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So tief im heiklen Fleisch

Die gesammelten Gedichte des Genius H.C. Artmann

Von Alexander von Bormann

Reichlich fünfzig Jahre war der H.C. Artmann als Poet präsent, und zwar äußerst leibhaft, und sein nicht eben übersichtlich publiziertes Werk umfasst mindestens ebenso viele Bände und Bändchen, viele Schallplatten (er bleibt der großartigste Rezitator der eigenen Verse), auch Hörspiele, Theater, wenige Essays, viele Übersetzungen. Berühmt wurde der vor drei Jahren Verstorbene mit seinen Dialektgedichten med ana schwoazzn dintn (1958), jeder zweite Lyrikleser verging sich danach am Wienerischen. Zusammen mit Konrad Bayer und Gerhard Rühm bildete er 1953 die "Wiener Gruppe". Sein Bekenntnis zum modernen Gedicht ist der Haltung Gottfried Benns vergleichbar, der kühl befand, ein Gedicht werde nicht aus Gefühlen, sondern aus Worten gemacht. Der Verlag Jung und Jung hat nun die 1994 erschienene zehnbändige Werkausgabe, die Klaus Reichert in Abstimmung mit dem Autor organisiert hat, in einen Band mit zehn Abteilungen gebracht, handlich und unentbehrlich für jeden Lyrikfreund.

Der Anfang zeigt vor allem, wo Artmann es her hatte: Der Dadaismus machte ihm das gute Gewissen für die "alogische Geste", die sein Kennzeichen wurde, und auch der Expressionismus stand Pate. "Ich bin so bett", das könnte auch von August Stramm gesagt sein. Es gibt hübsche Nonsenseverse, Vortragslyrik fürs Brettl, Pseudoromanzen und makabre Schauerballaden, die durchaus ihre Aktualität behalten, als eine Redeform, die der makabren Gegenwart noch am ehesten beikommt: "Im felde wo / die kugel spritzt / und manchem bald / im herzen sitzt / so tief / im heiklen fleisch..." Andere Gedichte fangen mit dem Verlust von einem Ei an und sind nach wenigen Versen schon beim Nachruf auf den Kopf.

Wie es sich für einen österreichischen Autor gehört, wird die Kritik an Gesellschaft und Staat passend vorgetragen, zum Beispiel als "requiem viennense". Das "agnus dei" dürfte nicht so schnell seine Geltung verlieren: "jetzt samma / jetzt samma / jetzt samma aus n schneida / und wuaschtln / und wuaschtln / und wuaschtln wieda weida". Das Zitat kann einem die Angst vor den Dialektgedichten nehmen. Sie sind deftig-körnig, witzig, böse und heiter, bestes Volksvermögen.

Artmanns Signatur bleibt durch die makaber-grotesken Verse bestimmt. Die Strophen des "Frauenzerstücklers" überbieten jeden Wedekind. Wo lyrischer Herzton aufkommt, ist's eher peinlich: "ein bittrer schnee / aus himmelstiefe / hat dich verweht". Bedeutend seine Zuwendung zum Barock, was ja überhaupt für die moderne Lyrik konstitutiv ist. Klaus Renner hat im Manesse-Verlag ein eigenes Buch daraus machen können: Auf Todt & Leben. Eine barocke Blütenlese. Da gibt es eine Abenteurerzählung wie bei Johann Beer, Variationen auf Kirchenlieder, Epigramme, Schäferlieder und auf Husarenstückchen.

Artmanns Lyrik ist überreich an Einfällen, denen sich die Unbekümmertheit der Elster in der Übernahme guter Funde gesellt. Doch er macht auch etwas damit. Die frech-böse Umdichtung der gängigen Kinderlieder legt den geheimen Sadismus und den sexuellen Spaß an der Unschuld bloß, die sie oft genug grundieren. Doch meint er das nicht als Aufklärung, eher als "schwoazzn" Spaß. Seine Parodien und Travestien, die auch die Naturlyrik, einen besonders hehren Bezirk des deutschen Gedichts, nicht auslassen, suchen immer wieder den Kontakt mit dem Publikum. Seine Vortragskunst lässt viele Gedichte wie eine Partitur erscheinen, erst die Aufführung bringt sie zu sich.

Entsprechend hat Artmann den poetischen Akt betont: Er sei, "in unserer erinnerung aufgezeichnet, einer der wenigen reichtümer, die wir tatsächlich unentreißbar mit uns tragen können". Auch sein Bekenntnis zur "Wollust des Dichtens" stellt sich dazu. So wird man in seinen Reisegedichten, die den Band beschließen, vergeblich Städteporträts oder Landschaftsbeschreibungen suchen: "kein ort ist mir ähnlich", findet er, "ich bin der ort nirgendwo". Das ist immerhin eine sehr anmutige Form der bestimmten Negation. Sie baut eine Welt um das Ich, das sich gar nicht unbedingt wiederfinden möchte - es sei denn in Gedichten.

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