Draußen vor der Tür in der Nachtclubwarteschlange.
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Draußen vor der Tür in der Nachtclubwarteschlange.

Roman

Thorsten Nagelschmidt: „Arbeit“ – Irgendwann geht jeder mal zu Boden

  • Judith v. Sternburg
    vonJudith v. Sternburg
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Thorsten Nagelschmidt gut informierter, glänzend gebauter, atemberaubend gegenwärtiger Roman „Arbeit“.

Die großstädtische Nacht unter Menschen ist ein Labyrinth, das wenig Übersicht bietet und Gefahren birgt. Eine wird diese Nacht vielleicht nicht überleben, einer wird sie womöglich doch überleben. Vor ihnen, neben ihnen, nach ihnen sind die Fleißigen, die Erschöpften und die Verwirrten unterwegs, die Einsamen und die Abgewrackten, die energischen Durchhalter und die, die keine Wahl haben. Man muss von etwas leben. Die anderen – nicht immer, aber immer öfter sind sie jünger – feiern derweil, es ist Freitagabend in Berlin-Kreuzberg.

Der Taxifahrer Bederitzky hat Schulden, vor allem aber will er um Annas Hand anhalten, Anna, deren Späti in eben dieser Nacht erneut überfallen werden wird. Der Täter ist irre nervös. Wir werden ihn wiedertreffen. Im Streifenwagen aber vorerst: der alte Kämpe Schüngelmann, der alles schon gesehen hat, und Christina, die alles richtig machen will. Für Bederitzky beginnt der Dienst mit kleineren Fahrten, darunter der Dealer Felix und dessen abgewirtschafteter Kumpel (Kunde) Peppi. Die Sanitäterin Tanja, Täni, und ihr Kollege Tarek tun, was sie können. Nach der Schicht würde Tanja gerne selbst noch feiern, wobei ihr Traum vom Medizinstudium zwischen Nachtschichten und dem Hedonia zerbröselt. Das Hedonia ist ein ausgefallenes Lokal. Der Roman hält sich eher an das „Techhousegezuppel“ im Lobotomy, an dessen Tür der souveräne Ten arbeitet. Er wird Tanja nachher helfen müssen, ein Leben zu retten. Manchmal werden Menschen wirklich gerettet.

Übler steht es um Fahrradkurierin Marcela aus Kolumbien, die von einer Autotür (BMW) aus der Bahn geworfen worden ist. Eine Fehlentscheidung im Krankenwagen kann alles ändern. Hätte ihr nicht passieren dürfen, denkt Tanja, die eine gute Sanitäterin ist.

Die österreichischen Touristinnen, die nachher ebenfalls im Lobotomy auflaufen – anders als die Araber dürfen sie anstandslos rein –, wohnen im einstmals hübschen Hostel, in dem Sheriff wacht. Aber die österreichischen Touristinnen sind ausnahmsweise unwichtig. Wichtig ist die Flaschensammlerin Ingrid, die tagsüber noch in ihrer Buchhandlung steht. Aber der Tod von Harald vor drei Jahren, sechs Stunden und 38 Minuten hat sie aus dem herkömmlichen Leben katapultiert. Wichtig sind Osman und seine Freunde, „schwierige Jugendliche“, nicht nur, weil sie Touristen beklauen. „Der Abziehfreitag ist schon fast so etwas wie ihr Beruf ... .“ Wichtig ist schließlich der Guineer, der sich im Dickicht der Stadt versteckt, bis er ausgerechnet im Kapitel „Sag jetzt nichts“ seine Geschichte erzählt – seine Geschichten. Es ist kompliziert. Auch der Guineer dealt. Am Ende kommt Sabrina von der Stadtreinigung und bereitet Kreuzberg für einen neuen Tag vor.

Deshalb sind die österreichischen Touristinnen diesmal unwesentlich: Thorsten Nagelschmidts Roman „Arbeit“ erzählt von denen, die im Dunkel der Großstadt arbeiten, teils im Schatten, selten glorios, meistens in Eile, immer schlecht bezahlt. Der Partytrubel ist die Kulisse, ein Partytrubel, der ein wenig bemüht wirkt, wenn man so auf ihn schaut. Osman würde gerne mal dazugehören. Er „versucht es in zwei Kneipen und wird beide Male nicht bedient. Weil er noch keine 18 ist, sagen sie. Weil er Araber ist, weiß Osman.“

Anders Ingrid. „Ingrid mag die Nacht. Nachts sind alle so sehr mit sich selbst beschäftigt, mit ihrem Rausch und ihrer Balz und ihrer Selbstverwirklichung, dass eine Person mehr am Rand nicht weiter auffällt. Alle wollen sie ins Licht, auf die Bühne, in den Mittelpunkt. Ingrid nicht.“ Ingrid hat sich angewöhnt, mit dem Flaschenpfand einen Kinobesuch zu finanzieren. „Im Kino läuft heute ihr Lieblingsfilm von Robert Altman, darauf freut sie sich schon den ganzen Tag.“ Mit der traurigen, aber gebildeten Ingrid erweitert sich nämlich der Horizont. Von Altman und seinen „Short Cuts“ könnte auch das Konzept zu diesem außergewöhnlichen Episodenroman angeregt worden sein: von Altmans Gespür für Nähe und Entfernung.

