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Thomas Stangl „Quecksilberlicht“: Die Toten greifen nach uns

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Von: Björn Hayer

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Die Brontës: Anne, Emily, Charlotte (v.l.), gemalt von ihrem Bruder Bramwell, der sich später selbst wegkratzt (und zum Geist macht).
Die Brontës: Anne, Emily, Charlotte (v.l.), gemalt von ihrem Bruder Bramwell, der sich später selbst wegkratzt (und zum Geist macht). © akg-images / Fototeca Gilardi

Lose und zugleich überkonstruiert – Thomas Stangls neuer Roman zielt auf große Sinnfragen und verirrt sich im Reigen der Anspielungen.

Immer und immer wieder stürzt eine schreiende Frau aus ihrem Haus, die gerade ihren Vater verloren hat. Und immer und immer berichtet ein Kaiser von seinen Wünschen nach ewigem Leben und ein heranwachsender Mann von seinen Ängsten vor dem Ende der Existenz. Nichts passiert in Thomas Stangls irisierendem Roman „Quecksilberlicht“ nur singulär, alles wiederholt sich in rasanten Loops. Ein wenig zusammengehalten werden diese frei flottierenden Storyfragmente lediglich durch eine an den Autor angelehnte Erzählerfigur.

Aus seinem Zimmer heraus schlüpft er mithilfe seiner Imaginationskraft in diverse vergangene Leben hinein – selten in jenes eines Hundes, sehr häufig in jenes seiner Großmutter. Nicht einmal Granden des Geistes wie Antonin Artaud oder sogar Marcel Proust sind vor diesem invasiven Spiel mit Identitäten sicher.

Am häufigsten geraten die Geschwister Brontë in den Blick. Und so wie die Schwestern mit ihren Texten einen sogartigen, magischen „Raum der Geheimnisse (…) außerhalb der Ordnung“ schufen, so dringt auch Thomas Stangl mit jeder Seite tiefer in ihre und in weitere Erzählkosmen vor.

Dass die „Jahrhunderte mit ihren feinen Tentakeln“ unablässig in das Hier und Heute greifen, hat seine Gründe. Zum einen sucht der Autor im historischen Rückgriff nach Wurzeln der eigenen Identität, zum anderen zeigt er dadurch das eigentliche Vermögen der Literatur auf: Sie eröffnet einen Zugang zum Jenseits. Denn „Die Toten sind nah an der Oberfläche; wenn sie die Hand ausstrecken, können sie uns an den Knöcheln packen“. Bereitet uns das ein Unbehagen? Vielleicht. Mehr noch kann diese Nähe uns aber die Angst vor der bevorstehenden Finsternis nehmen, die uns in Sprachlosigkeit zu versetzen droht.

Das Buch:

Thomas Stangl: Quecksilberlicht. Roman. Matthes & Seitz, Berlin 2022. 300 Seiten, 18,99 Euro.

Das mutet tröstlich an

Diese Grundidee mutet gewiss tröstlich an und fügt sich in die Logik zumindest eines Teils der zeitgenössischen Prosa. Unlängst versuchen etwa Sibylle Lewitscharoff („Von oben“), Angelika Klüssendorf („Vierunddreißigster September“), Markus Orths („Picknick im Dunkeln“) oder Daniel Kehlmann („Tyll“) nicht nur Verstorbenen eine Stimme zu geben, sondern gleichsam in einer Epoche der Sinnkrise spirituelle Leerstellen zu füllen.

Zumeist gehen die Erkundungen des Totenreiches mit ästhetischen Formsuchen Thomas Stangls einher. In dieser Hinsicht schießt allerdings „Quecksilberlicht“ weit über das Ziel hinaus. Indem der Roman absatzweise zwischen unzähligen Geschichten hin und her springt und dabei häufig nur Personalpronomen ohne Namen nutzt, entsteht eine fatale Desorientierung. Der Text fällt auseinander und wirkt zugleich überkonstruiert. Und zwar vor allem dort, wo er stets neue Begriffe für seine eigene Bauweise aus dem Hut zaubert. So gebärdet sich der Roman mal als „Gekritzel“, mal als „Wunde“, dann wiederum als „Strudel“ oder „Falte“.

Geht es bei diesen höchst unterschiedlichen Konstruktionsbeschreibungen etwa um Überschreibungen, das Herstellen verborgener Verbindungen oder doch um vermeintlich Verlorenes, das durch die Oberfläche der Gegenwart durchschimmert? Und überdies: Was haben eigentlich all diese Storys – vom chinesischen Regenten, über literarische Figuren bis hin zu den Ahnen des 1966 in Wien geborenen Autors – gemeinsam, außer dass sie allesamt irgendwie über den Tod nachdenken?

Man tappt in „Quecksilberlicht“, um ein weiteres Motiv daraus zu gebrauchen, häufig im Nebel. Ein wenig mehr klare Sicht hätte diesem etwas zu überambitionierten Roman daher gut getan.

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