmen des schwarzen Amerikas. Sie wird es lange bleiben. Sie starb am 5. August. Über die Ursachen war am Dienstagabend noch nichts bekannt. Geboren am 18. Februar 1931 als Chloe Ardelia Wofford in Loran, Ohio, veröffentlichte sie ihren ersten Roman „Sehr blaue Augen“ mit 39 Jahren. Sie war, alleinerziehende Mutter zweier Kinder, jeden Morgen um vier Uhr aufgestanden, um ihn zu schreiben.

Das war 1970. Mit ihrem dritten Roman „Solomons Lied“ wurde sie eine der bekanntesten Autorinnen der USA. 1979 zeichnete das Barnard College sie aus mit der Begründung, sie habe „eine neue Vision vom amerikanischen Leben“ geschaffen.

1987 stand „Menschenkind“, die Geschichte der afroamerikanischen Sklavin Margaret Garner, 25 Wochen lang auf der Bestsellerliste der USA. Die kanadische Autorin Margaret Atwood schrieb, mit „Menschenkind“ sei Toni Morrison der Nachweis geglückt, zu den besten amerikanischen Autoren „ihrer oder irgendeiner anderen Generation zu zählen“.

1993 erhielt Toni Morrison, längst auch international nicht nur anerkannt, sondern auch in den Buchhandlungen eine Größe, den Literaturnobelpreis. Ihre Rede war ein Plädoyer dafür, sich Geschichten zu erzählen und natürlich tat sie es, indem sie selbst eine Geschichte erzählte.

Geliebt wurde und wird Toni Morrison nicht nur für ihre Begabung, ergreifende Geschichten zu erzählen. Sie war auch eine hinreißende Essayistin, eine akribisch-kritische Leserin und genaue Beobachterin des politischen Lebens ihrer Heimat. In einer ihrer letzten Veröffentlichungen im „New Yorker“ vom November 2016 kommentierte sie die Wahl Donald Trumps. Das weiße Amerika wolle unbedingt die weiße Vorherrschaft erhalten und geniere sich nicht, den vom Ku Klux Klan unterstützten Kandidaten zu wählen.

In den USA erschien im Februar dieses Jahres „The Source of Self-Regard“, eine Sammlung von Essays, Reden und Meditationen. Der titelgebende Vortrag stammt aus dem Jahre 1992. Ein typischer Morrison! Über Selbstachtung kann sie natürlich nur schreiben, wenn sie über ihre eigene Selbstachtung schreibt. Das ist nicht ganz richtig. Denn in all ihren Romanen geht es auch um die Frage, wie man Selbstachtung erlangt. Und sie redet dort immer auch von anderen und nicht nur von sich selbst. Aber einen Vortrag zu halten und über „Selbstachtung“ bei Mark Aurel und Simone de Beauvoir zu schreiben, das wäre ihr gar zu akademisch vorgekommen.

Also sprach sie 1992 über „Menschenkind“, eine Geschichte aus der Geschichte also. Wie schreibt man einen Roman über etwas, das wirklich geschehen ist? Sie sprach darüber mit Studenten und entdeckte, dass sie sich über die sexuellen Schilderungen aufregten, nicht aber über die Sklaverei. Der Grund ist einfach, meinte Toni Morrison. „Geschichte wird nicht in Frage gestellt“ – das ist die übliche Haltung zur Vergangenheit. Man streitet sich über dieses und jenes darin, aber man stellt sie nicht in Frage.

Genau darum aber ging es Toni Morrison. Es gehört zur Selbstachtung eines jeden von uns, dass er die Geschichte, aus der er kommt, in Frage stellt. Dazu brauchen wir Geschichten. Sie können die Möglichkeiten von Alternativen zeigen, deutlich machen, was verschüttet, was umgebracht wurde.

Toni Morrison wurde auch gehasst. Aus dem Jahr 1995 stammt eine Rede von ihr: „Rassismus und Faschismus“. Sie beginnt mit den Sätzen: „Erinnern wir uns daran, dass es bevor es eine Endlösung gibt, eine erste, eine zweite, ja auch eine dritte geben muss. Die Bewegung zu einer Endlösung ist kein Sprung. Ein erster Schritt muss getan werden, dann noch einer, noch einer... .“ Der erste Schritt, so erklärte sie damals, könnte darin bestehen, einen inneren Feind aufzubauen.

Ich glaube nicht, dass Toni Morrison Carl Schmitt gelesen hat, dass sie dessen Konzept der innerstaatlichen Feinderklärung kannte. Ich denke, sie brauchte das nicht. Sie hatte das erlebt und sie erlebte es jeden Tag wieder. Ich stelle mir die Hassbriefe vor, die sie bekam, je erfolgreicher sie wurde. Darüber wird geschwiegen. Donald Trump, der durch Hassreden an die Macht kam, behauptet nun, energisch gegen sie vorgehen zu wollen.

„Gott, hilf dem Kind“ heißt Toni Morrisons letzter Roman, 2017 wie die meisten der deutschen Ausgaben ihrer Bücher bei Rowohlt erschienen. Die deutsche Kritik nahm das Buch nicht gerade wohlwollend auf. Auch hier spielt die Gewinnung der Selbstachtung eine zentrale Rolle. Wie soll man sie bekommen, wenn einem überall nur Verachtung entgegen schlägt?

Was Toni Morrison über James Baldwin schrieb, das kann ich, ein alter weißer Mann aus Europa, über Toni Morrison schreiben: „Wie viele von uns, glaubte ich dich zu kennen. Jetzt finde ich heraus, dass ich in deiner Gesellschaft mich kennenlernte. Das ist das erstaunliche Geschenk deiner Kunst... .“

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