Das Buch

Thorsten Nagelschmidt: Arbeit. Roman. S. Fischer, Frankfurt a. M. 2020. 334 Seiten, 22 Euro.

Figuren eilen auch bei Nagelschmidt aneinander vorbei, ohne voneinander zu wissen. Dass in dieser Nacht anderswo in Mitte ein Nobelhotel abbrennt, das Soho-House, schwebt über dem Geschehen – die einen haben es schon gehört, die anderen erfahren es jetzt. Aber hier unten spielt es letztlich keine Rolle.

Neugierige schauen nach: Es gab einen Brand im Soho-House, aber nicht verheerend, im Herbst 2016. In diesem Jahr fiel der 18. März auf einen Freitag: Am vorletzten Abend vor Frühlingsanfang beginnen die so turbulenten wie für die Beteiligten anstrengenden Ereignisse. Zwölf Stunden.

Nagelschmidt legt Fährten aus, deutet Zusammenhänge an, schildert eine Welt, die unmittelbar greifbar und extrem gegenwärtig wirkt, selbst wenn sie einem vielleicht ganz fremd ist. Nagelschmidt nicht, der, 1976 in Rheine geboren, seinerseits erst in die Hauptstadt gekommen ist – die wenigsten seiner Figuren (Osman zum Beispiel) stammen tatsächlich aus Berlin, Stadt der begeistert Zugezogenen, aber auch der geplatzten Träume. Vor lauter Arbeit kommt kaum noch einer zu dem, was er hier vorhatte.

Nagelschmidt ist nicht nur Schriftsteller, sondern auch schon lange Musiker. Gelegenheitsjobs, liest man, sind ihm nicht fremd, und auch wenn die gelegentlich erwähnte Undercover-Recherche für „Arbeit“ nur ein schönes Gerücht sein mag, so informiert der Roman jedenfalls im Detail. Die Akribie, die Fachkenntnis sind nicht strebsam. Sie dienen einer kunstvoll erzeugten, aber nicht verkünstelten Lebendigkeit.

Im feinen Gewebe aus Verbindungen zwischen den Figuren und Erwartungen, die beim Lesen entstehen – die einen werden enttäuscht, die anderen übertroffen –, lässt Nagelschmidt jedem Raum in einer virtuosen Sprache und einer nicht abgezirkelten Form. Den Arbeiterinnen und Arbeitern der Nacht tritt er dabei unterschiedlich nahe, keine Anbiederung, kaum Jargon und Dialekt. Manchmal scheint er sich höflich zurückzuhalten. Dem Gequassel zwischen Felix und Peppi steht der konzentrierte Monolog des Guineers gegenüber, dem Handlungsverlauf aus Sicht der ambitionierten Polizistin Christina die dichte Ich-Erzählung von Ten, der jemanden (Nagelschmidt, uns) anspricht. „Nun sollte ich mich vielleicht doch mal vorstellen.“

Auch wenn Nagelschmidt die Fäden in der Hand hält, fuchtelt er damit nicht herum. Allein die Figuren zappeln und huschen durch ihr Leben, ihre Nacht. Wenn sie innehalten, können sie das nur, weil Nagelschmidt es will. Das sind eindrucksvolle Momente, kurze Ebenenwechsel, Klartext, Positionsbestimmungen, gesellschaftlich wie ästhetisch. Sanitäterin Tanja hat die Kurierin Marcela erstversorgt. „Das hätte auch ich sein können, denkt Tanja ... manchmal geht man eben zu Boden, irgendwann geht jeder mal zu Boden.“ Ingrid hat kurz vor Ladenschluss Gelegenheit, einer verdutzten Kundin Rainald Goetz’ Abfeier-Erzählung „Rave“ (1998, das ist lange her) nicht zu verkaufen. Das sei ein „alberner Text“, eine „auf Buchlänge aufgeblähte Authentizitätspoesie, im Grunde unlesbar“.

Hier noch die Tirade Tens gegen seinen Chef Lars. „Mittlerweile ist er Clubchef und stramm antideutsch, was ihm erlaubt, rechts zu denken und sich links zu fühlen. Ein gemütlicher Ausweg für viele Weggefährten von damals, die das Interesse an der sozialen Frage verloren oder immer nur vorgetäuscht haben. Um den Burgfrieden mit den Verhältnissen vor sich selbst und anderen zu rechtfertigen, inszenieren Typen wie Lars sich als radikalindividualistische Vertreter einer hedonistischen Subkultur. ... Kann man sich etwas Deutscheres vorstellen als einen Deutschen, der sich selbst als antideutsch bezeichnet?“ Das sind kurze Ausbrüche. Wem Nagelschmidts Figuren dabei zu klug vorkommen, der unterschätzt die Menschen.

Die Melancholie des Ausgelaugten liegt zwar über dem Buch. Aber auch das Immer-Weiter, das in übermüdetem Zustand nur noch imposanter wirkt. „Die Rapper machen weiter, die Carsharingindustrie macht weiter, die Gewerbetreibenden und Dienstleister machen weiter, das Stadtmarketing macht weiter, die DJs machen weiter ... .“ Nun ist es bekanntlich anders gekommen. Das ist ein gutes Beispiel dafür, wie die Realität noch die intelligenteste, ausgeruhteste, atemloseste Literatur überrumpeln kann.

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