Bitte deaktivieren Sie Ihren Ad-Blocker

Für die Finanzierung unseres journalistischen Angebots sind wir auf die Anzeigen unserer Werbepartner angewiesen.

Klicken Sie oben rechts in Ihren Browser auf den Button Ihres Ad-Blockers und deaktivieren Sie die Werbeblockierung für FR.de. Danach lesen Sie FR.de gratis mit Werbung.

Lesen Sie wie gewohnt mit aktiviertem Ad-Blocker auf FR.de
  • Zum Start nur 0,99€ monatlich
  • Zugang zu allen Berichten und Artikeln
  • Ihr Beitrag für unabhängigen Journalismus
  • Jederzeit kündbar

Sie haben das Produkt bereits gekauft und sehen dieses Banner trotzdem? Bitte aktualisieren Sie die Seite oder loggen sich aus und wieder ein.

La Toilette d'Antoinette

Die "Liebesbriefe 1928 - 1937" zwischen Balthus, dem von Mädchen besessenen Maler, und seiner späteren Frau

Von HANSJÖRG GRAF

"Bei Balthus weiß man nie": In diesem Satzfragment aus der Monographie von Gilles Néret (2003) steckt die Verzweiflung eines Kunstkritikers, der die Grenzen seiner Möglichkeiten eingestehen muss. Was bei Balthus (1908 bis 2001) eindeutig zu sein scheint, erweist sich in der Selbstaussage des Malers und Zeichners als vielschichtig - auch im Sinne einer Paradoxie: "Man kann Realist des Irrealen und figurativ in Bezug auf das Unsichtbare sein."

Wer sich also auf diesen "Freud der Malerei" einlässt - so eine Stimme nach der Eröffnung von Balthus' erster Einzelausstellung in Paris 1934 -, befindet sich nach wie vor auf ungesichertem Boden: Arsène Davitcho Baltúsz Klossowski de Rola - dies der vollständige Name des Künstlers deutschpolnischer Herkunft - bleibt umstritten. Während Rilke angesichts der Zeichnungen des Dreizehnjährigen im Katzenbuch Mitsou (1921) dazu neigt, dem Knaben "Genialität" zu bescheinigen, wirft der Kritiker Wilfried Wiegand Balthus 1982 vor, "auf etwas befremdliche Weise von der Darstellung halbwüchsiger Mädchen besessen" zu sein. Wiegand erwähnt damit das lebenslang vorherrschende Thema in Balthus' Bilderkosmos. Was verbirgt sich hinter einem Motiv, das an Nabokovs Lolita ebenso erinnert wie an Lewis Carrolls Alice?

Es sind Selbstzeugnisse, die im widersprüchlichen Disput um Balthus Stimme und Gewicht haben. Im Umgang mit dem Werk des Künstlers setzen sie neue Akzente. Diese Erfahrung vermittelt die Lektüre des Briefwechsel, den der junge Balthus zwischen 1928 und 1937 mit Antoinette de Watteville (1912-1997) aus dem Berner Patriziat geführt hat. Es ist nicht übertrieben, in diesem Zusammenhang von einer Sandkastenliebe zu sprechen: Baltheli und Bébé lernen sich schon im zarten Kindesalter kennen; mit Robi (Robert), Antoinettes Bruder, bilden sie eine Allianz, die unverletzlich scheint, doch während der Pariser Existenz des Malers in den Dreißigerjahren sich zu einem Konfliktherd allererster Ordnung entwickelt: Robi meint, seine Schwester vor Balthus schützen zu müssen; die ohnehin prekäre Lage verschärft sich, als 1932 "Gin", ein belgischer Diplomat, auftaucht und Antoinette heftige und auch nicht unerwiderte Avancen macht. Ist er - "ein reifer Mann, beinahe 36 Jahre alt, beinahe reich, endlich ein Ehemann!" - der "glücklichere Rivale"? Dass Antoinette und Balthus nach einer Phase der Irrungen und Wirrungen im April 1937 doch heiraten (und verheiratet bleiben bis in die Sechzigerjahre), sei vorweggenommen.

Schon diese rigoros verkürzten biografischen Angaben machen evident, dass Balthus' und Antoinettes Liebesbriefe alle Ingredienzen eines Liebesromans besitzen, dem es auch nicht am Pathos eines Liebesdramas fehlt.

