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Rex ist ausgezeichnet zu verstehen. Peter Jülich
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Rex ist ausgezeichnet zu verstehen. Peter Jülich

„Eine runde Sache“

Tomer Gardi „Eine runde Sache“: Gepflegte Fehler

  • VonKatharina Granzin
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Aus zwei mach eins: In „Eine runde Sache“ erzählt Tomer Gardi von einem javanischen Prinzen im 19. Jahrhundert, vom Schäferhund Rex und von den erheblichen Spielräumen der deutschen Sprache

Dass er ein Eigenwilliger ist, hat Tomer Gardi, als Israeli geboren, schon mit „Broken German“ bewiesen, seiner Veröffentlichung nach der Teilnahme beim Bachmannpreis-Wettlesen 2016, mit der er ein gar wundersames neues Literaturdeutsch erfand. Wer sich bereits einen Ruf als kreativer Schelm verdient hat, ist einerseits der damit geweckten Erwartungshaltung des Publikums verpflichtet. Andererseits verschafft so ein Ruf jene Narrenfreiheit, in der vieles erlaubt ist, was andere nicht dürften.

Zum Beispiel: zwei Geschichten zwischen zwei Buchdeckeln zu vereinen, vor jede der Geschichten „Eine runde Sache“ zu schreiben und das Buch dann Roman zu nennen. Das Buch aber enthält in Wirklichkeit nicht einen, sondern zwei Romane. Man kann inhaltlich Verbindendes zwischen ihnen finden, aber nichts, das einen stärkeren Zusammenhalt lieferte als die beiden Pappdeckel vorne und hinten. Es geht in beiden Fällen um das Fremdsein, es gibt hier wie da Reisemotivik und ab und an eingestreute Verweise auf die Figur des „ewigen Juden“.

Den zweiten und längeren der beiden Romane schrieb der Autor auf Hebräisch, und die Übersetzerin Anne Birkenhauer brachte ihn anschließend in ein schön zu lesendes Deutsch, das hier und da ein wenig Umgangssprache durchblitzen lässt; denn der fiktionale Erzähler ist kein Schriftsteller, sondern einer, der als Wache im Museum steht. Erst spät im Roman tritt er aus dem Off hervor und bekennt, er habe das Wissen über seinen Romangegenstand beim Ausstellungsdienst aufgeschnappt und den Rest erfunden.

Dieser Romangegenstand beziehungsweise Held von „Eine runde Sache“, Nummer zwei, ist Raden Saleh, ein javanischer Prinz, der im 19. Jahrhundert, gefördert durch hohe niederländische Kolonialbeamte, eine gründliche künstlerische Ausbildung im westlichen Stil erhielt und jahrzehntelang in Europa lebte, wo er als Maler hoch angesehen war, viel ausgestellt wurde und an Fürstenhöfen verkehrte.

Die Geschichte dieses Vertreters der Spätromantik ist an sich schon erstaunlich genug – vor allem, da sie größtenteils wahr ist –, und der Autor hütet sich davor, sie mit literarischen Spielereien zuzudecken. Er begnügt sich damit, von Zeit zu Zeit herauszustellen, dass alles Geschichtenerzählen zu einem guten Teil Erfindung bedeutet, und lässt episodenhafte Handlungsstränge auch mal ins Leere laufen.

Wäre aber diese hübsche und wirklich sehr interessante Geschichte über Raden Saleh ganz allein zwischen zwei Buchdeckeln erschienen, so wäre die literarische Öffentlichkeit womöglich enttäuscht gewesen. Der formale Wagemut hält sich eher in Grenzen. Und schön erzählen tun schließlich viele. Für den Wagemut kommt „Eine runde Sache“, Nummer eins, ins Spiel. Und zwar furios. Dieser Teilroman wurde von Gardi eigenständig auf Deutsch verfasst, in mehreren Arten von Deutsch sogar.

Jede einzelne dieser Deutsch-Varianten weicht signifikant ab von der Standardsprache. Dass es absolut nicht nötig ist, Standard-Deutsch zu schreiben, um verstanden zu werden, hat Gardi zwar bereits bewiesen. In diesem novellenartigen Kurzroman aber treibt er die Dinge auf die Spitze. Das Personal besteht aus einem Erzähler-Ich namens Tomer Gardi, das ein gezielt fehlerhaltiges Deutsch pflegt, einem sprechenden Deutschen Schäferhund namens Rex, dem, weil er eine Gummi-Vagina als Maulkorb trägt (die Vorgeschichte zu erklären ist hier nicht der Platz), als einziger Vokal das „ü“ zur Verfügung steht, und dazu tritt noch ein recht hinfälliger Erlkönig auf, der stets in Reimen redet.

Diese drei sind mehr oder weniger unfreiwillige Weggefährten durch einen wohl ziemlich deutschen Wald und erleben am Ende eine ziemlich deutsche Version der biblischen Sintflut. Es ist eine Art Fantasy-Groteske, eingebettet in eine schmale Rahmenhandlung, in der ein Theaterintendant auf einer Gurke ausrutscht. Doch nicht auf die Handlung kommt es hier an, sondern die Dialoge sind es, deren Lektüre dadurch zum (Spaß-)Erlebnis wird, dass man sie sich gleichsam erarbeiten muss.

Gardi liefert mit Hund Rex den schlagenden Beweis, dass Vokale nur eine „Manifestation von Überfluss in der Sprache“ sind, denn Rexens Zeilen sind stets einwandfrei verständlich – und wenn nicht, so handelt es sich um gezielte Irritationen, die umgehend aufgelöst werden. Auch Erlkönigs hochtrabendes Gereime steht der Verständlichkeit des Gemeinten nur wenig im Weg; und dass der Ich-Erzähler Tomer Gardi regelmäßige und unregelmäßige Verbflexionen verwechselt und kreativ mit der Wortstellung umgeht, tritt so regelhaft auf, dass es gleichsam einen neuen Standard zu definieren scheint. Dass der Autor Tomer Gardi hingegen die deutsche Sprache nicht einwandfrei beherrsche, dürfte mit diesem virtuosen Kurzroman als Legende entlarvt sein.

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