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Donald Trump besucht 2019 eine Fabrik in Hackberry, Louisiana.
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Donald Trump besucht 2019 eine Fabrik in Hackberry, Louisiana.

Die Arbeiterschaft rückt nach rechts

Tiefengeschichte einer Radikalisierung

  • vonThomas Gesterkamp
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Warum sympathisieren Arbeiter mit rechtspopulistischen Parteien? Unser Autor sucht Erklärungen.

Die „blaue Wand“ zwischen der liberalen Ostküste der Vereinigten Staaten von Amerika und dem konservativen Bible Belt steht nach dem Wahlsieg von Joe Biden wieder. Doch ein sich schon länger abzeichnender Trend konnte nur teilweise gestoppt werden: Arbeiter und Arbeiterinnen wählen gerade in industriellen Krisenregionen rechte Politiker, Politikerinnen und Parteien. In Europa zeigten das die Brexit-Abstimmung und die Erfolge des französischen Rassemblement National, in Deutschland der Aufstieg der AfD.

Klaus Dörre, Professor für Soziologie an der Universität Jena, fragt in seinem Buch „In der Warteschlange“ nach den Ursachen. Der Band präsentiert Befunde der empirischen Forschung aus vier Jahrzehnten. Der Wissenschaftler will eine „rechte Tiefengeschichte“ erzählen, „die sich im Zeitverlauf radikalisiert“ hat. Im Eingangskapitel berichtet er von irritierenden Erfahrungen, die er Ende der 1980er Jahre bei Lehrgängen im IG-Metall-Bildungszentrum Sprockhövel bei Bochum machte. Gewerkschaftliche Jugendvertreter, die sich tagsüber an der Politischen Ökonomie von Karl Marx abarbeiteten, gaben beim abendlichen Bier offen zu, die Partei „Die Republikaner“, eine Vorläuferin der heutigen AfD, gewählt zu haben.

Dörre diagnostiziert die „Sehnsucht nach einem goldenen Zeitalter“, als „die Arbeiterschaft noch respektiert wurde“ und Chancen „zum gesellschaftlichen Aufstieg hatte“. Davon ausgehend zieht er eine Entwicklungslinie zum inzwischen auch parlamentarisch etablierten Rechtspopulismus. Sie reicht vom Frust der Ostdeutschen nach der Wende über die Globalisierung und Prekarisierung von Arbeit in den Nullerjahren bis zu den sozialen Folgen der Finanzkrise und den Ressentiments gegen Geflüchtete.

Den Begriff „Tiefengeschichte“ hat Klaus Dörre von Arlie Russell Hochschild übernommen. Die kalifornische Soziologin veröffentlichte noch vor Donald Trumps Wahlsieg im Jahr 2016 die Ergebnisse intensiver Feldforschung in Louisiana, einer Hochburg der rechten Tea-Party-Bewegung. Ihre lesenswerte Studie „Fremd in ihrem Land – Eine Reise ins Herz der amerikanischen Rechten“ erschien erst verspätet auf Deutsch.

Hochschild schildert das widersprüchliche Denken der von ihr Befragten in der Kleinstadt Lake Charles. Weder die Überflutung von New Orleans nach dem Hurrikan Katrina noch die Verseuchung des Golfs von Mexiko durch die dort omnipräsente petrochemische Industrie ließ die Gesprächspartner und Gesprächspartnerinnen an ihrem Weltbild zweifeln. Trotz der höchsten Luftverschmutzung von Nordamerika in diesem Gebiet leugneten sie den Klimawandel, sprachen hasserfüllt über den damaligen Präsidenten Barack Obama.

In der Warteschlange

Klaus Dörre schildert in seinem als Zeitachse angelegten Buch, wie der Mentalitätswandel im US-amerikanischen Arbeitermilieu mit Verzögerung auch hierzulande spürbar wurde. Die Gefühlslage der Deklassierten beschreibt er mit dem Bild der „Warteschlange“: Die Anstehenden haben den Eindruck, dass ihre Mühen vergeblich sind, dass sie sich sinnlos abrackern. Sie kommen nicht vorwärts, weil andere angeblich illegitim vordrängeln, ohne etwas geleistet zu haben. Bei der Bundestagswahl 2017 bildeten neben den Pegida-Hochburgen im Osten die alten westdeutschen Industriezentren einen Schwerpunkt rechter Kampagnen.

In Essen zum Beispiel sorgte der von der SPD zur AfD gewechselte Kommunalpolitiker Guido Reil für Schlagzeilen. Nicht ganz zu Unrecht hatte er sich darüber erregt, dass die Verwaltung fast alle Zugewanderten im verarmten Norden der Stadt unterbrachte – und dass sie so Spannungen zwischen alten und neuen Bewohnern und Bewohnerinnen provozierte. Reil, der einstige Bergmann und gewerkschaftliche Interessenvertreter beim Ruhrkohle-Konzern, gründete zudem die AVA, die „Alternative Vereinigung der Arbeitnehmer“. Gruppen mit ähnlicher Ausrichtung wie das „Zentrum Automobil“ bei Daimler-Benz traten in Betriebsratswahlen gegen DGB-Listen an, bisher allerdings mit geringem Erfolg.

Unter der Decke gehalten

Rechtsextremismus, so lautet die zentrale These von Klaus Dörre, besitze „eine Arbeiterbasis“. An der Spitze der Gewerkschaften ist dieses Thema weitgehend tabu, ähnlich wie es schon vor dreißig Jahren in der Bildungsarbeit der IG Metall unter der Decke gehalten wurde. Man wolle, so sagen Funktionäre hinter vorgehaltener Hand, das brisante Phänomen nicht „unnötig aufwerten“.

Der Soziologe legt mit seinem Forschungsband also den Finger in eine offene Wunde. Zwar wähle die Mehrheit der Industriearbeiter und -arbeiterinnen weiterhin demokratisch, „in EU-Europa sogar überwiegend links“. Doch die Sympathie für rechtes Gedankengut wachse, weil „Klassenkategorien wissenschaftlich wie politisch aus der Mode gekommen sind“.

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