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Die Suche nach einer Moral, die auf Jenseits und Religion verzichten kann: Uwe Timm.

Literatur

Uwe Timm zum 80. Geburtstag: Im unüberprüfbaren Raum

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„Der Verrückte in den Dünen“: Zu seinem 80. Geburtstag hat Uwe Timm vorbildliche, packende Essays veröffentlicht.

Der Verrückte in den Dünen“ ist Carlos Gesell, der in den dreißiger Jahren an der Atlantikküste von Argentinien einen Badeort gründete, erzwang. Immer wieder bepflanzte er die Sandberge, immer wieder wurden die Pflänzchen verweht, auch ein Teerüberzug hielt nur einige Tage dem Wind stand. Aber Carlos Gesell wich nicht, und zwar so lange nicht – hier ist von Jahren die Rede, zwei Ehen, etlichen Freundschaftsaufkündigungen –, bis sich eine geeignete Pflanze fand und die Wanderdünen Halt bekamen.

Villa Gesell muss man sich heute anscheinend als munteren, buntgewürfelten Ort vorstellen. Die Frau von Uwe Timm, die Übersetzerin Dagmar Ploetz, wuchs hier auf. Das Paar, später die Familie, verbrachte hier viele Ferien. Carlos Gesells Vater Silvio hatte in der Münchner Räterepublik als Volksbeauftragter für Finanzen mitgewirkt. Geld, erklärte er, erklärt Timm, sei eine Ware und solle auch so behandelt werden, also zum Beispiel an Wert verlieren, wenn es nicht betriebsam bleibe. Der Kapitalismus schien ihm die „richtige, erfolgreiche“ Wirtschaftsform, „nur der Zins schafft Ungerechtigkeit, Krisen und Kriege“. Carlos’ viel jüngere Schwester Sonja berichtet Timm vom „Wunder von Wörgl“ in Österreich, wo ein Bürgermeister 1932 Freigeld in Umlauf und die Wirtschaft damit zum Florieren brachte. Auch Villa Gesell, sagt sie, sei doch ein Beweis für die Theorie ihres Vaters. „Nun ja, sagten wir und wollten diese großherzige, hilfsbereite Sonja nicht kränken, gut, ja, schon.“ Denn Uwe Timm ist kein naiver Utopist, sondern ein menschenfreundlicher Realist.

„Der Verrückte in den Dünen“ – so wurde Carlos Gesell tatsächlich genannt, und es focht ihn nicht an, vielmehr versuchte der Stadtgründer in hohem Alter noch, eine Sumpflandschaft bewohnbar zu machen. Man muss nach der Lektüre von Timms Essay davon ausgehen, dass nur der Tod ihn daran hinderte. „Dieser Mann war, wie Ernst Bloch sagt, verliebt ins Gelingen“, schreibt Timm im gleichnamigen Band „Über Utopie und Literatur“. Zum 80. Geburtstag des Schriftstellers am heutigen Montag gibt das ausgesprochen packende Buch – zum Teil mit Texten, die so oder so ähnlich schon einmal anderswo veröffentlicht wurden – Gelegenheit, Timm beim Denken zuzuschauen.

Und einem großen Gedankenbogen zu folgen: Er beginnt bei Villa Gesell und andere lateinamerikanischen Utopien, konkreten Beispielen, die meist tragisch oder böse kippen. „Die Utopie des Dr. José Gaspar Rodríguez de Francia“ lässt in der ersten Hälfte des frühen 19. Jahrhunderts ein isoliertes, aber gesellschaftlich erstaunlich faires Paraguay entstehen – mit einem Amt zur Verteidigung der Armen, einem Amt zur Verteidigung der Indios und schließlich einem Amt zur Verteidigung der Minderjährigen. Der gewählte Diktator jedoch stolpert über seine wachsende Verschrobenheit – Allmacht bringt einen immer dahin, so ist Timm zu verstehen – und zudem die martialische Ahndung eines späten Komplotts. Timm entgeht nicht, wie rasch und nachhaltig schlecht das Urteil über Francia nachher ausfiel. Natürlich ist es bequemer, wenn sich Utopisten eh als Schurken erweisen.

Timm dagegen liest und sieht ohne Vorbehalte. Die völlige Unvoreingenommenheit, die die Situation des einzelnen Menschen zum Maßstab nimmt, macht seinen Blick frei – und niemand muss befürchten, dass ihn das optimistisch machen würde. Es macht ihn lediglich genauer, gedanken- und beobachtungsschärfer. Die Gleichzeitigkeit gegensätzlicher Tatsachen, jenes immer schon angefeindete, aber zuletzt ganz besonders aus der Mode geratene Sowohl-als-Auch bereitet ihm keine Schwierigkeiten.

Uwe Timm: Der Verrückte in den Dünen. Über Utopie und Literatur. Kiepenheuer & Witsch, Köln 2020. 254 S., 20 Euro.

