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Acht Jahre lang recherchierte Lisa Taddeo für ihre Frauenporträts.

Literatur

„Three Women – Drei Frauen“: Welche Wahrheiten sind das?

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Über Lisa Taddeos Buch „Three Women – Drei Frauen“, das Liebe und Begehren erforschen will.

Das Buch der amerikanischen Journalistin und Autorin Lisa Taddeo „Three Women – Drei Frauen“ galt schon vor dem Erscheinen auf Deutsch als Sensation. „Eines der wichtigsten Bücher des Jahres“, nannte es der Schriftsteller Dave Eggers. Derzeit wird es für Netflix verfilmt. Auf Instagram posten junge Frauen Zitate aus dem Buch und Bilder des Buches, was auch mit dem sehr geschmackvollen, grafischen Cover der Originalausgabe zusammenhängen kann. Die deutsche Ausgabe ist dagegen bebildert wie ein Männermagazin: mit einer jungen Frau im weißen Spitzenbustier.

Noch bevor „Three Women“ nun auf Deutsch erschien, veröffentlichte der „Spiegel“ eine Lobeshymne des Autors Takis Würger, die darin gipfelt: „Als Mann, der dieses Buch liest, schämt man sich.“ Das weckt Erwartungen.

In ihrem Prolog erklärt Lisa Taddeo, eine Reporterin, ihre Herangehensweise: Ursprünglich habe sie über die Sexualität von Männern schreiben wollen, das aber langweilig gefunden. Sie erzählt von ihrer verstorbenen Mutter, der über viele Jahre lang auf dem Weg zur Arbeit ein Mann folgte, der hinter ihr masturbierte. Lisa Taddeo fragt sich, warum sich ihre Mutter dagegen nicht gewehrt und ob es ihr vielleicht sogar gefallen habe. Sie erklärt, sie wolle sich in dem Buch den Widersprüchlichkeiten des Begehrens nähern.

In den folgenden Kapiteln lernt man die Protagonistinnen kennen. Die spannendste Figur ist vielleicht Maggie, die als 17-jährige Schülerin eine Affäre mit ihrem verheirateten Englischlehrer hatte. Sechs Jahre später wird derselbe Mann als bester Lehrer von North Dakota ausgezeichnet. Das macht Maggie, seit der Affäre von Depressionen und Ängsten geplagt, so wütend, dass sie ihn anzeigt. Der Verlauf des Prozesses strukturiert die einzelnen Kapitel.

Das Buch

Three Women – Drei Frauen. A. d. Engl. v. Maria Hummitzsch. Piper Verlag, München 2020. 416 S., 22 Euro.

Die nächste Frau heißt Lina, sie ist eine Hausfrau Anfang dreißig aus Indiana, hat zwei Kinder, ein Haus und einen Mann, der sie seit Jahren nicht auf den Mund küssen will. Wenn er Sex mit ihr haben will, klopft er ihr auf den Arm und sagt: „Na, Lust?“ Lina will sich trennen und beginnt eine Affäre mit ihrer Jugendliebe.

Die dritte Frau ist Sloane, die mit folgenden Sätzen vorgestellt wird: „Sie ist schlank und Anfang 40, hat aber das Gesicht einer Studentin aus einer Verbindung – es schreit förmlich nach Rummachen. Sie geht häufiger ins Fitnessstudio als zu Verabredungen mit anderen Müttern“. Sloane ist mit dem Koch Richard verheiratet, dessen „karnickelhafte Unersättlichkeit“ ihr das Gefühl gibt, begehrt zu werden. Sie hat Sex mit fremden Männern, die er für sie aussucht und dann dabei zuschaut.

Das sind gute Geschichten, die man so flüssig weg liest, wie einen gehobenen Erotik-Roman oder eine „Cosmopolitan“-Story. Und doch drängt sich beim Weiterlesen immer stärker die Frage auf, warum Lisa Taddeo sich ausgerechnet diese drei Frauen ausgesucht hat. Der Titel „Drei Frauen“ weckt den Eindruck, dass sie für etwas Größeres stehen, dass sie etwas Allgemeines über das Frausein im 21. Jahrhundert aussagen. Die drei sind dabei nicht einmal für Amerikanerinnen repräsentativ: Sie sind alle weiß, zwei von ihnen sind katholisch. Lisa Taddeo hat vor ihrem Debüt als Buchautorin für das „New York Magazine“ und „Esquire“ geschrieben. Sie hat für „Drei Frauen“ acht Jahre lang recherchiert, lange vor dem Beginn der MeToo-Debatte, hat Gespräche geführt, ist zwei Mal umgezogen, um ihren Protagonistinnen nah zu sein.

Gefunden hat sie die Frauen laut „Observer“ über Aufrufe in kleineren Städte. In einer Anmerkung, die in der deutschen Ausgabe am Ende des Textes steht, erläutert Lisa Taddeo ihre Kriterien: „Ich habe mich bei der Auswahl dieser drei Frauen danach gerichtet, wie gut sich ihre Geschichten nachempfinden lassen, wie intensiv sie sind und inwieweit, die Ereignisse, falls sie sich in der Vergangenheit zugetragen haben, die drei Frauen zum Zeitpunkt der Begegnung noch belasteten.“ Jede der Geschichten drücke „grundlegende Wahrheiten über Frauen und ihr Begehren aus“.

Was sind aber diese Wahrheiten? Alle drei beschriebenen Frauen existieren in Abhängigkeit von Männern. Was ist das für eine repressive Vorstellung? Eine Emanzipationsgeschichte erzählt Lisa Taddeo jedenfalls nicht. Man stolpert über Sätze wie: „Wir geben vor, Dinge zu wollen, die wir nicht wollen, damit niemand sieht, dass wir nicht bekommen, was wir brauchen.“ Wer soll dieses Wir sein? An einer Stelle schreibt sie über Maggies ersten Sex: „Wie so viele Mädchen in ihrem Alter ist Maggie noch offen für die Welt, frei von Angst, unbesiedelt. Männer drängen hinein und verwandeln ein Mädchen in eine Stadt.“ Was soll das bedeuten?

Je weiter ich lese, desto mehr ärgert mich, dass ich nicht weiß, wer eigentlich in dem Text spricht. Sind es die Protagonistinnen? Ist es die Autorin? Woher weiß Lisa Taddeo so genau, was jede Protagonistin gedacht, gefühlt oder gerochen hatte, bei Erlebnissen, die Jahre zurück liegen? Und wie passt das damit zusammen, dass die Frauen angeblich selbst in der Hand haben, wie ihre Geschichten erzählt werden? Durch ihre literarisierte Erzählweise verwischt sie jegliche Widersprüchlichkeiten und schafft eine Eindeutigkeit, die das gelebte Leben selten hat. Ihr deutscher Verlag hat auf diese komplexen Probleme reagiert: Hier erscheint das Buch im Literaturprogramm, nicht als Sachbuch wie in den USA.

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