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Auf Sylt, wohl 1927. Foto: ETH-Bibliothek Zürich, Thomas-Mann-Archiv
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Auf Sylt, wohl 1927.

Bildband

Thomas Mann „setzt sich in Szene“: Er hasste Schnappschüsse

  • Claus-Jürgen Göpfert
    VonClaus-Jürgen Göpfert
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Ein Fotoband dokumentiert eindrucksvoll, wie Thomas Mann sich der Welt präsentierte.

Bilder, Bilder, Bilder. Ihre Präsenz überwölbt heute, in der Zeit der sozialen Medien, die des Wortes. Wer sich präsentieren möchte weltweit, der versendet binnen Sekunden sein Konterfei in immer neuen Spiegelungen und Facetten. Doch bereits die Pop-Kultur verschaffte der bildliche Darstellung im kulturellen Leben ein immer größeres Gewicht. Auch ist es ist es kein Geheimnis, dass sich lange vor der Ära des Internets Personen der Kulturgeschichte mit Bildern in Szene zu setzen wussten.

Ein Meister der Selbstdarstellung war Thomas Mann. Mehr als 6000 Fotografien des Schriftstellers existieren und auf die Entstehung vieler hat er erheblich Einfluss genommen. Eine Auswahl von knapp 200 kommentierten Porträts versammeln der Literaturwissenschaftler Rüdiger Görner und die Germanistin Kaltërina Latifi in einem Prachtband unter dem Titel „Thomas Mann Ein Schriftsteller setzt sich in Szene“.

Gewiss ist es schwierig, ein solches Buch zusammenzustellen, ohne dabei die Hagiografie zumindest zu streifen. Görner und Latifi aber schaffen Distanz durch einen kritischen, auch ironischen Ton und bescheinigen dem Subjekt ihrer Untersuchung gleich eingangs, dass seiner „Arbeit am diaristischen wie optischen Selbstbildnis der Geschmack des Affektierten“ anhafte. Des allzu offensichtlichen Wunsches, „sich buchstäblich ins rechte Licht rücken zu wollen“. Über die Fotografie hinaus war Mann sein Leben lang bemüht, sich auch durch Selbstbildnisse, Gemälde und Büsten für die Nachwelt zu erhalten. Die früheste bekannte Selbstkarikatur zeigt den Lübecker Gymnasiasten im Alter von 15 (!) Jahren mit Hut, Monokel, Anzugjacke und Weste.

Damals hatte er gerade Bekanntschaft mit Schillers Balladen gemacht, zur gleichen Zeit erlebte der Großbürgerssohn im Lübecker Stadttheater die ersten Aufführungen von Richard Wagners Opern. Auf dieser Basis begann der junge Mann bereits früh mit der „Bildarbeit am eigenen Mythos“, wie Görner und Latifi das nennen.

Das Buch

Rüdiger Görner/ Kaltërina Latifi: Thomas Mann. Ein Schriftsteller setzt sich in Szene. wbg Theiss, Darmstadt 2021. 272 S., 60 Euro.

Durch den Stand ihrer großbürgerlichen Familie waren Thomas und sein älterer Bruder Heinrich als junge Männer schon sehr begünstigt. Im Alter von 19 Jahren veröffentlichte Thomas seine erste Novelle „Gefallen“ in der Zeitschrift „Gesellschaft“. Es geht um nicht weniger als die erste Liebe und „gefallen“ ist in diesem Text selbstverständlich die junge Frau.

Im Bildband findet sich ungefähr zur selben Zeit bereits eine unglaubliche Inszenierung Manns als Mann des Wortes: Er steht im Atelier des Fotografen und blickt in ein aufgeschlagenes Buch, eine Ausgabe auf drapiertem Tischtuch. Und schon im Alter von 25 Jahren, also um 1900 herum, ist das Selbstbildnis des Schriftstellers vollendet: Mit Schnurrbart und Melone als Spaziergänger in einem Münchner Park, den Kopf zurückgelehnt, mit selbstgefälligem Lächeln. Damals hatte er gerade eines der Hauptwerke, „Buddenbrooks“ abgeschlossen.

Die fotografische Selbstvergewisserung als Autor setzt früh ein und bleibt bis ins hohe Alter. Immer wieder ist Mann am Schreibtisch zu sehen, mal mit, mal ohne gezückte Feder, der „Zauberer“, wie ihn seine Kinder nannten, der in der Villa beim Schreiben über Stunden nicht gestört werden durfte. Doch das Leben mit seinen grausamen Brüchen schleicht sich unweigerlich in die Bilder. Als der Schriftsteller nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten im ersten Exil Zuflucht findet, in Sanary-sur-Mer in Südfrankreich, wirkt er verloren auf der Terrasse. Obwohl es noch immer eine Villa ist, die er bewohnen kann, ungleich komfortabler untergebracht als die allermeisten Exilanten. Als er 1939 ein letztes Mal vor dem Beginn des Zweiten Weltkriegs auf dem Schiff von den Vereinigten Staaten kommend den Atlantik in Richtung Frankreich überquert, sitzt da ein alter und erschöpfter Mann in einem Korbsessel.

Das Buch macht klar: Ein Leben lang hat der Schriftsteller sein Bild als (Groß-)Bildungsbürger kontrollieren wollen, und wenn es ihn auch noch so viel Anstrengung kostete. Thomas Mann hasste Schnappschüsse, die ohne sein Zutun entstanden, weil er fürchtete, dass sie ihn unvorteilhaft zeigten. Wie etwa bei einem Vortrag in New York 1937, über ein Pult gebeugt. Oder ein Jahr später beim Essen, ein Vorgang, der aus Sicht des Aufgenommenen viel zu profan war.

Viel zu selten durchbrechen Rüdiger Görner und Kaltërina Latifi die Inszenierung. Einmal, bei einer Aufnahme im Sommer 1949 in der Frankfurter Paulskirche, ist Thomas Mann und seiner Ehefrau Katia deutlich anzusehen, wie unwohl sie sich fühlen. Er, der ins Exil gezwungen worden war, besuchte damals aus Anlass von Johann Wolfgang von Goethes Geburtstag nacheinander Frankfurt und Weimar in der DDR und hielt dort öffentliche Reden. Allein schon, dass er auch die DDR mit seinem Besuch würdigte, wurde ihm in der Bundesrepublik zum Vorwurf gemacht. Es hagelte in der Presse Beleidigungen für den Emigranten.

In der Paulskirche erhielt er den Goethepreis der Stadt. Doch der Humanist sprach vor den Honoratioren sein Unbehagen offen aus: „Ich weiß, dass der Emigrierte in Deutschland wenig gilt und er hat noch nie viel gegolten in einem von politischen Abenteurern heimgesuchten Lande.“ Am 1. August zeigte er sich entspannt und lachend im Gespräch mit Kindern vor dem Nationaltheater von Weimar, ein anderes Bild in anderer Atmosphäre. Danach wiederholte er seine Goetherede von Frankfurt. Hier und anderer Stelle im Buch hätten die Texte zu den Fotografien deutlicher ausfallen und mehr erklären müssen.

Juni 1933, auf der Terrasse der Villa Tranquille in Sanary-sur-Mer.

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