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Thomas Mann und die Zeit: Die Vergänglichkeit als Seele des Seins

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Von: Otto A. Böhmer

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Thomas Mann um 1930. Foto: Courtesy Everett Collection
Thomas Mann um 1930. Foto: Courtesy Everett Collection © imago images/Everett Collection

Thomas Mann und das Element der Zeit, das für schöpferische Menschen von anderer Struktur zu sein scheint.

Zu seinem älteren Bruder Heinrich, der sich noch vor ihm für eine Künstlerlaufbahn entscheidet, baut Thomas Mann ein besonderes Spannungs- und Konkurrenzverhältnis auf: Zunächst ist Heinrich deutlicher erfolgreicher, dann holt der Jüngere, der in der zehnten Klasse das Gymnasium verlässt und keinen ordentlichen Studienabschluss zuwege bringt, merklich auf und avanciert mit seinem Erstlingsroman „Buddenbrooks“, der 1901 in zwei Bänden erscheint und ihm 1929 den Literaturnobelpreis einbringt, zum berühmten Autor. Thomas Manns Selbstfindung wird von frühen Erfahrungen auf den Weg gebracht: „Nach meinem Werden als Künstler, der Geschichte meines Künstlertums gefragt, frage ich mich nach seiner Wurzel, seinen frühesten Keimen und Regungen, und ich finde sie in meinen ,Kindheitsspielen‘.“

1897 in Italien erfolgt eine erste literarische Ergänzung. Thomas Mann schreibt die Erzählung „Der kleine Herr Friedemann“: „Diese melancholische Geschichte des kleinen Buckligen stellt auch insofern einen Markstein in meiner persönlichen Geschichte dar, als sie zum ersten Mal ein Grundmotiv anschlägt, das im Gesamtwerk die gleiche Rolle spielt wie die Leitmotive im Einzelwerk. Die Hauptgestalt ist ein von der Natur stiefmütterlich behandelter Mensch, der sich auf eine klug-sanfte, friedlich-philosophische Art mit seinem Schicksal abzufinden weiß und sein Leben ganz auf Ruhe, Kontemplation und Frieden abgestimmt hat. Die Erscheinung einer merkwürdig schönen und dabei kalten und grausamen Frau bedeutet den Einbruch der Leidenschaft in dieses behütete Leben, die den ganzen Bau umstürzt und den stillen Helden selbst vernichtet.“

Keine Existenz fügt sich auf Dauer ganz der Ordnung, die ihr auferlegt wird; eine Überzeugung, die Thomas Mann schon als junger Mann gewinnt. Es ist keine beruhigende, eher eine zwiespältige Überzeugung; man kann sich an ihr literarisch abarbeiten, kann ein Erzählwerk darauf gründen, das den Eindruck erweckt, als sei es aus sicherer Distanz geschrieben, obwohl eine solche Distanz, wahrheitlich, nicht gegeben ist; sie wird nur vorgetäuscht, so wie jede Lebensordnung nur vorgetäuscht wird, wenn man übersieht, dass sie auf einer willkürlichen Übereinkunft beruht und, notwendigerweise, gefährdet bleibt.

Thomas Mann hat diese Gefährdung am eigenen Leibe gespürt; er weiß um eine heikle Veranlagung in sich und begegnet ihr mit künstlerischer Wertedisziplin. Die Familie hilft ihm dabei, mehr noch ein bis ins Kuriose durchreglementiertes Berufs- und Verfahrensethos, aus dem er schließlich ein gewaltiges Lebenswerk bezieht. Die Gefährdung, die den Menschen begleitet, erweist sich als unverzichtbar; öde und fahl würde sein Leben, würden ihm nicht gelegentlich der Boden entzogen und bisherige Überzeugungen infrage gestellt.

In Thomas Manns vierbändigem Roman „Joseph und seine Brüder“ findet sich das dazugehörige Bekenntnis: „Wie geringfügig ist, verglichen mit der Zeitentiefe der Welt, der Vergangenheitsdurchblick unseres eigenen Lebens! Und doch verliert sich unser auf das Einzelpersönliche und Intime eingestelltes Auge ebenso träumerisch-schwimmend in seinen Frühen und Fernen wie das großartiger gerichtete in denen des Menschenlebens – gerührt von der Wahrnehmung einer Einheit, die sich in diesem wiederholt. So wenig wie der Mensch selbst vermögen wir bis zum Beginn unserer Tage, zu unserer Geburt, oder gar noch weiter zurückzudringen: sie liegt im Dunkel vorm ersten Morgengrauen des Bewusstseins und der Erinnerung – im kleinen Durchblick sowie im großen.“

Thomas Mann entscheidet sich früh, ganz der Schriftsteller zu sein. Sein Vorbild ist Goethe, der nicht nur Schriftsteller, sondern Großschriftsteller war, ferner ein in sich ruhendes Gesamtkunstwerk und unanfechtbare moralische Instanz. Das dazugehörige Leben entfaltet sich, nachdem die Stürme der Jugend gelegt wurden, gravitätisch und mit rechthaberischer Bedachtsamkeit. Ein solches Leben, dem innere Notwendigkeit keineswegs abzusprechen ist, kann von seiner äußeren Darstellungs- und Repräsentationsform kaum noch unterschieden werden; es hat den literarischen Geist zu Gast und lässt ihn nicht mehr gehen. Thomas Mann wird, nach Goethe, der deutsche Dichter schlechthin; er könnte Einzigartigkeit für sich beanspruchen, belässt es jedoch meist bei launigen Andeutungen.

