Alles hat polemischen Sinn

Den Tiger reiten

Ein polemischer Leckerbissen: Adolf Endler weist einen nächtlichen Besucher in seine Schranken. Von Jürgen Verdofsky

Von JÜRGEN VERDOFSKY

Der Dichter Adolf Endler sah sich in real-sozialistischer Vorzeit heftigen Wellenbewegungen der Bedrohung und Bedrängnis ausgesetzt. Er ist kein literarischer Hypochonder, aber wenn es sein muss, kennt er kein Pardon. Er gehörte zu den neun aus dem Schriftstellerverband Ausgeschlossenen von 1979, aber es gab Versuche, ihn von den anderen Aufmüpfigen zu trennen. Mit Marx- und Engelszungen sollte er zum Wiedereintritt in den Verband überredet werden. Aber ein Eddy "Pferdefuß" Endler badet nicht zweimal im selben Fluss. Diese hautnahe, "schließlich fast wutschnaubende" Anmutung zu einem winkelhaften Abkommen, brachte den Dichter sehr auf. In der Suada "Nächtlicher Besucher in seine Schranken gewiesen" dreht er den Spieß um und reitet selbst den Tiger.

Der ungeladene Dunkelmann wird in einer "hackmesserartigen Abwehr" die eigene Partei-Vulgata um die Ohren gehauen. Endler hat den Abgesandten zu einem Bäckergesellen umgewidmet, alle Macht geht vom Volke aus, aber seine Tirade ist für die Ohren eines IM "Adler" und anderer "Leit- und Führungswissenschaftler" bestimmt. Auf der Höhe seiner Sprachwut wird der gescholtene Dichter seinen endgültigen Bruch mit jeder sozialistischen Vereinfältigung dem ungebetenen Knallzeugen an die geschulte Stirn werfen. In diesem durchlöcherten Dasein, in einer Dachwohnung durch die Wind und Lärm der Nachbarn pfeifen, vollzieht sich ein ritueller Akt der Selbstbefreiung. Die Schimpfkanonade zielt auf einen Entschluss-Strich, "annähernd unüberwindlich". Wer sich so verausgabt, ist wirklich frei.

Diese "Fortsetzungs-Züchtigung" war Anfang der achtziger Jahre, als sie geschrieben wurde, politisch verwegen, heute ist sie es ästhetisch. Alle Begriffe finden hier ihren polemischen Sinn. Ursache und Ausdruck einer Polemik liegen weit auseinander. Endler spricht nicht voraussetzungslos und über seine Zwangslage schon gar nicht. Es ist ein Aufeinanderprallen von Macht und Subversion, Anmaßung und Korrektur, Dogma und Kunst. Es handelt sich um eine Entladung subversiver Ironie. Es ist, als folge Endler einer Gewissheit von Niklas Luhmann, der im Humor, und sei es Galgenhumor, einen notwendigen "Wellenbrecher für überraschende Moralstürme" erkennt.

Diese Schimpfkanonade ist im Frühjahr 1989 in der Berliner Handpresse in Kreuzberg mit Bildern von Wolfgang Jörg als Kunstbuch in Kleinstauflage erschienen, erreichte aber im Wirbel der Maueröffnung kaum Wahrnehmung. Die anschwellende Bereitschaft zum Verstehen, Verzeihen und Vergessen ließ Endler sich auf seine fast 25-jährige "Läster-Laudatio" besinnen. In den Göttinger Sudelblättern, herausgegeben von Heinz Ludwig Arnold, findet sie jetzt ihren richtigen Platz. Dieser kleine autonome Text ist frisch wie selten eine zeitgebundene Polemik. Ein Leckerbissen.

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