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Toleranz und Biberhäute

Russell Shorto wirft einen ungewöhnlichen Blick auf die Geschichte New Yorks

Von MIRJA ROSENAU

Weitläufige Wälder, Sandbänke und eine Bucht, die Regenpfeifern und Strandläufern eine Heimat bietet, Großen Gelbschenkeln, Gänsesängern und Kanadischen Rotbrust-Schnepfen - wer würde dabei an die Südspitze Manhattans denken? An die Uferpromenade von Battery Park City, an Wall Street, Ground Zero, die drei stehen gebliebenen Türme des World Financial Center?

Der Niederlandist Charles Gehring, der die "nette Gewohnheit" haben soll, von Personen des 17. Jahrhunderts in der Gegenwartsform zu sprechen, tut es. Und der amerikanische Schriftsteller und Journalist Russell Shorto hat sich von ihm inspirieren lassen und Gehrings Forschungsergebnisse der vergangenen 30 Jahre mit viel Enthusiasmus und erzählerischem Geschick zu einem Buch verpackt. Wer es gelesen hat, wird beim nächsten New-York-Besuch vielleicht an Sumpfwälder denken, bei der Bronx an ein Refugium aus Manhattan vertriebener Indianer und beim Einkaufsbummel über die Fifth Avenue an Biberhäute und wampun, aufgezogene Perlen aus Muschelschalen, die zumindest im frühen 17. Jahrhundert noch als Zahlungsmittel taugten. Nach der Lektüre von New York - Insel in der Mitte der Welt wird er vielleicht New York und die New Yorker mit anderen Augen betrachten - ach, was heißt, die New Yorker: gleich die gesamten USA.

Denn Shortos Buch ist als Nachtrag zu einem kleinen aber feinen Abschnitt der amerikanischen Gründungsgeschichte geschrieben, der in den Enzyklopädien und im öffentlichen Bewusstsein der Amerikaner bislang keine ausreichende Würdigung erfahren hat. "Die 1626 als Fort Neu-Amsterdam gegründete Hauptstadt Neu-Niederlands kam 1664/1667 mit diesem an England und wurde in New York umbenannt", fasst etwa der Brockhaus die Frühgeschichte zusammen und überspringt so genau jene vierzig Jahre, denen Shorto und Gehring, der im Rahmen des "New Netherland"-Forschungsprojekts mit der Auswertung von Originaldokumenten und Quellenschriften beauftragt ist, ihr Herzblut schenken.

Der American Way of Life, so die gängige Lesart der Geschichte, gehe vor allem auf die englischen Pilgerväter zurück, verdanke sich der "engstirnigen Frömmigkeit" der Puritaner, die zwar Pragmatismus und Geschäftssinn, aber eben auch Intoleranz und Selbstgerechtigkeit im amerikanischen Selbstverständnis verankert hätten. Ihre besten Seiten, ist demgegenüber Shorto überzeugt, haben die Amerikaner nicht von den Engländern, sondern von den Holländern geerbt. Jenen Siedlern, die dem Entdecker Henry Hudson auf den Fuß folgten (nachdem der 1609 auf der Suche nach einem kurzen Seeweg nach Asien nicht nur in mehreren Eismeeren, sondern auch im später nach ihm benannten Hudson River stecken geblieben war), die "Toleranz, Offenheit und Freihandel" und den fortschrittlichen Geist der niederländischen Universitäten über den Atlantik transportierten.

Sie vermischten sich schließlich in Neu-Amsterdam mit Auswanderern, Verschleppten und Gestrandeten aus aller Welt, bildeteten eine Gesellschaft aus "Schankkellnern, Schmugglern, Seeleuten, Afrikanern, Rauhbeinen und Straßenbengeln, Flüchtlingen, aufrechten Bürgern und schiefschultrigen Schurken mit Augenklappe" heraus und arrangierten sich beispielhaft mit den einheimischen Munsee-, Montauk- und Mohawk-Indianern. "Von Anfang an ein Ort, der anders war", sagt Shorto, "anders als die übrigen nordamerikanischen Kolonien oder der Rest der Welt": ein Melting Pot und zugleich die "erste multiethnische Aufsteigergesellschaft in Amerika", wo man sich nicht zuletzt "eine gewisse Unangepasstheit, eine soziale Nonchalance" erlaubt habe.

Manhatana: die hügelige Insel

In den von Gehring erschlossenen Dokumenten hat Shorto auch die Geschichte eines von der Historie vergessenen Gründungsvaters aufgespürt: Adriaen van der Donck, ein junger, idealistischer Jurist, der es verdiene, "als früher Prophet Amerikas und Vorläufer der Revolutionsgeneration gewürdigt zu werden" und folglich als sympathisch-patenter Held der ersten Stunde inszeniert wird. In Shortos Darstellung ist es van der Donck, der Ordnung nach mannahata (die "hüglige Insel") zu bringen versucht, als diese um 1640 in eben jenem Chaos zu versinken droht, auf das die kurzen Jahre der niederländischen Kolonie in der Geschichtsschreibung fälschlicherweise reduziert werden sollten. Van der Donck kommt mit Visionen, fordert "eine verbindliche Zusage der Regierung, freien Handel, Religionsfreiheit sowie eine Form von lokaler politischer Repräsentation zu garantieren" und entwirft so ein auf Liberalität gegründetes stadtpolitisches Programm, auf das sich die New Yorker in ihrem Selbst- und Rechtsverständnis bis heute berufen.

Vielleicht eröffnet Shortos Beitrag damit letztlich doch gar keinen so neuen Blick auf New York und die New Yorker, denen ohnehin gern ein Sonderstatus innerhalb der Vereinigten Staaten zugebilligt wird. Indem er aber "die englische und die niederländische Kolonie den extrem konservativen bzw. den extrem liberalen Flügel des gesellschaftlichen Spektrums im 17. Jahrhundert repräsentierten" lässt, findet Shorto in der mentalitätsgeschichtlichen Rückbindung der gespaltenen amerikanischen Seele an ein stilisiertes "Altes Europa" historische Argumente für ein leidenschaftlich vorgetragenes politisches Plädoyer.

In einem Moment, in dem sich in den USA der liberale Flügel einem neuerlich erstarkten konservativ-puritanistischen Erbe gegenüber sieht, zugleich allerdings auch das niederländische Toleranzideal vor Ort einer grundlegenden Hinterfragung unterzogen wird, plädiert Shorto mit Verve für ein anderes Amerika, für eine demokratische, pluralistische und tolerante Gesellschaftsform: Würden sich doch die Amerikaner endlich ein Vorbild an den New Yorkern nehmen, sich ihrer niederländischen Wurzeln besinnen - "eine Kultur von beispielloser Energie, Vitalität und Kreativität" könnte vielleicht daraus erwachsen.

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