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Wer ist wohl auf der Buchmesse und willig?

Buchmesse - Glosse

Tindern auf der Frankfurter Buchmesse

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Tinder ist die wohl bekannteste Dating-App auf dem Markt. Man stellt ein Profil und Fotos von sich online und sieht, wer im näheren Umkreis unterwegs ist. Wie fällt die Ausbeute auf der Frankfurter Buchmesse wohl aus?

Ich habe nicht viel Zeit. Die Mittagspause ist knapp. Also schnell. Radius 2 km: rechts wischen. Radius 26 km, links wischen. Links, links, rechts, rechts, rechts... Wenn man in der Mitte der Frankfurter Buchmesse steht, muss innerhalb des 2-km-Radius’ doch eine ganze Menge zu holen sein. Sind die Männer dann alle auch auf der Buchmesse unterwegs? Wimmelt es hier nicht von belesenen Denkern, tiefgründigen Autoren, eloquenten Pressesprechern? Gutaussehende Intellektuelle, 28-35 Jahre alt, Single? Und weil Frankfurter ... reich? Ach nee, Buchmessenbesucher sind auch aus ganz Deutschland angereist. Streichen wir reich, ich komme aus Berlin, ich gebe mich schon mit gutaussehend und Single zufrieden.

Feldrecherche über das paarungsbereite Verhalten der männlichen Buchmessenbesucher

Ich wische mich durch meine Mittagspause, bis die Likes aufgebraucht sind, dann bin ich für zwölf Stunden gesperrt. Mir wird von Tinder die Möglichkeit angeboten, weitere Likes zu kaufen, 16,50 € pro Monat, wenn ich ohne Limit meine Herzen verteilen will. Will ich aber nicht. Die Ausbeute ist auch so kaum zu schaffen. Hier und da matcht es gleich, einige trudeln erst später ein. 21 Stück an der Zahl. Ist das jetzt gut? Neun Männer schreiben mich gleich an. „Da haben wir wohl einen Treffer.“ Offensichtlich haben wir das. „Ist die Buchmesse gut?“ Offenbar kein Journalist, dem wäre die geschlossene Frage, die man nur mit Ja oder Nein beantworten kann, längst ausgetrieben worden. „Bin auch auf der Buchmesse! Können uns gerne auf einen Kaffee treffen! In welcher Halle bist Du momentan unterwegs?“ Oha, das geht selbst mir zu schnell. Der nächste: „Lust auf einen gehorsamen Sklaven?“

Klar, meiner ist mir gerade abhandengekommen, der Posten ist wieder zu haben ... Und wer könnte schon widerstehen, bei einem illustren Mädelsabend mit dem hauseigenen Sklaven aufzutrumpfen, der massiert, bedient, Schuhe poliert und nackt putzt? Ich bin begeistert.

Doch dieser Marathon dient eigentlich einem höheren Zweck. Es ist eine sehr ernstgemeinte Feldrecherche über das paarungsbereite Verhalten der männlichen Buchmessenbesucher. Deswegen ist auch das einzige Kriterium die geringe Distanz. Normalerweise ist man da ja kritischer, begutachtet die Fotos, die erstaunlich häufig in Badezimmern aufgenommen wurden, mit angespanntem Bizeps, das Handy verdeckt dabei das Gesicht und im Hintergrund ist ein Haufen dreckiger Socken erkennbar sowie eine große Dose Fußdeo auf der Ablage. Außerdem ein Dauerbrenner: Fotos von Reisen, je nach körperlicher Verfassung entweder gebräunt am Strand oder eingepackt in Skimontur. Außerdem im Repertoire: Essen. Fröhlich schlemmend soll dies wahrscheinlich ein Sinnbild des Genusses sein.

Die Buchmesse als Dating-Oase?

Ein spontanes Kaffeedate auf der Buchmesse würde jedenfalls jede Menge Gesprächsstoff liefern, peinliche Pausen könnten kaum entstehen, dazu sind der Trubel und die Bandbreite an Themen zu groß. Außerdem würde man die Person gleich sehr gut kennenlernen. Was beschreibt einen besser als die Auswahl seiner Lektüre? Welche Frau hat beim Anblick des Bücherregals einer neuen Eroberung nicht schon einen Riesenschreck bekommen? Da können sich Abgründe ungeheuren Ausmaßes auftun. Die Buchmesse bietet sich hier als Auswahlwerkzeug geradezu an.

Zwischen vielen, teilweise gruseligen Nachrichten und Offerten („Hast du lust auf ein date in meinem zimmer?“), ist tatsächlich ein gutaussehender Mann dabei. Der vierte Kaffee macht sich nun auch bemerkbar und ich werde wagemutig. „Hallo, bist Du zufällig auch auf der Buchmesse unterwegs?“ Das ist er in der Tat, sogar ganz offiziell als Aussteller. Wir schreiben hin und her und er scheint ganz nett zu sein. Ich will es wagen. „Lust auf einen Kaffee?“ Er könne gerade nicht weg, er sei alleine. Ich biete an, mit Kaffee am Stand vorbei zu kommen. Aber das ist ihm jetzt wohl zu viel. Gerade sei die Hölle los und er würde sich gleich nochmal melden. Na ja, es gibt ja bald wieder eine Buchmesse, in Leipzig.

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