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Thomas Melle „Das leichte Leben“: Sex, Lügen und Instagram

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Von: Judith von Sternburg

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Thomas Melle, hier 2017 als Stadtschreiber von Bergen-Enkheim. Foto: Christoph Boeckheler
Thomas Melle, hier 2017 als Stadtschreiber von Bergen-Enkheim. Foto: Christoph Boeckheler © Christoph Boeckheler

Thomas Melle leitet in seinem Roman „Das leichte Leben“ die Endzeit der bürgerlichen Welt ein.

Kathrin will mit Jan ins Theater. „Was! Schon wieder Familienkatastrophen?“, sagt Jan. „,Warum nicht‘, kicherte Kathrin ... ,Solange wir keine sind, können wir uns ja das Elend der anderen reinziehen.‘“ Jan darauf: „Mir kommt das so gekünstelt vor ... Immer sitzen sie da und sind steif und glücklich, dann saufen sie, dann passiert irgendeine Katastrophe und es tanzen irgendwelche Gespenster der Vergangenheit, und schließlich zerfleischen sie sich wie Zombies.“

In der Tat. „Tod in Venedig“ wird „gegeben“, schreibt Thomas Melle und wählt gewiss nicht zufällig eine altmodische Wendung für ein neumodisches Fiasko. „Die Darsteller hatten, so kam es Jan jedenfalls vor, echten Sex auf der Bühne.“ Später „steckten (sie) sich anscheinend gegenseitig den Finger in den Po und formten einen Ringelreigen. Etwas Alberneres hatte Jan noch nie gesehen. Er regte sich still auf und guckte weg.“ Auch Kathrin, erfahren wir eine Weile später, hat den Theaterabend „gehasst“, sie „konnte es aber nicht zugeben, denn die feinen Unterschiede waren fast das Letzte, was sie noch hatte in diesem Grabenkrieg ohne Schüsse, ohne Schlacht. Es war wirklich albern gewesen, diese Übersexualisierung als Kindergarten, dieses anale Einrennen offener Türen; aber dass die Kulturlandschaft wirklich so banal und trist war, wie Jan in seiner Ignoranz plump erkannte, wieder und wieder, das konnte sie sich und ihm nicht eingestehen. Das war eine ihrer letzten Bastionen.“

In die kurzen Kapitel des ersten Teils wird das mit Unterbrechungen eingebaut, zweifellos kalkuliert, aber immer auch so, dass es fahrig erscheint. Viele Baustellen, wie Jan und Kathrin und die meisten von uns wohl sagen würden, sozusagen all die Leute, die nicht auf Baustellen arbeiten. Jan, Kathrin und der Theaterbesuch aber sind ein perfekt gewählter Schlüssel zu Thomas Melles neuem Roman.

Erstens ist es ein ziemlich realistischer Blick auf einen Teil des aktuellen Inszenierungsgeschehens, der längst an sein Ende gelangt ist und doch beherzt fortgesetzt wird. Jan und Kathrin werden nicht davon überrascht und erst recht nicht provoziert. Sie sind bloß genervt. Bürgerliches Publikum in einer halbwegs großen Stadt, dieser Tage.

Zweitens hat sich Kathrin allerdings selbst soeben in eine „Übersexualisierung als Kindergarten“ begeben. Kathrin und die Sehnsucht nach Sex führen zu dem ersten Romansatz „Und der Vogel besprang den Vogel“ und zu dem subtil unsubtilen ersten Kapitelsatz „Der Clown kam nicht“. Denn Kathrin mag Tierfilme und besonders Tierfilme mit Sex, und sie besucht gegen ihre Gewohnheit eine Sexparty, jedoch: „Zwischen der Vorstellung einer Sexparty und deren Wunscherfüllung lagen Welten. Sex war immer nur eine schlechte Kopie der ihm vorgeschalteten Fantasien; das kannte sie schon von Jan, das kannte sie von den meisten seiner Vorgänger; das kannte sie von sich. Eine Radikalisierung bräuchte sie, auch hier, ein Ausreizen der Grenzen bis ins Absurde, die Körper neben ihr, diese Zweier, Dreier und Vierer, die sich gegenseitig benutzten und rieben und stießen, sie waren noch viel zu bürgerlich eingehegt und geschmackvoll, dachte sie, waren sich ihrer selbst viel zu bewusst.“

Drittens befinden sich Jan und Kathrin ihrerseits ja am Beginn einer Familienkatastrophe, wenn sie nicht schon mittendrin sind. Noch mögen sie steif und glücklich da sitzen, aber irgendwelche Gespenster der Vergangenheit tanzen bereits, und schon weit vor dem Ende des Romans zerfleischen sie sich wie Zombies. Jan findet das gekünstelt? Das Leben oberhalb existenzieller Probleme ist gekünstelt, legt Melle mit der smarten, um Eleganz und Souveränität nicht bemühten, sie aber mit Leichtigkeit produzierenden Sprache seines Romans nahe, die realistisch, gegenwärtig und unmittelbar erscheint.

