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Beobachtet Brandenburgs Landleben feinsinnig, mitunter liebevoll: Bela B Felsenheimer.

„Scharnow“

Tohuwabohu im Hinterland

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Bela B Felsenheimers erster Roman „Scharnow“ ist durchaus ein Vergnügen, wird aber auf der Langstrecke zur Prüfung.

Es war eine Frage der Ehre auf dem Schulhof – wer die Ärzte liebte, die beste Band der Welt, für den waren die Toten Hosen keine Option. Seine Street-Credibility, sein schlauer Witz und sein Sarkasmus machten das Berliner Trio, das über die Resterampe des Punks im Zuge der Neuen Deutschen Welle zu Ruhm kam, zu groß für die Schublade, in die man die Ärzte zu Beginn ihrer Karriere steckte. Der zu Unrecht als Spaß-Punk verunglimpfte Sound war etwas Neues und wesentlich kontroverser als das meiste, was die Neue Deutsche Welle hervorbrachte. Die war nach einem harten und vielversprechenden Start aus musikalischen Underground schnell zu Tanzmusik des Mainstreams abgeflaut.

Die Ärzte indes blieben kantig, Platten auf dem Index festigten ihren Ruf, und am coolsten war Bela B Felsenheimer, der Stehschlagzeuger der Band, eine auf den Straßen der Mauerstadt zurechtgeschliffene Mischung aus Morticia Addams, Comic-Vampir und Dave Vanian. Die Toten Hosen waren Düsseldorf, die Ärzte waren Berlin. Womit schon jeglicher Skepsis Einhalt geboten war.

Die Ärzte und ihr sarkastischer Wortwitz

Berlin, West-Berlin genau genommen, das waren besetzte Altbauten, Einstürzenden Neubauten, das Café M und das Risiko, SO36, Linientreu und Sounds. Berlin, das raunte man sich auf dem westdeutschen Schulhof bei selbst gedrehten Kippen und Automatenkaffee ehrfürchtig zu, das war die Stadt, in der David Bowie, Iggy Pop und Christiane F. dem Heroin verfielen. Wer von hier kam, dessen Image war schon die halbe Miete.

Bela B. Felsenheimer: Scharnow. Roman. Heyne Hardcore, München 2019. 416 Seiten, 20 Euro.

Und von hier kamen die Ärzte und erfreuten schon auf ihren ersten Alben mit jenem sarkastischen Wortwitz, jenem Humor und jener Vulgarität, der sie meilenweit abhob von den Hosen und anderen Bands aus der Deutsch-Punk-Ecke. Die Band verfügt über eine Art des verbalen Schelmentums, das man lieben musste, das sich aber schwerlich vereinnahmen ließ von grölenden Männergruppen in Stadien und Spelunken, selten waren Ausnahmen dabei wie der Hit „Männer sind Schweine“, von dem sich das Trio später distanzierte. Auch dafür muss man die Ärzte lieben. Allein die Goldenen Zitronen waren ihnen ebenbürtig. Und die kamen aus der anderen deutschen Stadt, die man gerade eben noch ertragen konnte: aus Hamburg.

Das ist 30 Jahre her, die Ärzte gibt es immer noch, Bela B Felsenheimer hat nebenher alles Mögliche probiert und gemacht, ist Schauspieler und Synchronsprecher, da fehlte eigentlich nur noch die Prosa im Portfolio. Jetzt ist sie da – Dirk Albert Felsenheimer, wie der Spandauer Musiker mit bürgerlichem Namen heißt, hat mit „Scharnow“ seinen ersten Roman geschrieben und verlässt sich dabei ganz auf das, was er kann und was die Fans wohl auch von ihm erwarten: „Scharnow“ ist absurd und stellenweise witzig, aber auf die Dauer wird es zäh. Felsenheimer verfrachtet ein kaum überschaubares Personal-Tableau von nicht weniger als 50 Figuren nach Brandenburg, ins fiktive Örtchen Scharnow.

Richtung Brandenburg blickt der Städter ja gern mit Spott. Dorthin, wo sich beim Autor eine Melange aus Verschwörungstheoretikern, Abgehängten und Ausgebrannten in einer Art wirrem Wimmelbild an der Grenze der Stadt und des guten Geschmacks zwischen Plattenbauten einem Alltag aus Dauersuff und Pornoabenden hingibt.

Die Geschichte ist nicht weniger krude. Es geht irgendwie um einander beharkende Gruppen von Verschwörungstheoretikern, verliebten Teenagern, Pornodarstellerinnen, Migranten, Agenten – und um ein mörderisches Buch mit dem bezeichnenden und wohl selbstironisch auf die überfrachtete Handlung hinweisenden Titel „Horror Vacui“.

Dabei versagt sich Felsenheimer glücklicherweise die befürchtete Speckgürtelwitzelei. Seine Beobachtungen sind durchaus feinsinnig, mitunter gar liebevoll. Man merkt, dass sein Herz für die Drop-Outs schlägt, für jene, die es nicht einmal auf die unterste Sprosse der Leiter nach oben geschafft haben, allein aus dem einzigen Grund, dass es in Orten wie Scharnow keine solche Leitern gibt.

Die Geschichte ist zu dünn

Der Humor trägt auf der Kurzstrecke, da ist er so sympathisch wie augenzwinkernd, gleichzeitig sarkastisch, ohne bösartig zu sein – alles Eigenschaften, die auch die besten Hits der Ärzte ausmachen: jenen schon erwähnten mitunter anarchischen Wortwitz, der in drei schnellen Minuten einen scharfen Blick auf gesellschaftliche Zusammenhänge, seltsame Charaktere und sexuell abweichende Vorlieben wirft. Auf 400 Seiten jedoch verflacht der Witz, verflachen die Absurditäten.

So wird die Langstrecke zur Prüfung, und der Autor schafft es nicht, den schnellen Pointen auf 400 Seiten etwas beizustellen, das über die Humorebene hinausgeht. „Scharnow“ geht recht schnell die Puste aus, und dem Leser vergeht die Lust auf alle die Protagonisten, die im Einzelnen eine Betrachtung wert sind, aber gemeinsam nie ein Ganzes ergeben.

Es stellt sich beim Lesen keine Sucht ein, die Geschichte ist zu dünn, zu verworren, als dass man gerne bis zum Ende in Scharnow bleiben möchte. Wie es eben so ist mit den Dörfern im Umland – man besucht sie, ist aber auch froh, wenn man wieder weg ist.

Der Autor liest am 8. April im Frankfurter Mousonturm. www.mousonturm.de

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