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Sie ist ein Nashorn, aber sie kann einem das Fahrradfahren ohne Stützräder beibringen!

Kinderbücher

Das Tier in mir

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Lehrreiche und sehr hinreißende Bilderbücher mit tanzenden Nashörern, pubertären Giraffen und literarisch interessierten Löwen.

Das Nashorn geht zum Ballettunterricht Keine große Schwester kommt sich wie ein Nashorn vor. Nie käme sie auf die Idee, dass ihr kleiner Bruder ein Nashorn in ihr sehen könnte. Da aber „Geschwister!“ ein Bilderbuch ist, das kein Blatt vor den Mund nimmt, sehen wir es auch schon, das Nashorn. Das Nashorn weiß alles besser, es hat keinen Humor und geht zum Ballettunterricht. Ein Nashorn beim Ballettunterricht, na ja. Nashörner sind sehr stark. Wenn sie einen Teddy an der einen Seite festhalten, zieht man als kleiner Bruder den Teddy an der anderen Seite immer länger, während das Nashorn entspannt mit Stand- und Spielbein in der Gegend herumsteht. Nashörner sind aber auch sehr groß und können fabelhafte Bauklotztürme bauen. Zudem sind Nashörner sehr klug und können einem das Fahrradfahren ohne Stützräder beibringen.

Kein kleiner Bruder kommt sich wie ein Affe vor. Nie käme er auf die Idee, dass seine große Schwester einen Affen in ihm sehen könnte. Da ist er schon, der kleine Affe, wenn man Rocio Bonillas hin- und mitreißendes Buch von der anderen Seite aufschlägt. Affen machen Quatsch und man muss als große Schwester auf sie aufpassen (zweimal in der Woche nach der Schule, ein großer Mist). Das heißt aber interessanterweise nicht, dass es ohne den Affen besser wäre. Natürlich vermisst man ihn erst, wenn er nicht da ist. Natürlich kann man mit ihm rumkichern und spielen, ziemlich gut sogar.

Leserin und Leser, Nashorn und Affe sind jetzt zweimal versöhnlich in der Mitte angekommen. Da wartet eine Riesenüberraschung. Die Bilder der 1970 geborenen Spanierin Bonilla zeigen fabelhafte Totalen und zoomen heran und bieten eine zeitlose Kinderwelt von solcher Intensität, dass es das Buch sein könnte, das die Erwachsenen immer wieder lesen wollen. Kinder bestimmt auch. Bonilla wird ernsthafte Probleme unter Geschwistern nicht lösen können, aber sie gibt Gelegenheit, darüber zu lachen und zu reden.

Der Löwe liest Gedichte. Der Löwe Leonard ist ein nachdenklicher Freund einsamer Spaziergänge und der Lektüre von Gedichten. Ed Vere skizziert ihn nach seiner Art mit robusten kohleschwarzen Umrissen auf gelb-orangenen Seiten, wie durchglüht von der Hitze ferner Kontinente. Die Löwenzeichnungen bieten immer auch eine Mal- und Zeichenschule, der Text ist aber zart und voller rhetorischer Kniffe. Denn Löwen sind eigentlich ganz anders – sie springen aus dem Gebüsch, sie brüllen laut rum und essen andere Tiere auf, „schnapp, mampf, SCHMATZ!“ Leonard aber, immer wieder betont der Autor, wie ungewöhnlich das ist, geht seinen Weg, schont die Maus und freundet sich mit der Ente Marianne an. Auf einem der schönsten Bilder liest Marianne in einem Band von Emily Dickinson, Leonard liest Robert Frost.

Ed Vere: Ganz einfach Löwe. A. d. Engl. v. Sabine Ludwig. cbj 2019. 32 S., 13 Euro.Rocio Bonilla: Geschwister! A. d. Span. v. Renate Loew. Jumbo 2019. 48 S., 15 Euro.Jory John (Text) & Lane Smith (Ill.): Roberta & Henry. A. d. Engl. v. Andreas Steinhöfel. Carlsen 2019. 40 S., 15 Euro.

Sie fahren aber auch Rollbrett und Roller zusammen. Wer gerne Gedichte liest, ist kein Langeweiler, sondern ein Supertyp. Wie üblich sind es die anderen, die wissen, wie Löwen zu sein haben, und Leonard schließlich Vorwürfe machen. „Wenn du wirklich ein Löwe sein willst, Leonard – dann darfst du nicht nett sein!“

Aber hier irren die Löwen, denn an Leonards Löwesein gibt es keine Zweifel. „Ganz einfach Löwe“ ist insofern ein ermunterndes Plädoyer gegen von anderen festgelegte Rollenmuster, gegen den Versuch einer Mehrheit, die Deutungshoheit über andere für sich zu reklamieren. Leonard ist manchmal niedergeschlagen, aber er lässt sich nicht beirren. Er erinnert an den Cowboyhelden, der im Saloon ein Glas Milch bestellte. Anwürfe abzuwehren, in denen einem die Zugehörigkeit abgesprochen wird, ist besonders schwierig. Gut, dass Leonard Marianne an seiner Seite hat.

Die Giraffe hasst ihren Hals. Bei Roberta, leider typisch Frau, könnte man sagen, ist es genau umgekehrt. Sie kann ihre Natur nicht ausstehen, die sich in Form eines im Buch tatsächlich unendlich wirkenden Halses zeigt. Und da man zwar sein Inneres, nicht aber die grundlegenden Parameter seines Äußeren selbst bestimmen kann, ist Roberta eine todunglückliche junge Giraffe. Seite um Seite sieht man sie den Hals verstecken (schwierig): hinter Felsen und Bäumen, im Wasser oder mit der Hilfe einer Unzahl Krawatten. Als die Mutter sagt, sie solle doch stolz auf ihren Hals seien, viele Tiere würden sie darum beneiden: Da wird einem klar, dass der Autor Jory John hervorragend erfasst hat, dass Mütter unübertrefflich sind, in bestimmten Lebenslagen aber dennoch gegen eine Wand reden. Robertas Besessenheit ist auch ein perfektes Pubertätsszenario. Aber klar, wenn man dann die anderen Tiere daneben – also darunter – sieht, ist Robertas Hals wirklich sehr – lang.

Die Bilder von Lane Smith, in einer wunderschön altmodisch wirkenden, vermutlich supermodernen Collagetechnik, dokumentieren eine unendliche Freude am sich schlängelnden Giraffenhals. Roberta findet das nicht lustig. Die Lösung des Problems nähert sich in Form der wiederum winzigen Schildkröte Henry. Henry leidet unter der Kürze seines Halses, auch wenn da dichterische Freiheit ins Spiel kommt, denn Schildkrötenhälse sind proportional zum Körper gar nicht so kurz. Schildkröten sind aber relativ niedrig, das stimmt. Jedenfalls stoppt Henrys zweiseitiges Lamento – hier herrscht ein Mut zur Ironie, der vielen Kinderbuchautoren bedauerlicherweise abgeht – die Leiden der jungen R. quasi ab. Endlich kann sie einmal gelassen auf die Welt schauen, Henry eine Banane pflücken wie nichts. Ein grandioses Happyend zeichnet sich ab.  

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