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Sein Werk umfasst mehr als hundert Bücher: Yves Bonnefoy.

Lyriker

Zum Tode von Yves Bonnefoy

Yves Bonnefoy erkundete die Psyche und die Gedankenwelt von Menschen. Nun starb der französische Dichter, einer der bedeutendsten Lyriker der Nachkriegszeit.

Von Jörg Aufenanger

Und so wären wir schließlich verloren, wenn es nicht die Poesie gäbe.“ Dichtung war für Yves Bonnefoy eine immer neue Hoffnung. Sie vermag Halt im Leben zu geben und die Furcht vor dem „Stachel Tod“ zu nehmen. Nun ist er im Alter von 93 Jahren verstorben.

Bonnefoy zählte zu den bedeutendsten europäischen Lyrikern des vergangenen Jahrhunderts, ragte mit den letzten Gedichtbänden „Die lange Ankerkette“ und „Die gebogenen Planken“ als unverwechselbare Stimme auch in unser Jahrhundert hinein. Sein erstes Buch „Le Traité de Pianiste“ erschien 1946, da war er gerade einmal dreiundzwanzig Jahre alt, in demselben Jahr gab er die Revue „La Revolution, la Nuit“ heraus, stand noch im Bann der Surrealisten und des Philosophen Gaston Bachelard, der ebenfalls die Nacht zum Ort hellster Erkenntnis machte.

Doch bald löste sich Bonnefoy vom Surrealismus eines André Bréton, warf ihm vor, durch den Traum eine zweite Welt schaffen zu wollen, den wahren Ort zu fliehen, anstatt die eigene Präsenz in der Welt zu akzeptieren. Die Poesie sei aber das Theater dieser Welt, des Hier und Jetzt, das Einfache der Existenz.

Bonnefoy orientierte sich nicht an einer der Avantgarden, die irgendwann wie der Surrealismus selbst epigonal werden, es war die Entdeckung der Dichtung Baudelaires, die ihm den weiteren Weg zur Poesie wies.

„Welch andere Sorgen kann die Dichtung haben, als das zu benennen, was sich verliert.“ Die Charta der Dichtung ist für ihn Baudelaires Poem „An eine die vorübergeht.“

Den Augenblick erhaschen, ihn in Worte fassen, bevor er wieder vergangen ist, das ist für Bonnefoy das Experiment Dichtung, das nicht immer gelingen kann. Der Augenblick einer Schneeflocke, die sich auf seine Hand setzt und im Nu schmelzend vergeht, ist für ihn ein Bild von Gegenwart und Vergänglichkeit, wie er es in dem Gedichtband „Vom Anfang und Ende des Schnees“ so wunderbar erzählt hat.

Bonnefoys Gedichte und auch seine Kurzprosa sind stets Erzählung und daher auch mühelos zu lesen, Erzählung eines Moments, eines Vorfalls, einer Begegnung. Das Ich des Dichters ist darin immer präsent, ohne dass er sich eitel spiegelt.

1953 erschien mit „Von der Bewegung und von der Bewegungslosigkeit Douves“ der Gedichtband, der Bonnefoy in Frankreich bekannt machte, und von da an gehörte er zu den prägenden Stimmen französischer Lyrik. „Dichterisch schreiben heißt denkend schreibend“, formulierte er in dem Essayband „Das Unwahrscheinliche“ sein Credo, und in der Tat sind Bonnefoys Gedichte stets Herausforderung denkend zu lesen, so dass man ihn auch den Philosophen unter den Dichtern genannt hat.

Ob ich ihm nun in Paris oder in Berlin, wo er häufig zu Gast war, begegnete, stets blickte der kleine, fragile, scheue Mann fast wie ein Kind staunend in seine Umgebung. Und da das Staunen auch das Fragen gebiert, beginnt damit auch das philosophische Denken, das seine Dichtung grundiert.

Bonnefoy wirkte auf mich immer wie eine der fragilen, ephemeren Figuren Alberto Giacomettis, dessen Freund er nicht nur war, dem er auch mit „Giacometti, Biografie eines Werks“ sein anmutigstes Werk über die Künste widmete.

Was ist das Leben mehr als Erinnerung, fragte Bonnefoy in einem seiner letzten Bücher“ Die lange Ankerkette“. Erinnerungen an Augenblicke, die zurückreichen bis in die Kindheit und die sich wie an einer Kette aneinanderreihen, bis dass der Tod diese zerreißt, und sie verschwinden, es sei denn, sie sind in Gedichten und in Prosa aufgeschrieben wie es Yves Bonnefoy bis in seine letzten Jahre hinein stets getan hat. Und so existieren sie über ihn hinaus.

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