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Todtnauberg 1922 – Heideggers Hüttenzauber

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Von: Michael Hesse

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Das Erbe für die Hütte genutzt: Martin Heidegger und seine Braut Elfride Petri im Jahr 1916.
Das Erbe für die Hütte genutzt: Martin Heidegger und seine Braut Elfride Petri im Jahr 1916. © Imago

In luftigen Höhen: 1922 bezieht der Philosoph Martin Heidegger sein berühmtes Domizil in Todtnauberg - und verfasst dort die wichtigsten Gedanken, die in „Sein und Zeit“ münden.

Das Jahr 1922 war für die Familie Heidegger eine Zeit, in der die Welt noch Heimat war. Im Sommer hatte sich Martin Heidegger mit seiner Frau Elfride und den beiden Kindern in Todtnauberg aufgemacht, ihr neues Domizil auf 1200 Metern Höhe aufzusuchen. Der Aufstieg in die Höhen des Südschwarzwaldes bot die passende Gelegenheit für den jungen, äußerst ambitionierten Philosophen, die Last des Alltags hinter sich zu lassen.

Immerhin hatte Heidegger einiges zu tun. Denn an der Universität Marburg ergab sich eine Möglichkeit, die lang ersehnte Professorenstelle zu erklimmen. Dringend musste also das bisher Durchdachte und Geleistete in schriftlicher Form vorliegen, um es gegen die starke Konkurrenz ins Rennen zu werfen. Doch mitten in der harten Arbeit am Philosophischen Seminar der Universität Freiburg, wo Heidegger Dozent und langjähriger Assistent des berühmten Edmund Husserl war, überraschte ihn seine „Elfi“ mit einem Geschenk: Die Hütte. Dass diese sogar einmal in die Philosophie-Geschichte eingehen sollte, konnte sie noch nicht wissen, als sie im Februar 1922 nach einer gemeinsamen Wanderung mit ihrem Mann den Entschluss für den Bau gefasst hatte. Rund 60 000 Mark hatte sie von ihrem Erbe abgeknapst, um einen Bauern für Arbeit und Material bezahlen zu können, damit eine Holzhütte hoch oben im Schwarzwald dem Denker eine Zuflucht in allzu bewegten Zeiten bieten sollte. Am 9. August zog die Familie dort ein. Strom gab es da noch nicht. Und der Weg nach oben war besonders im Winter beschwerlich.

Auch das Geld war knapp, die Lebensmittel überdies, schließlich tobte in Deutschland das Gespenst der Inflation. Kurz, im Leben der meisten Menschen ging es drunter und drüber. In einem Brief berichtet Martin seiner Frau, er habe soeben ein Bändchen Nietzsche erworben: Früher fünf Mark, heute 560 Mark, fügt er hinzu.

Heidegger, Jahrgang 1889, war Anfang der 1920er Jahre noch nicht der Star, der er später sein sollte. Aber er war angesagt. In seinen Vorlesungen saßen spätere Größen wie Gadamer, Horkheimer, Marcuse oder Hans Jonas. Der Verbleib in luftiger Höhe war ganz nach dem Geschmack Heideggers. „Ich muss sagen, wenn ich meine Hüttenmanuskripte, die ich mithabe, ansehe, sind sie alles andere als nicht gut gelungen“, heißt es in einem an seine Frau adressierten Brief im September des Jahres.

In der Abgeschiedenheit des Schwarzwaldes, fernab vom Uni-Betrieb, fasste Heidegger noch einmal seine Gedanken zusammen. Ab und an arbeitete er auch unten in Freiburg, da die Kinder ihn oben in der Hütte störten. Die kleine Schrift, die im selben Jahr entstand, ging als Natorp-Bericht in die Philosophie-Historie ein, da er an den Neukantianer und in Marburg lehrenden Professor Paul Natorp adressiert war.

Die Arbeit ist intensiv: „Ich bin gut im Zuge“, berichtet er Elfride. Unter dem Titel: „Phänomenologische Interpretation zu Aristoteles – Anzeige der hermeneutischen Situation“ verschickte Heidegger nach nur drei Wochen seine Bewerbung nach Marburg und Göttingen, wo ebenfalls ein Lehrstuhl frei geworden war. Natorp war begeistert, er sprach von einem „genialen Entwurf“. Den Lehrstuhl erhält Heidegger dennoch nicht und zieht doch nach Marburg um; er tritt eine Stelle als außerplanmäßiger Professor an. Auch Gadamer, der damals bei dem Neukantianer in Marburg promovierte, berichtete später, dass der Natorp-Bericht für ihn zu einer „wahren Inspiration“ geworden sei. Zum ersten Mal werden jene Denkwege klar, die er in seinem nur fünf Jahre späteren Meisterwerk „Sein und Zeit“ einem größeren Publikum vorlegen wird.

Das Buch „Sein und Zeit“ von 1927 erregt nicht allein die Gedankenwelten großer Denker. Es zieht auch Generationen von Studenten und Studentinnen in seinen Bann. Allein der Titel „Sein und Zeit“ scheint ja darauf hinzudeuten, dass es sich hier um eine Diagnostik der Gegenwart handeln könnte, des großen erlebten Umbruchs der 1920er Jahre. Doch die Intention ist eine andere, Heidegger wird nicht müde, dies zu erklären. Bis heute ist die Deutung umstritten. Anders als Jean-Paul Sartre wollte er keine Existenzphilosophie schaffen. Heidegger will sich viel mehr auf das konzentrieren, was der „Existenz“ als ihre Bedingungen immer schon vorausgeht: die sogenannten Existenzialien.

