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Tierischer Terror

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Von: Sylvia Staude

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Mond, rot.
Mond, rot. © REUTERS

Der Werwolf als Extremist und Gesellschaftskritiker: Benjamin Percys origineller Fantasy-Roman „Roter Mond“.

Ein unauffälliger Flugzeugpassagier, Anzug, Aktentasche, verschwindet schwitzend auf der Toilette – aus der er wenige Augenblicke später als Werwolf („Haare, Muskeln und Klauen“) bricht. Er tötet alle, nur ein Teenager kann sich retten, unter den blutigen Leichen der anderen. Zwei andere Flugzeuge werden gleichzeitig überfallen. Und obwohl keines in ein Hochhaus gesteuert wird, ist die Anspielung überdeutlich: Lykaner heißen bei Benjamin Percy diejenigen, die nun furchtbar Rache nehmen für ihre Benachteiligung durch die amerikanische Gesellschaft.

„Roter Mond“ (Original: „Red Moon“, 2013) ist ein Fantasyroman als Gesellschaftskritik. Percy, Jahrgang 1979, hat mit Kurzgeschichten angefangen, zügig renommierte Preise gewonnen, so dass die US-amerikanische Kritik ein wenig irritiert war angesichts seines Wechsels in die Werwolf-Genrefiktion. Aber er verfolgt mit seinem dicken Roman offenbar höhere Ziele – etwas zu disparate Ziele mit etwas zu vielen anspielungsreichen Wendungen, so dass das Buch überfrachtet wirkt.

Denn für „Lykaner“ kann man lesen: Moslems, Aidskranke (das infizierende Prion kann beim Geschlechtsverkehr übertragen werden), Afghanen (vor Jahrzehnten wurden die Lykaner in ihrer kalten, kargen Republik mit amerikanischen Waffen beliefert, um die Russen zu vertreiben) – fast jede Minderheit passt irgendwie. Auch die Rolle des Othello spielt bei Percy ein Werwolf-Infizierter. Lykaner dürfen nicht jeden Beruf ergreifen, vor allem aber müssen sie – und begreifen das als Diskriminierung – ein Medikament nehmen, das eine Verwandlung verhindert.

Nur die Natur ausleben?

Aber hier wird es problematisch: Denn anders als Moslems sind in Percys Logik Lykaner, die kein Medikament nehmen, tatsächlich eine tödliche Gefahr für ihre, nun ja, Mitmenschen. Der Autor möchte wohl kaum argumentieren wollen, dass auch Werwölfen erlaubt sein muss, ihre Natur auszuleben.

Der amerikanische Präsident ruft angesichts der Terroranschläge zu „Geduld und Besonnenheit“ auf: „Denken wir daran, dass nicht jeder Lykaner ein Extremist ist.“ Die Rede an die Nation, die sich Percy da ausdenkt, klingt nach Obama. Auf der anderen Seite steht ein rechtsgerichteter, den Konflikt schürender Politiker – dass ihn eine Prostituierte beißt und infiziert, geschieht ihm recht.

So bewegt sich dieser Roman zwischen Klischee und durchaus origineller Variation von Genre-klischees. Am überzeugendsten ist ausgerechnet eine fein gezeichnete, Romeo-und-Julia-artige Liebesgeschichte zwischen dem überlebenden Jungen und einer Lykanerin: Er weiß ihre animalische Seite zu schätzen.

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