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Tänzerin bei einem Powwow in Denver.

Native Americans

Tommy Orange: „Dort Dort“ – Wo soll es denn hin, was verschwindet?

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Tommy Oranges intensiver und spannender Debütroman über nordamerikanische Natives.

Als Gertrude Stein 1937 nach Oklahoma reiste, stellte sie fest, dass die ländliche Welt ihrer Kindheit, obwohl geografisch natürlich alles seine Richtigkeit hatte, nicht mehr auffindbar war. „There is no there there“, schrieb sie mit der ihr eigenen lapidaren und einprägsamen Aufmerksamkeit für sprachliche Möglichkeiten: „Es gibt kein dort dort.“ Im Englischen schwingt, wenn man sich ein Komma dazu denkt, noch die Trostformel für aufs Knie gefallene und/oder schluchzende Kinder mit. Und im Buch kommt beiläufig Radioheads Song „There there“ vor, vielleicht eher im Radius des Personals als die 1946 gestorbene Schriftstellerin Stein, wobei das nicht gesagt ist. Es ist ein ungewöhnliches Buch mit einem reichhaltigen Personal. Natürlich spielt es in Oklahoma.

Zwölf Menschen reisen aus sehr unterschiedlichen Gründen zu einem Powwow an, einem Treffen von Native Americans. Der Autor Tommy Orange, Mitglied der Cheyenne and Arapaho Tribes, stellt dazu zwischendurch einiges klar. „Wir haben die Powwows geschaffen, weil wir einen Ort zum Zusammensein brauchen. Etwas Stammesübergreifendes, etwas Altes, etwas zum Geldverdienen, etwas, worauf wir hinarbeiten können, für unseren Schmuck, unsere Lieder, unsere Tänze, unsere Trommel. Wir führen die Powwows fort, weil es nicht viele Orte gibt, an denen wir uns alle versammeln können, an denen wir einander sehen und hören.“

Wir? „Wir sind Indianer und Native Americans, American Indians und Native American Indians, North American Indians, Natives, NDNs und Ind’ins, Status Indians und Non-Status Indians, First Nations Indianer oder so indianische Indianer, dass wir entweder jeden Tag daran denken oder niemals.“ „Wir“, heißt es weiter, sind „registrierte, nicht registrierte und nicht berechtigte Stammesmitglieder“, „wir“ sind „Vollblut, Halbblut, Viertel, Achtel, Sechzehntel, Zweiunddreißigstel. Mathematisch nicht darstellbar. Ein unerheblicher Rest.“

Das „Wir“ wird in „Dort Dort“ nun zu zwölf Stimmen, individuellen aus unterschiedlichen Lebenssituationen, in unterschiedlichem Alter, unterschiedlich gebildet. Orange und sein Übersetzer Hannes Meyer wissen das in feiner Abstufung darzustellen, sowohl mit Blick auf die Sprache als auch auf die Selbstreflexion (und wie sehr kann es literarisch missglücken, das Projekt der Vielstimmigkeit, hier aber nicht).

Gemeinsam ist allen der gebrochene Lebenslauf. Indianisch zu sein, ist fundamental, zugleich undurchschaubar, unter Umständen schwer zu belegen, gewissermaßen und ein Stück weit eine eigene Entscheidung. Der junge Filmemacher Dene Oxendene, der beim Powwow an einem Projekt zu Biografien arbeiten will, hat das Misstrauen des offiziellen „Native“ in der Runde gespürt, als er erklärt: „Ich bin registriertes Mitglied der Cheyenne und Arapaho Tribes of Oklahoma.“

Tommy Orange: Dort Dort. Roman. A. d. Engl. von Hannes Meyer. Hanser Berlin, 2019. 284 Seiten, 22 Euro.

Dem identitätsstiftenden Element steht oft eine Schichtzugehörigkeit gegenüber, die den Start ins Leben erschwert (Indianer zu sein, hat dann gerade noch gefehlt). „Dort Dort“ erzählt ohne Larmoyanz, vielmehr erfrischend, von Leuten mit fragiler Ausgangslage. Erfahrungen mit Drogenkriminalität, Alkohol und sexueller Gewalt prägen die jeweils nächste Generation mit. Tony Loneman, Sohn einer Alkoholikerin, hat ein Angeborenes fetales Alkoholsyndrom. Wenn er sich fürs Powwow zurechtmacht, kann er das vergessen. „Ich sah einen Indianer. Ich sah einen Tänzer.“

Ein paar kommen von weit her, andere sind bereits vor Ort und mit den Vorbereitungen beschäftigt. Das Prächtige und Triftige steht dabei neben dem Erbarmungswürdigen, das kulturelle Veranstaltungen in Stadien und Mehrzweckhallen immer haben. Die ernsteste, womöglich auch sympathischste Figur könnte das Kind Orvil sein, das sich ganz allein auf das Treffen vorbereitet hat. Im Schlepptau nun seine Brüder, die nicht verstehen, was das soll. „,Das ist einfach die Tradition, Lony. Tanzen, Indianersachen singen. Das müssen wir fortführen‘, sagt Orvil. ,Und warum?‘, fragt Lony. ,Weil sie sonst vielleicht verschwinden.‘ ,Verschwinden? Wo sollen sie denn hin?‘ ,Ich meine, die Leute vergessen sie.‘ ,Warum denken wir uns nicht einfach eigene Traditionen aus?‘

Eine Waffe aus dem 3D-Drucker ist ebenfalls im Spiel, denn die Zukunft ist bereits da und verblödete junge Leute planen, die Powwow-Kasse zu rauben. Mit zwei imposanten Spannungsbögen arbeitet Orange: Dem Weg zum Überfall und dem Weg zur Wiedervereinigung einer komplexen Familie. Erst nach und nach begreift man die Zusammenhänge.

Etwas Versöhnliches liegt über dem Buch, das einem zu rund, geradezu kommerziell vorkommen kann. Es hat aber auch Größe. Wie ein Powwow möglicherweise.

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