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Warten auf den Vater, der von der Securitate abgeholt worden ist.
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Warten auf den Vater, der von der Securitate abgeholt worden ist.

Der Tod, der Tod

Mit den Augen eines Kindes schildert György Dragomán die rumänische Diktatur.

Von JÖRG PLATH

Eine Breitwanderzählung - aber mit Hilfe einer Lupe, geführt von einem Elfjährigen. Ein Gesellschaftsroman - jedoch einer, der sich vornehmlich in der Elternwohnung und auf der Straße unter Schülern zuträgt. Spiele von Heranwachsenden, und zwar allein solche, die unvermittelt in tödlichen Ernst übergehen. Überall nur die Höflichkeit der Faust und die Freundlichkeit des Terrors. György Dragománs "Der weiße König" ist ein kunstvoll kalkulierter und atemlos zu lesender Schocker über die Ceausescu-Diktatur.

Die 18 miteinander verwobenen Geschichten, nein: short horror cuts erzählen von sechs Monaten Mitte der achtziger Jahre in einer rumänischen Kleinstadt. Ein halbes Jahr zuvor hat Dzsátás Vater eine systemkritische Petition unterschrieben und wurde dafür zur Zwangsarbeit am Donaukanal deportiert, Dzsátás Mutter verlor ihre Anstellung als Lehrerin, sein Großvater musste vom Amt des Parteisekretärs zurücktreten und brach den Kontakt mit der Schwiegertochter ab, weil die "jüdische Schlampe" schuld sei an der Unterschrift ihres Mannes. Die Sippenhaft der Securitate hat die Familie zerstört.

Diese Einzelheiten dringen erst nach und nach zu dem Ich-Erzähler Dzsátá durch. Doch der Verlust des Vaters trifft ihn wie ein mythisches Verhängnis und entstellt alle seine Spiele, Streiche und Begegnungen. Der Streit mit Nachbarjungen um einen Fußball wird mit geköpften Tauben, in Schultern gerammten Taschenmessern und dem Niederbrennen eines ganzen Weizenfelds ausgetragen. Die bei einem Spiel unterlegene Gruppe schlägt mit Ziegelsteinen in Plastiktüten auf den Sieger ein. Bei der Plünderung eines Ladens wird einer Verkäuferin die Schlinge um den Hals gelegt, als die Nachricht eintrifft, Polizei und Staatssicherheit rückten an. Die wollen sich doch nur selbst bereichern, winken die Plünderer ab. Es sind phantasmatische Szenen voller Brutalität, Verrat und Erpressung. Mit dem Vater ist nicht nur Dzsátá das Gesetz abhanden gekommen - das ganze Land liegt in brutaler Agonie.

Die Alten bilden keine Ausnahme. Die Großmutter teilt dem Jungen mit, sie leide an einer tödlichen Krankheit. Dzsátá stolpert betäubt in den Garten, wo der Großvater die Nachricht knapp abtut und dem zitternden Enkel seine Luger in die Hand drückt, damit er der Nachbarskatze den Kopf wegschießt: "So ist das halt, einmal müssen wir alle sterben."

Sein Vater werde die Zwangsarbeit nicht überleben, wird gehöhnt. Die Mutter bittet einen einflussreichen Bekannten um Hilfe. Der frühere Botschafter in Mali leckt sich lüstern die Lippen und bringt Dzsátá umgehend in ein anderes Zimmer. Furchtsam geht der Junge an ausgestopften Tieren entlang und erschrickt vor einem schwarzen Schachspieler, bis er erkennt, dass es eine Puppe ist. Dzsátá raubt dem Automaten den weißen König - und während die Puppe unheimlich, mit aus der Nase quellendem Rauch zu lachen beginnt, hört er auch die Mutter lachen. Ihre Nase blutet, aber sie hat dem Botschafter Stand gehalten wie er dem Automaten. Der Diebstahl der Schachfigur, die dem Buch den Titel gibt, ist eine Selbstermächtigung.

In einem suggestiven Ton - von dem deutschen Übersetzer László Kornitzer wunderbar getroffen - erzählt Görgy Dragomán, wie ein Kind in den Terror der Diktatur initiiert wird. In einem fort gebiert putzig Kindliches Ungeheuer; Gedanken und Dialoge, Verbotsangst und Überschreitungslust verschmelzen in Satzkaskaden zu gewaltsamen Bildern. Die raffinierte Folge von Verzögerungen und Entladungen lässt das Buch filmisch wirken, und tatsächlich arbeitet Dragomán nicht nur als Webdesigner und als Übersetzer von Samuel Beckett, James Joyce, Ian McEwan und Irvine Welsh, sondern auch als Filmkritiker. Das Konstruktionsprinzip wird allerdings gegen Ende hin berechenbar. Länger hätte "Der weiße König", Dragománs zweite Veröffentlichung nach dem "Buch der Vernichtung" (2002), nicht ausfallen dürfen.

So faszinierend der Autor die Perspektive des Heranwachsenden durchhält, so unübersehbar sind ihre Grenzen. In Péter Nádas' thematisch verwandtem Debüt "Ende eines Familienromans" (1977) bettet ein kindlicher Erzähler das Drama stalinistischer Schauprozesse in Ungarn ein in eine dichte, mit biblischen Geschichten verflochtene Familienmythologie.

Bei Dragomán, der 1973 in Siebenbürgen als Angehöriger der ungarischen Minderheit geboren wurde und 1988 mit seinen Eltern nach Budapest auswanderte, fehlt jegliche Überlieferung. Ihr Zusammenhang ist zerrissen; daher setzen die Geschichten immer wieder neu an und erzählen von einer unausweichlichen Gegenwart voller Niedertracht, Gier und Lüsternheit, in der eine bei aller Absurdität doch recht naturalistische Gewalt regiert. Erstaunlicherweise vermag György Dragomán die mörderische Intensität am Ende noch zu steigern. Der Tod, von dem beständig die Rede ist, hat den Großvater ereilt - und nun ereilt die Totenfeier, dieser zentrale Bestandteil jeder Kultur, das rumänische Schicksal: Es wird erst zur absurden Posse, dann zur Gewaltorgie. Schergen führen Dzsátás Vater in Ketten an den Sarg, und als sie ihn wegzerren, bevor er Frau und Sohn begrüßen kann, hastet Dzsátá hinterher. Mit der Brechstange der Totengräber bahnt er sich den Weg durch die Menge, doch vor der Leichenhalle erhascht er nur noch einen Blick auf das "knochenweiße Gesicht" seines Vaters an der Hecktür des Gefangenentransporters. Der weiße König fährt davon.

György Dragomán:Der weiße König. Aus dem Ungarischen von Laszlo Kornitzer. Suhrkamp Verlag, Frankfurt/ M. 2008, 296 S., 19,80 Euro

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