Aber bis zu dem großen Wurf ist es noch ein langer Weg. Die von Heidegger an Natorp verschickte Schrift („Ich muss ein Exzerpt machen, das Frau Husserl die Güte hat, abzuschreiben“, berichtet er an Elfride) legt den revolutionären Gedanken Heideggers auseinander, den er später als eine „Fundamentalontologie“ dem Publikum darlegen wird.

Ausgehend von dem Gedanken des Aristoteles, das „Seiende als solches und im ganzen“ erkennen zu wollen, erklärt Heidegger, dass nun das „Dasein“ ins Zentrum der philosophischen Betrachtung rücken müsse. „Der Gegenstand der philosophischen Frage ist das menschliche Dasein als von ihr befragt auf seinen Seinscharakter.“

Das Wort Dasein steht bei Heidegger für den Menschen, dessen Sein, das von ihm als „Existenz“ bezeichnet wird, soll auf seine Zeitlichkeit hin ausgelegt werden. Auch der Sinn von Sein, so Heidegger, müsse aus der Zeit her verstanden werden. Dazu dient seine Daseinsanalyse. Zugleich übt er eine massive Kritik an der philosophischen Tradition. Die Philosophie habe sich seit den alten Zeiten der Griechen eigentlich nur auf das Sehen des Vorhandenen konzentriert, rügt er 2000 Jahre Philosophie-Geschichte. Heidegger fordert nichts anderes als die Destruktion der Geschichte der Ontologie. Die Verengung des „Blicks“ auf die Dinge, die um uns herum existieren, habe dazu geführt, die Welt als eine Sammlung lauter Dinge aufzufassen, der ein erkennendes Subjekt gegenüberstehe. Das Sein sei schon von den Griechen als Vorhandenheit und damit im Zeitmodus der Gegenwart verstanden worden. Damit man das Sein richtig verstehen könne, müsse es aus der Zeit begriffen werden. Daher Sein und Zeit. Die Philosophie der Vorhandenheit müsse aber, so Heidegger, durch eine Ontologie der Zuhandenheit abgelöst werden. Und unter dieser will der Philosoph die praktische Seite des Lebens verstanden wissen.

Was damit genau gemeint ist, lässt sich nur allzu gut vorstellen, wenn man sich Heidegger in seiner Schwarzwaldhütte vor Augen führt. Denn gerne ließ dort oben der Meister aus Meßkirch den Hammer kreisen. Das Hämmern mit dem Hammer ist für ihn in seiner Tätigkeit und seinem Vollzug etwas, das mehr über das sogenannte Wesen dieses Werkzeugs aussagt als irgendeine theoretische Beschreibung. Der Hammer zeigt sein Wesen also immer dann, wenn man mit ihm etwa einen Nagel in die Wand treibt. Die theoretische Betrachtung, das bloße Angaffen, erfasst nicht das Wesen des Gegenstandes. Der Hammer ist kein Einzelding, sondern nur aus einer Zeugganzheit zu verstehen.

Die zeige sich vor allem dann, wenn etwas nicht mehr brauchbar, kaputt sei oder fehle, dann könne die Arbeit nicht fortgesetzt werden. Über den kaputten Hammer, die fehlenden Nägel, komme so der Händler, das Geschäft, die Fahrt in die Stadt in den Blick. Es leuchte so etwas wie Welt in diesem Zeugzusammenhang auf. Man denke heute an die unterbrochenen Lieferketten.

Unschwer konnte man hier eine Kritik an seinem Lehrer Edmund Husserl und dessen Theorie der Lebenswelt erkennen, hatte dieser doch besonders das Betrachten der Gegenstände von verschiedenen Seiten mit ihren Schattierungen in seinen phänomenologischen Studien hervorgehoben, um dem Kern der Sache auf die Spur zu kommen. Damit sollte nun ein für allemal Schluss gemacht werden, fordert Heidegger. Denn diese Art zu philosophieren, sei abkünftig, betonte er, also erst eine Folge und nicht der Grund der Erfassung der Welt durch unser praktisches Tun.

Das war ein Bruch mit der Tradition, keine Frage. Es deutete sich eine Revolution der Denkungsart an, wie sie Kant, der „Alleszermalmer“, mit seiner „Kritik der reinen Vernunft“ im 18. Jahrhundert vollzogen hatte. Sie passte in die Zeit, die nur so nach Umsturz und dem Neuen zu rufen schien.

Denn die 1920er Jahre waren wie auch die späteren 1960er Jahre die Phase einer Jugendrevolte. Nur dass sie im Vergleich zu den 68ern nicht nach links, sondern nach rechts ausschlug. Auch für Heideggers Hauptwerk sollte das Bedeutung haben. Nicht wenige lesen in diese Schrift, deren Grundzüge in den luftigen Höhen seiner Hütte verfasst wurden, eine Vorankündigung des völkischen Denkens der Nazis hinein. Die Debatte über Heideggers nationalsozialistische Verstrickung erhitzt noch heute die Gemüter.

100 Jahre nach seiner ersten Wanderung hoch auf seine Zauberhütte im Todtnauberg.

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