Nach Jahren des Exils in den USA, nach Kriegsende braucht er seine Zeit, bis er Deutschland wieder einen Besuch abstatten mag; zu tief sind die seelischen Wunden, die ihm, dem äußerlich Unantastbaren, in seiner Heimat geschlagen wurden. Er lässt sich in der Schweiz nieder; das letzte große Haus, das er sich auf Erden zulegt, ist wiederum geräumig und ansehnlich und steht in Kilchberg bei Zürich.

Als er dort einzieht, hat er längst ein monumentales Lebenswerk zustande gebracht, das nicht nur von schier unglaublichem Fleiß, sondern auch von der Gelassenheit eines Künstlers zeugt, der sich beizeiten davon überzeugt hat, dass sich das große Erzählen auch aus kleinen, fast minderbemittelten Absichten ergeben kann, um dann geradezu herrisch, nach eigenem Gesetz und ohne Rücksicht auf das Kräftemaß des Ausführenden seinen Gang zu nehmen: „Nicht immer sind es die größten Werke, die mit den größten Absichten geschrieben werden. Im Gegenteil halte ich es für die Regel, dass die großen Werke das Ergebnis bescheidener Absichten waren. Der Ehrgeiz darf nicht am Anfang stehen, nicht vor dem Werk. Er muss mit dem Werk heranwachsen und diesem mehr angehören als dem Ich des Künstlers.“

Das Werk bricht sich selber Bahn und findet seine Entsprechung in der „eigentümlich ahnende(n) Seelenverfassung des werdenden Autors, aller werdenden Autoren: dieses geheime Wissen um das Vorhandensein von Kräften, die wohl ihre Zeit brauchen mögen, aber unerschütterlich vorhanden sind.“ Er verstand sich auf das Wundersame, auf den Funkenflug der Gedanken, das Tiefe ebenso wie auf den scheinbar oberflächlichen Literaturdienst nach Vorschrift. Und: Er konnte warten. „Ich ,erlebe‘ keine Sensationen; im Gegenteil möchte ich sagen: mein Verhältnis zu den Eindrücken des Lebens ist wesentlich passiv, ein unbewusstes Aufnehmen, irgendwie sickern die optischen und akustischen Wahrnehmungen in mich ein, bildet sich in mir ein Fundus menschlicher Züge und Besonderheiten, aus dem ich, wenn die produktive Gelegenheit kommt, schöpfen kann.“

Der Altersrückblick, von dem man gerne annimmt, er sei gleichsam automatisch mit jener Altersweisheit getränkt, der traditionell unsere Hochachtung gilt, beseitigt liebgewordene Illusionen; zu ihnen gehört auch die Wertschätzung der Individualität. Da jeder Mensch einzigartig ist, verliert sich seine Einzigartigkeit an der der anderen; das individuelle Sein wird abgeschliffen: „Wie wir uns bei bestimmten Anlässen bewegen und benehmen, in welche Formen wir unsere Gefühle und Gedanken kleiden – das ist nicht erstmalige Improvisation, sondern – mehr oder weniger dunkle – Erinnerung, Rückbeugung in die unendliche Abfolge von Vergangenheiten, in die Zeitkulissen, die dem grübelnden Blick immer weiter zurückweichen, ohne dass er ihnen jemals ‚auf den Grund zu kommen‘ vermöchte.“

Der Zeit sind wir unterworfen. Darüber kann man klagen oder verrückt werden; es hilft nichts, und es ist auch nicht schlimm, denn Vergänglichkeit will nicht schrecken, sie will angenommen sein: Thomas Mann setzt sie sich als notwendige Herausforderung vor, die er für gewinnbringend hält. „Zeit muss man haben“, lässt er seinen Goethe im Roman sagen. „Zeit ist Gnade, unheroisch und gütig, wenn man sie nur ehrt und sie emsig erfüllt; sie besorgt es im Stillen, sie bringt die dämonische Intervention ...“ Und in einer Selbstauskunft fügt er hinzu: „Vergänglichkeit ist (...) die Seele des Seins, ist das, was allem Leben Wert, Würde und Interesse verleiht, denn sie schafft Zeit, – und Zeit ist, wenigstens potentiell, die höchste, nutzbarste Gabe, in ihrem Wesen verwandt, ja identisch mit allem Schöpferischen und Tätigen, aller Regsamkeit, allem Wollen und Streben, aller Vervollkommnung, allem Fortschritt zum Höheren und Besseren. “

Ohne Zeitlichkeit, die mal lockt und mal droht, verliert sich die künstlerische Produktivität an langer Weile und verbrämter Belanglosigkeit; es ist demnach eine Kunst, vergänglich zu sein – und das Beste daraus zu machen: „Zu den wesentlichsten Eigenschaften, welche den Menschen von der übrigen Natur unterscheiden, gehört das Wissen (…) von Anfang und Ende und also von der Gabe der Zeit, – diesem so subjektiven, so eigentümlich variablen, nach seiner Nutzbarkeit so ganz dem Sittlichen unterworfenen Element, dass sehr wenig davon sehr viel sein kann. (...) So ist es mit der Zeit schöpferischer Menschen; sie ist von anderer Struktur, anderer Dichtigkeit, anderer Ergiebigkeit als die locker gewobene und leicht verrinnende der Mehrzahl ... Die Beseeltheit des Seins von Vergänglichkeit gelangt im Menschen zu ihrer Vollendung.“

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