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In Lucy Frickes Roman "Takeshis Haut" behelligt ein mysteriöses Störgeräusch die Klangspezialistin auf Kyotos Straßen.

Lucy Fricke „Takeshis Haut“

Das Tönen aus der Tiefe

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Lucy Fricke bringt in ihrem neuen Roman ziemlich raffiniert die Katastrophe von Fukushima mit einer privaten Beziehungskrise zusammen.

Ein Erdbeben ist beängstigend, die Folgen sind oft entsetzlich. Aber rein literarisch gesehen ist es eine großartige Metapher. Lucy Fricke, die wenige Monate nach der Atomkatastrophe von Fukushima ein Aufenthaltsstipendium in Japan antrat, hat sich von den äußeren Umständen zu einem Roman inspirieren lassen, der das reale Szenario des Tsunamis und der Katastrophe von Fukushima mit einer großen privaten Erschütterung verbindet.

Wie oft bei Fricke steht eine noch ziemlich junge Frau mit einem eher unbekannten Filmberuf im Mittelpunkt der Handlung. Frida ist Spezialistin für Geräusche. Sie betreibt ein kleines Studio, in dem sie Filme vertont, also auch: Geräusche herstellt. Für einen Kriegsfilm hat sie gerade ein paar Gewehre erstanden, mit denen sie täglich ein paar Filmsoldaten erschießt. Ihr Privatleben dagegen, das sie mit dem ehemaligen Barmann Robert im gemeinsamen Eigenheim teilt, verläuft scheinbar in Harmonie.

Ein ungewöhnlicher Auftrag

Doch die gerät ins Wanken, als die Geräuschefrau einen ungewöhnlichen Auftrag annimmt. Ein Regisseur schickt ihr einen Endzeitfilm, den er in Japan gedreht hat und dessen Tonspur verloren gegangen ist. Frida soll nach Japan reisen, um die verlorenen Töne wieder einzufangen.

Ein traumartiger, leicht surrealistischer Hauch liegt über den Japanszenen, ein Anflug von Unwirklichkeit. Er verschiebt die sich ankündigende Katastrophe von Beginn an in einen Bereich, in dem ihre Zeichenhaftigkeit fast größer ist als ihre realweltliche Bedeutung. Diese Anmutung stellt Fricke auch dadurch her, dass ihre Protagonistin Eindrücke ständig durch das fein sortierende Sensorium einer Filmschaffenden mit Auftrag filtert. Denn Frida ist zwar nicht ganz, aber doch überwiegend Ohr, und Kyoto eine exotische Geräuschkulisse.

Auf den Spuren der Filmbilder sucht sie ihre Wege durch die fremde Großstadt und fängt deren unterschiedliche Klangkulissen ein. Beim Abhören der Dateien aber muss sie feststellen, dass keine der Aufnahmen zu gebrauchen sein wird. Immer ist ein darunter liegendes Störgeräusch zu hören. Es ist unerklärlich, und niemand kann ihr helfen. Erst der Erwerb eines einheimischen Produkts (wohl ein kleiner Insider-Scherz: eines weniger empfindlichen Sony-Geräts) beseitigt den Missstand.

Als Leser hat man Frida zunächst das Wissen um das Erdbeben voraus, das schließlich als ursächlich für das unheimlich irritierende Geräusch auftritt. Allerdings ist parallel dazu, und fast unmerklich, bereits eine andere schwere Erschütterung geschehen. Fridas Auftraggeber hat ihr einen Helfer geschickt: Takeshi, den Hauptdarsteller seines Films. Eine prekäre Liebesbeziehung entspinnt sich.

Natürlich ist klar, dass einer Affäre, die sich unter dem Zeichen einer nahenden Katastrophe entwickelt, keine echte Zukunft beschieden sein kann. Der Schaden im Fundament jener anderen Liebe aber, die Frida als gegeben hinnahm, wird wohl dauerhaft sein. Das zeigt auch jener Riss in der Wand, den sie nach ihrer Rückkehr zu Hause in Berlin vorfindet, und den Robert, nachdem er ihre Geistesabwesenheit endlich richtig gedeutet hat, auch noch blutrot markiert.

Es liegt insgesamt eine auffällige Symbolhaftigkeit in diesem Roman. Merkwürdigerweise wirkt das aber gar nicht so sehr störend, womöglich auch, weil dem Hang zum bildbetonten Melodram, dem Ausstellen der seelischen Verwerfungen in klar gezeichneten Bildern selbst etwas Filmisches eigen ist.

Existenzielles und Luxuriöses

Dazu hat Lucy Fricke diese fein distanzierte, stets leicht ironische Haltung gegenüber ihren Figuren, die sie zuverlässig davor bewahrt, in Pathosfallen zu tappen. Der Roman und seine Hauptfigur sind somit ganz gut in der Lage, eine existenzielle Tragödie vom luxuriösen Trauerspiel eines privaten Gefühlschaos zu unterscheiden.

Man kann „Takeshis Haut“ auf verschiedene Art lesen: Als Novelle über eine unvollkommene Liebesgeschichte. Als Versuch, aus der Ferne die Katastrophe von Fukushima zu begreifen. Als literarischen Essay über die beschränkte Wahrnehmungsfähigkeit des Menschen. Und natürlich als Reverenz an Japan und seine kulturellen Eigenarten.

So vielschichtig das wirkt, so scheint es dabei gleichzeitig ein wenig unfertig, vielleicht könnte man sogar sagen: untentschieden. Aber genau darin spiegelt sich letztlich der innere Zustand der Hauptfigur. Über alles, was ganz fertig ist, lohnt es sich ohnehin nicht, Bücher zu schreiben.

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