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Kulturdenkmäler, stellt Lunds Held fest, sind nur zu retten, wenn man sie versteckt.

Literatur

Thure Erik Lund „Das Grabenereignismysterium“: Norwegischer werden

Thure Erik Lunds Roman „Das Grabenereignismysterium“ ist vor allem eine gewitzte Allmachtsfantasie der Sprache.

Besonders sonderbar ist der Roman „Das Grabenereignismysterium“ des Norwegers Thure Erik Lund. Die Übertragung ins Deutsche verdankt sich dem Gastlandauftritt bei der Frankfurter Buchmesse, zweifellos aber auch dem Engagement des Übersetzers Matthias Friedrich. In einer Nachbemerkung weist er auf den selbst aus norwegischer Sicht offenbar weitgehend verlorenen Dialekt hin, auf den Lund zurückgriff, ferner auf mystifizierende Wortschöpfungen bei den Ortsbezeichnungen. „Eigentlich ist nichts davon übersetzbar, aber ich musste es immerhin versuchen.“

Es ist aus der Entfernung nicht einfach zu beurteilen, ob die von dem gebürtigen Trierer Friedrich gewählten, mithilfe des „Rheinischen Wörterbuchs“ eingesetzten Eifeler Dialektwörter die Stimmung des Originals adäquat wiedergeben. Jedenfalls erzielt es eine eigene Wirkung, wenn „Schnüss“, „kulterig“, „zucks“ oder „Gerstenpappzopp“ sich in die Sätze des Erzählers mengen, praktisch hineingrätschen ins eigenwillige, aber satzbautechnisch ambitionierte Hochdeutsch, das jener Tomas Olsen Myrbråten sonst pflegt. Da stimmt etwas nicht, signalisieren diese Einsprengsel, und das kann man wohl sagen.

„Das Grabenereignismysterium“ ist auf Norwegisch 1999 erschienen und nun der erste Versuch, Lund im deutschsprachigen Raum bekannt zu machen. Indem es im weitesten Sinne um Identitätsfragen geht, nicht nur private, sondern auch gesellschaftliche, wirkt es aktuell, zugleich aber zeitlos und sprachlich – der Eifeler Dialekt lässt grüßen – zuweilen putzig altertümelnd.

In der Sache aber kann von putzig keine Rede sein. „Das Grabenereignismysterium“, in dem man sich erst einmal zurechtfinden muss, aber bis zum Schluss im Grunde nicht zurechtfinden kann, besteht aus drei großen Abschnitten. Den Erzähler Myrbråten lernen wir kennen, als er sich gerade mit einem großen Bericht für das Kulturministerium befasst, in dem es um norwegische Kulturdenkmäler gehen soll. Man schreibt selbst gleich schachtelig, aber das liegt an Lund, also Myrbråten: „Als ich vor sechs Jahren vom Königlichen Norwegischen Kulturministerium die Aufgabe erhielt, ein sogenanntes Gutachten über das Problem zu schreiben, das bei der Bewahrung der Kulturdenkmäler im Hinblick auf die im Laufe der Zeit immer weiter abnehmende Authentizität kraft der Bewahrung entsteht, das heißt, über das Selbstdestruktive und Selbstwidersprüchliche daran, in Norwegen sogenannte Kulturdenkmäler zu errichten, wurde ich durch diese Arbeit dazu verlockt, eine Geistesmenschenattitüde anzunehmen, obwohl ich fast unbewusst einen eigenen und einzigartigen Geistesmenschendreh eingeschlagen hatte ...“, und hier ist der Satz mitnichten zu Ende.

Thure Erik Lund:  Das Grabenereignismysterium. Roman. A. d. Norweg. v. Matthias Friedrich. Droschl, Graz 2019. 296 S., 23 Euro.

Als Geistesmensch wird Myrbråten stark gefordert, aber „wir Geistesmenschen bleiben am Ball, wir lassen uns nicht veräppeln“. Er begibt sich mit einem „staatskorruptionsmäßigen Mietwagen“ auf eine Rundfahrt. „Und sobald ich Oslo verließ, bekam ich dieses sonderbare Gefühl, eine Art Polizeiagent auf der Jagd nach verbrecherischen, rassistischen, norwegischen Kulturdenkmälern zu sein ... .“ Wenn der Geistesmensch mit dem Auto durch Norwegen fahre, werde er „auf eine völlig unerwartete und scheußliche Art norwegischer“. Myrbråten kommt zu dem Schluss, dass die einzige Chance der Kulturdenkmäler wäre, sie geheim zu halten. „Gescheitert, aber munter“, findet er sich am Ende des ersten Abschnitts vor dem Nichts.

Im zweiten ist er auf den verlassenen Hof der Eltern zurückgekehrt, wo er wohl mit einem zurückgebliebenen Bruder und einer heruntergekommenen Frau namens Helene haust. Das veränderte Szenario führt in Abgründe, die Myrbråten, dem ehemaligen Geistesmenschen, nur halb bewusst zu sein scheinen. Hier spielt der Titel eine Rolle, auch muss man davon ausgehen, dass sich schwerwiegende Verbrechen zugetragen haben. Virtuos und eigenwillig lässt Lund seinen Helden vor dem neuen Hintergrund nicht minder keck auftreten als im offener satirischen ersten Teil.

Wobei der Begriff Satire schon zu sehr einordnet, was passiert, also nicht passiert, aber geschrieben steht. „Das Grabenereignismysterium“ ist ein gewitzter Roman in einem schwerelosen, unverbindlichen Zustand. Dazu trägt noch mehr der dritte Abschnitt bei, der den Ex-Geistesmenschen nurmehr als „Waldläufer“ präsentiert. Physisch ist er in einem erbarmungswürdigen Zustand, „eingeduckelt in eine neblige, chaotische und animalisch denkende Naturwelt“: „Als Waldläufer galt es, gewisse Regeln einzuhalten und auf ein paar absurde Gewohnheiten abgestimmt zu sein, die den in der Natur liegenden Strukturen womöglich direkt entsprangen und die mich ihrerseits irgendwie auf natürliche Weise beeinflussen sollten, ohne dass ich das ,verstand‘. Es galt, vor der Polizei und den Mannschaften des Roten Kreuzes unentdeckt zu bleiben, die vielleicht jetzt noch, nach einem halben Jahr, das Gelände absuchten. Erst nach ein paar Wochen entdeckte ich, dass sich der Waldläuferzustand irgendwie selbst hervorbrachte.“

Dies steht da, während die Leserin zu ahnen beginnt, dass sich auch die Geschichte von Tomas Olsen Myrbråten „irgendwie selbst hervorbringt“. Am Ende – das ist nun einmal konsequent – scheint sich alles aufzulösen, jedenfalls kommt es dem Erzähler so vor: Ein „langes, wortzusammengesetztes Geräusch“ verselbstständigt sich, fliegt davon und scheint „als ein mechanisches Insekt ... sein eigenes, furchtloses Leben zu leben“. Es muss uns vorkommen, als wäre „Das Grabenereignismysterium“ eine Allmachtsfantasie der Sprache selbst, die die Handlung nur als Vehikel genommen hat, um in Schwung zu kommen.

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