Zwei Reisen nach Paraguay 1984 und 2010 werden in zwei Texten raffiniert ineinander verschlungen. Unter Alfredo Stroessner zeigt sich das Land in völliger Erstarrung. Stroessner erscheint als Jiu-Jitsu-Kämpfer, langsam und geschickt. „Demokratie ist sicherlich das meistgebrauchte Wort in den Veröffentlichungen des Regimes.“ Über das, so Timm 1984, was über Paraguay noch zu erzählen sei, müsse er unter diesen finsteren Umständen später zurückkommen. Man liest davon im zweiten Text von 2010: Jetzt greift Timm auf seine Aufzeichnungen von damals zurück und wir erfahren etwa von seinem Besuch bei den Maká, die einem skurrilen Kult anhängen, aber von einem US-Missionar behelligt werden. „In meinem Tagebuch lese ich: ,der abgehärmte Missionar mit seiner dummen Tucke, Kotzbrocken‘, ein verbaler Furor, gegen all die in Lateinamerika wirkenden amerikanischen Evangelikalen gerichtet, die an der Zerstörung indigener Kultur arbeiten, um sie für den westlichen Konsum zu firmen.“

Der gerechte, umso wirkungsvollere Zorn fährt selten in Timm, der Abstand des Selbstzitats wird ihm dabei helfen.

Im zweiten Teil, der in viele Unterkapitel gegliederten „Raumordnung“, geht es um utopische Entwürfe in der Literatur, angeführt von Thomas Morus. Beim Reisen wie beim Lesen ist Timm der denkende Beobachter. „Utopia“ beeindruckt ihn, aber er registriert: „Das Ungewöhnliche, Zufällige, Ekstatische, Anarchische, auch Spielerische, all das hat in dem rationalen Staat Utopia keinen Platz.“ Dichtung ebenfalls nur am Rande, schreibt er, bewegt sie sich doch „in einem nicht überprüfbaren Raum ...“. Dichtung ist gefährlich, nicht unbedingt bloß wegen dem, was da steht, sondern wegen der Freiheit, die sich der schreibende (und der lesende) Mensch dabei nimmt.

Und wo sind wir angekommen? „Der Aufwachraum“ schildert den Weg zur weitgehenden Schmerzfreiheit durch Narkose- und Schmerzmittel. Der Kampf gegen die Schmerzen – Zahnbehandlungen dienen Timm als wiederholtes Beispiel („man merkt, ich habe Probleme mit den Zähnen“) – ist kein Nebenschauplatz. Es ist sogar das ideale Beispiel für die von Timm eingeforderte Menschenzugewandheit, ohne die Gesellschaftsentwürfe jämmerlich theoretisch bleiben (wie das ehemalige DKP-Mitglied genau bedacht haben wird).

„Der Kampf gegen Schmerz, zumal gegen den vom Menschen dem Menschen zugefügten, gegen die Folter, ebenso wie der Kampf gegen den unnötigen Tod wegen fehlender medizinischer Versorgung oder gar wegen Kriegen ist die existenzielle Utopie. Aus ihr ließe sich eine Moral ableiten, die auf das Jenseits und die Religion verzichten kann.“ Und wenn das Buch nur aus diesen beiden Sätzen bestünde, wäre es bereits von immenser Wichtigkeit und ohnehin Aktualität.

Uwe Timm tritt in „Der Verrückte in den Dünen“ als Zeitzeuge auf – Phänomen des Älterwerdens, wie Timm die unmittelbare Nachkriegszeit mit unseren Tagen verklammern kann –, vor allem aber als freier, informierter, unbefangen neugieriger Zeitgenosse. „Ich“ zu sagen, ist dann auch keine Eitelkeit, sondern Präzision und Bescheidenheit, die Übernahme von Verantwortung.

Zum Weiterlesen

Über den Autor

Kerstin Gleba und Helge Malchow (Hrsg.): Am Beispiel eines Autors. Texte zu Uwe Timm. Kiepenheuer & Witsch, Köln 2020. 205 S., 20 Euro. – 25 Glückwünsche von Kolleginnen und Kollegen, eine illustre Runde.

Martin Hielscher und Friedhelm Marx (Hrsg): Wunschort und Widerstand. Zum Werk Uwe Timms. Wallstein, Göttingen 2020. 394 S., 29,90 Euro. – Ein auch literaturwissenschaftlich fundierter Leitfaden durchs Werk.

Vom Autor

Uwe Timm: Morenga. Roman. Mit einem Nachwort von Robert Habeck. dtv, München 2020. 478 S., 12,90 Euro. – Vom Autor durchgesehene Neuausgabe der 1978 erstmals erschienenen Geschichte über den Aufstand der Herero und Nama gegen die Kolonialisten in Deutsch-Südwestafrika.

Uwe Timm: Der Schatz auf Pagensand. Roman. dtv junior, München, 174 S., 12,95 Euro.– Ungekürzte Neuausgabe des 1995 erschienenen Kinderbuchs.

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