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Blick auf das norwegische Bergen.
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Blick auf das norwegische Bergen.

„Lieben“

Tomas Espedal „Lieben“: Ich beschließt zu sterben

  • Steffen Herrmann
    VonSteffen Herrmann
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Mit dem Gedankenspiel „Lieben“ schließt der norwegische „Schreibarbeiter“ Tomas Espedal seinen zehnbändigen Romanzyklus ab.

Ich ist am Ende. Ich beschließt zu sterben, Ich stirbt. Mit „Lieben“ beendet der norwegische Schriftsteller Tomas Espedal ein auf zehn Bände angelegtes Romanprojekt. Es ist das Ende einer radikalen Selbstbespiegelung, und ihr Höhepunkt.

Beinahe zeitgleich mit seinem Landsmann Karl-Ove Knausgard hatte Espedal zu Beginn der 2000er das Ich ins Zentrum seines literarischen Schaffens gestellt. Ich sagen, vom Erlebten erzählen, Menschen mit ihren echten Namen nennen – eine Provokation für die egalitäre, auf Gleichheit bedachte Gesellschaft Norwegens. Doch während Knausgard mit seinem ausufernden, Tausende Seiten füllenden und in die Breite erzählten „Min Kamp“ Verkaufsrekorde brach, ist Espedal heute ein zwar verhältnismäßig erfolgreicher, aber oft übersehener Schriftsteller.

Daran wird auch „Lieben“, übersetzt aus dem Norwegischen von Hinrich Schmidt-Henkel, nichts ändern. Es ist ein leises Buch, ein Gedankenspiel: Der Protagonist, Ich, beschließt zu sterben. Er ist Mitte 50, Schriftsteller, wohnt in einem Reihenhaus, irgendwo in einem Vorort von Bergen. In der Vergangenheit ein paar Bücher, einige Reisen und Liebesverhältnisse („das, was Susa kleine Lieben nannte“), ein bisschen Tod, keine Krankheit, keine Geldsorgen – in der Summe ein normales, privilegiertes Leben. Man gewöhnt sich daran.

Oder ist das bereits ein Tod? Ich jedenfalls gibt sich ein Jahr, ein letztes Jahr. „Ich wollte den guten Tod sterben. Nicht denjenigen, der jählings kommt oder als Unfall, oder als Krankheit, nicht denjenigen, den man verdrängt oder verleugnet, sondern den Tod, dem man entgegengeht, den man wählt. Ich wollte sterben, während er noch voller Lebenskraft und geistiger Frische war, er wollte gern an einem Tag sterben, an dem er zufrieden war und es ihm gut ging.“

Ich lernt eine Frau kennen

Das Buch:

Tomas Espedal: Lieben. A. d. Norweg. v. Hinrich Schmidt-Henkel. Matthes & Seitz, Berlin 2021. 118 Seiten, 18 Euro.

Der Beschluss ist gefasst und der Text nimmt Fahrt auf: Ich reist nach Frankreich, Ich trifft Freunde, Ich lernt eine Frau kennen. Er verliebt sich in sie, sie wird schwanger. Mit dem Kind im Bauch der Frau wächst das Glück in Ich. Das Jahr verstreicht, der Beschluss aber bleibt und die Zeit wird wertvoll, denn an ihrem Ende ist der Tod. Der Tod und Ich, Ich und Ich.

In Norwegen ist das Buch unter dem Titel „Elsken“ erschienen. Eine Anspielung an den Fotografen Ed van der Elsken einerseits, und das norwegische Verb für lieben andererseits, das der Niederländer im Namen trug. „Lieben“ also auf Deutsch, es könnte auch „Sterben“ sein.

In ihm blitzen all die Motive auf, mit denen Espedal schon in früheren Büchern arbeitete: das norwegische Bergen, vor den Toren der Stadt das Haus, darin das Sterben und die Schreibarbeit. Auch der Autor ist ein Schreibarbeiter, den gleichen Satz immer und immer wieder schreibend, bis er glänzt. Oft gelingt das, etwa wenn Espedal vom Entschluss des Endes schreibt, irgendwann plötzlich hervorgetreten, „wie eine innerliche Blüte, schwarz und schön, eines warmen Maitags auf der Terrasse“.

Espedals Ich-Figuren sind Liebende: Sie lieben das Schreiben, Zigaretten, den Rausch, die tote Mutter, Frauen, die gegangen sind. Sie lieben sich zugrunde.

In den Büchern zuvor experimentierte Espedal mit verschiedenen Formen, schrieb mal essayistisch, mal in Versen. Allen gemein war ein Ich-Erzähler, den man leicht mit dem Autor verwechseln konnte, weil die beiden einander so ähnlich waren: ein Schriftsteller, ein Trinker, der gleiche Name. Zwar war auch das ein Spiel mit Perspektiven, die sich manchmal noch im gleichen Satz änderten, mit Identitäten, aber subtil.

Nun erzählt Espedal von einem Ich und reißt den Graben auf: Wer ist Ich? Fest steht nur: Ich muss sterben, Ich ist am Ende.

Was bleibt? Karl-Ove Knausgard schloss sein autofiktionales „Mein Kampf“-Projekt mit dem Gedanken, „dass ich kein Schriftsteller mehr bin“, um in einer Tetralogie über die Jahreszeiten dann Gegenstände an Stelle des Ichs in den Mittelpunkt seines Schreibens zu stellen. Tomas Espedal, davon ist auszugehen, bleibt es.

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