Viertens sind die Spiegelungen und Bilder des Theaters ein geeigneter Spiegel für einen Roman, in dem es ständig um Spiegelungen und Bilder geht. Auf allen Ebenen: von den zu Klischees geronnenen Rollenzuteilungen unter älter gewordenen Geschwistern (Kathrin und ihre Schwester) bis zur Online-Parallelwelt, von der ununterbrochenen Beurteilung anderer bis zur Dauerselbstbeobachtung. „Die Kinder lachten und kauten. Kathrin bedachte sie heimlich mit einem liebenden Blick , den sie gleichzeitig von außen sah, sich sah sie selbst als liebende Mutter , ihre Kinder anblickend, sanft und fürsorglich ... .“

Das Buch:

Thomas Melle: Das leichte Leben. Roman. Kiepenheuer & Witsch, Köln 2022. 352 S., 24 Euro.

Bilder sind es auch, die die Handlung antreiben und in die diversen Katastrophen führen. Die „lebenszersetzende Bildnachricht“ erreicht Jan kurz nach Beginn des Buchs. Er und Melle als über allem schwebender und in alle hineinschlüpfender Autor verraten nicht direkt, worum es geht.

Eine moderne, halbwegs aufgeschlossene Familie (Vorurteile, zum Beispiel rassistische, zeigen sich nicht direkt, dann aber doch und derb). Jan ist Medienmensch und hatte gerade seinen ersten Auftritt als Fernsehmoderator (denn um Bilder geht es hier wirklich immer). Es lief ganz gut. Seine Frau Kathrin ist Gymnasiallehrerin, hat aber einen kurzen, „giftigen“ Ruhm als Bestsellerautorin hinter sich und wird im Zuge des Romans wieder anfangen zu schreiben. Als sie sich damals zusammengetan haben, hatten sie schon etwas hinter sich und „trafen sich zu genau dem richtigen Zeitpunkt zwischen Fallenlassen und Fallen. Und wollten jetzt ernst machen. Ein Dennoch musste her, gegen die endlose Party, gegen die angebliche Beziehungsunfähigkeit und die ewige Unentschiedenheit, und dann ein Dann, und dann ein Darauf und ein Dazu – die große, bürgerliche Erzählung wollten sie leben, in aller Konsequenz und nach den Regeln der Kunst der Gattung“.

Die Kinder Lale und Severin sind pubertär, sie werden sehr geliebt und sehr alleine gelassen. Jan und Kathrin sind über 40, jung genug, um mit Sex und Liebe nicht fertig zu sein. Kathrin hat nach der Sexparty allerdings Panik, sich mit irgendwas angesteckt zu haben. Jan fängt was mit einer Praktikantin an. Das Bild, das ihm anonym zugeschickt worden ist, zeigt ihn selbst als Kind in dubioser Pose. Der Priester, der ihn und andere damals im Internat fotografierte, war an sich beliebt. Die Vorstellung, missbraucht worden zu sein, erscheint Jan zunächst abwegig. Auf sich als Kind und auf das Foto blickt er mit jener Fremdheit, die einen angesichts einer dokumentierten, aber aus dem Gedächtnis ganz verschwundenen Vergangenheit ankommen kann. In einer genialen Szene beschimpft ihn eine Frau, die das Foto sieht, als „Perversling“.

Beim Lesen wiederum wird man hier vielleicht ein oder das Zentrum des Romans erwarten, aber es ist nur eines von vielen Zentren in dieser virtuosen, nur scheinbar losen, losgelassenen Konstruktion.

Melle führt jetzt noch die auffallende Figur von Keanu ein, einen wunderschönen Jungen aus Lales Klasse, in dem sich das Thema des Missbrauchs wie auch des bürgerlichen Lebens gleich mehrfach spiegelt: Er selbst, mit dem peinlichsten Namen der Welt (wie er selbst am schärfsten empfindet) und aus prekären Verhältnissen, hat sich mit Netz-Indiskretionen unmöglich gemacht. Zugleich muss man sich fragen, wie das sich anbahnende Verhältnis zu seiner Deutschlehrerin Kathrin von außen beurteilt werden soll, wenn nicht als Missbrauch Schutzbefohlener.

„Das leichte Leben“ ist ein Spiegelkabinett der gegenwärtigen bürgerlichen Welt. Unter der Ironie, der Aufklärung und jenem Durchblick, den selbst Lale und Severin schon haben und mit sich schleppen, lodern Ängste, Zorn, Begierden und Sehnsüchte wie eh und je, nämlich wie im bürgerlichsten Theaterstück. Der Romantitel fällt, als Jan einmal „Bilder von besseren Zeiten“ kommen, „als sie das Paar der Stunde der Stadt, fast des Landes gewesen waren, unser leichtes Leben , so hatten sie es genannt, so hatten sie es auch geplant, nie sollte es schwer und spießig werden... .“

Um einen letzten Spiegel zu zeigen und immer noch nicht mehr als einen Bruchteil über dieses funkelnde Buch gesagt zu haben – das doch wohl nichts weniger sein soll als „brillant“: Am Ende wird es Underdog Keanu sein, der die Wendung vom „leichten Leben“ wieder aufgreift. Melle könnte von einer bürgerlichen Spät-, wenn nicht sogar Schlussphase erzählt haben.

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