Balthus selbst war es, der seine Söhne Stanislas und Thadée noch dazu ermutigen konnte, seine Korrespondenz mit Antoinette zu veröffentlichen. Auch der französische Originaltitel verheißt eine correspondance amoureuse; doch wäre es nur die halbe Wahrheit, in diesen Briefen ausschließlich den Reflex einer "dummen Liebesgeschichte" zu sehen, wie es in der Vorbemerkung annonciert wird. Was hier, mit Kunstverstand "komponiert" und hinreichend kommentiert, vorliegt, kann auch als eine postume Hommage der Söhne an ihre Eltern gelesen werden; dieses "von Liebe und Achtung" bestimmte Motiv - Thadée spricht von einem "Grabmal für Antoinette" - ist aber nur ein Aspekt von Briefen, in denen Balthus, der Künstler, direkt und zwischen den Zeilen Hinweise zur Entstehungsgeschichte seiner Bilder liefert; dabei werden autobiographische und literarische Konkordanzen sichtbar.

Klassische Exempel seiner Übertragungskunst - der Autodidakt Balthus hat als Kopist im Louvre angefangen - bietet der Maler mit seinem Zyklus von Zeichnungen zu Emily Brontës Roman Wuthering Heights und seinen von Lewis Carrolls Alice-Erzählungen inspirierten Gemälden. Balthus spielt mit den Identitäten: "Ich bin Heathcliff", sagt Cathy, die ihrerseits sich auf dem 1933 gemalten Bild "La Toilette de Cathy" in Antoinette verwandelt.

Parallel zu einer Korrespondenz, die mit ihrem emotionalen Überschwang an die weit zurückliegenden Epochen der Empfindsamkeit und Romantik erinnert, entstehen Bilder wie "La leçon de guitarre", "La Rue" und "Alice". Balthus schockiert mit nackten Wahrheiten. Was ihn dazu bewegt, Tabus zu brechen und Motive zu riskieren, die an der Seriosität seiner Absichten zweifeln lassen, ist die "Gleichgültigkeit der Leute angesichts der Äußerungen des Geistes":

"Der heutige Mensch kann nicht mehr menschlich reagieren, denn er ist fast völlig mechanisiert. Man spricht mit einem Herrn: plötzlich bemerkt man, dass es eine Marionette ist. Man wendet sich an einen anderen: es ist ein Automat. An einen dritten, einen Intellektuellen: es ist ein Hanswurst ohne Unterleib. Hilfe! Zur Hilfe! Alles sind nur mehr Puppen! Tote! Der Mensch liegt unter einer Schicht Asphalt begraben! Von Zeit zu Zeit ein Seufzer, ein Rumpeln. Bald wird sich nichts mehr bewegen. Die Sümpfe des Westens!"

Was Balthus am 1. Januar 1934 Bébé, seiner "kleinen Schwester", schreibt, hat Manifestcharakter und steht im Dienste einer Gegenwartsdiagnose, die schon Entwicklungen der Zukunft antizipiert; zugleich löst Balthus die Rätsel, die in der Stereotypie seiner Porträts und Gruppenbilder stecken.

Balthus und Antoinette sind ein Gegensatzpaar: Während er sich als ein "Gespenst" sieht, das "außerhalb des Lebens lebt", ist Bébé uneingeschränkt am Lebensgenuss orientiert. Von der "kargen und nachdenklichen Atmosphäre" des Pariser Ateliers, in dem Balthus ein "mönchisches Leben" fristet, hält sie wenig. In einem Brief an ihren Bruder Robi hebt Antoinette die Eigenschaften hervor, die ihren Freund als ein Wesen von einem anderen Stern erscheinen lassen: "Balthus geht nun vollkommen in seiner Kunst auf, dieser Mensch lebt in einer fortwährenden, ganz furchtbaren inneren Anspannung, er sagte mir, er sei nun ganz losgelöst von allen irdischen Dingen und tatsächlich hast du das Gefühl, er schwebt immer über der Erde und so einen Menschen kann man unmöglich mit dem gleichen Massstab messen wie andere."

In dieser facettenreichen Korrespondenz werden alle Register eines erotischen Verwirrspiels gezogen. Augenblicke der Ernüchterung sind dagegen rar. Wenn sie eintreten, ist diese Leidens- und Liebesgeschichte in den Augen von Balthus "nur ein gewöhnliches Drama, in dem sich alles um's Geld dreht".

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema

Kommentare