+
Tóibíns Orestes sieht man aus großer Entfernung zu, wie er tötet.

Literatur

Com Tóibín „Haus der Namen“: Die Frauen und der Zinnsoldat

  • schließen

Colm Tóibíns nur teilweise geglückte Version der Atriden-Sage: „Haus der Namen“.

Nicht eben viele Gedanken gelten in den Dramen, die auf dem Stoff der Tantalidensagen beruhen, gelten bei Aischylos, Euripides der Mutter, die mitansehen muss, wie ihre Tochter geopfert wird – vom eigenen Vater. Doch in Colm Tóibíns Roman „Haus der Namen“ ist es Klytaimnestra, die das erste Wort erhält. Die den Geruch des Todes beschreibt, der zu ihrer Befriedigung von den Leichen Agamemnons und Kassandras ausgeht, die sie befohlen hat, zwei Tage an der Sonne liegen zu lassen. „Mir gefielen die heranschwirrenden Fliegen, ihre kleinen Leiber ratlos und tapfer, nach ihrem Festmahl summend“. Die sich erinnert an die Tücke und Feigheit Agamemnons, der Klytaimnestra und Iphigeneia zu sich ans Meer reisen lässt, vorgebend, dass Iphigeneia den Helden Achilleus heiraten soll. Erinnert sich, wie ihre Tochter kämpft, sich wehrt, verflucht und wie Iphigeneias letzter Schrei allen unvergessen bleiben wird, die ihn hörten. „Sonst nichts.“

Der Ire Tóibín stellt häufig in seinen Romanen, in „Nora Webster“ oder „Brookyln“, das mit Saoirse Ronan verfilmt wurde, durchschnittliche Frauen, ihre Sorgen, Leiden, Lieben in den Mittelpunkt. Gewissermaßen gilt das auch für „Marias Testament“, denn Maria ist darin nur eine Frau, die ihren Sohn verliert und keinerlei Wert darauf legt, „Gottesmutter“ genannt zu werden: „Wenn ihr sagt, dass er die Welt erlöst hat, dann sage ich, dass es das nicht wert war.“

Jetzt ist es also Klytaimnestra, die zur Kenntnis nimmt, dass nach der Opferung ihrer Tochter der Wind sich dreht und das Heer segeln kann, die aber findet, dass es das nicht wert war. Sie hat längst beschlossen: Sobald Agamemnon zurückkehrt, auch wenn er als Sieger zurückkehrt, muss er sterben. – Dann ist es soweit. Dann prahlt er vor den Leuten in seinem Palast noch eine ganze Weile herum, erzählt Kriegsgeschichten. Dann nimmt er endlich ein Bad. Und landet, siehe oben, als Leiche in der Sonne.

Das Buch:

Colm Tóibín: Haus der Namen. Roman. Aus dem Englischen von Giovanni und Ditte Bandini. Hanser, München 2020. 288 S., 24 Euro.

Tóibín aber wechselt nach knapp 80 Seiten in die dritte Person und füllt nun eine Leerstelle der alten Geschichte: Wo nämlich Orestes geblieben ist, bis er Jahre später zurückkehrt nach Mykene und, Rache folgt im Haus der Atriden auf Rache, seine Mutter Klytaimnestra tötet.

Der Schriftsteller Colm Tóibín.  

In einem nun nüchterneren, Handlung vorantreibenden Stil erzählt der irische Autor von der Entführung des Jungen, zusammen mit männlichen Kindern aller wichtigen Familien. Die Jungen werden eingesperrt, dürfen nicht miteinander reden. Aber Leandros, Enkel des angesehendsten Ältesten, gelingt mit Orestes und dem kranken Mitros die Flucht aus diesem Gefangenenlager. Jahre bringen die drei dann in Abgeschiedenheit bei einer alten Frau am Meer zu, bestellen das Land, kümmern sich um das Vieh, bis diese stirbt. Und sie frei sind zu gehen.

Colm Tóibín: Haus der Namen.

Ehe der Roman zurückkehrt zu Orestes, erhält nun Elektra eine Stimme; sie wird – Rache um Rache – ihren Bruder anweisen, die Mutter zu töten. Noch einmal spricht eine Frau, die mit sich und den Geistern kämpft, die durch die nächtlichen Palastkorridore schleicht, die meint, ihren Vater zu sehen, und hofft, ihren Bruder wiederzusehen. Traumatisiert und gleichzeitig herrisch ist diese Elektra. Und als ihr der Gedanke kommt, sich einen mächtigen Ehemann zu suchen, einen, der sie frei macht, brezelt sie sich auf – aber keiner nimmt beim Festmahl von ihr Notiz.

Es sind in „Haus der Namen“ die beiden Frauen, die Tóibín kraftvoll und bewegend sprechen lässt, sogar den Schatten Klytaimnestras noch, auf wenigen Seiten, aus einer Art Zwischenreich. Sein Orestes aber bleibt seltsam hölzern, als rührte diesen jungen Mann nicht, was ihm zustößt. Colm Tóibín ist stets ein diskreter Erzähler (er war es auf großartige Weise in seinem Henry-James-Roman „Porträt des Meisters in mittleren Jahren“), doch seinem Orestes sieht man aus einer so großen Entfernung dabei zu, wie er tötet, arbeitet, Durst hat, aufs Meer blickt, nachts seinen Freund Leandros hält, dass man an ihm das Interesse verliert. Am Ende ist der junge Mann gleichsam ein Zinnsoldat, der tut, was seine Schwester – sie aus Fleisch, Blut, Gefühlen – ihm aufträgt. Aber wozu haben wir ihn dann so lange begleitet?

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema

Kommentare

Liebe Leserinnen und Leser,

wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken.

Die Redaktion