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Immerhin gibt es hier einen Getränkemarkt.
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Immerhin gibt es hier einen Getränkemarkt.

Roman

Thomas Kunst „Zandschower Klinken“: Ein Reh fährt Taxi

  • VonCornelia Geißler
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„Zandschower Klinken“: Thomas Kunst erzählt eine Aussteigergeschichte aus dem abgehängten Osten, anstrengend und anregend.

Zandschow ist der Ort mit den meisten Hometrainern in Norddeutschland und es ist auch der mit einer Verbindung nach Sansibar. Es ist der Ort, wo Bengt Claasen, der in diesem Roman mal als „ich“, mal in dritter Person auftaucht, gestrandet ist wie ein Schiffbrüchiger. Er hat sich Zandschow nicht ausgesucht, er ließ den Zufall entscheiden: Claasen hatte das Halsband seiner toten Hündin aufs Armaturenbrett seines Autos gelegt und wollte dort anhalten, wo es herunterrutscht.

Die größte Attraktion von Zandschow ist Wolfs Getränkemarkt, im Lauf der Lektüre gelangt man zu dem Eindruck, dies könnte gar der Mittelpunkt der Welt sein. „Zandschower Klinken“ heißt der Roman von Thomas Kunst, mit der Endung -ow im Ortsnamen und dem in der Region nicht so seltenen Wort „Klinken“ auf Mecklenburg-Vorpommern deutend. Kunst ist 1965 in Stralsund geboren, er kennt den Menschenschlag.

Übrigens brauchen Sie, liebe Leserinnen und Leser, den Klappentext nicht zu lesen, wenn Sie wissen wollen, was das für ein Buch ist. Denn das steht da nicht, kann da gar nicht stehen bei diesem wundersamen Gebilde von einem Roman. Zwar erlebt Bengt Claasen ungefähr das dort knapp Beschriebene, aber auf welche Weise Kunst erzählt, ist mit „unbändiger Fantasie und viel Witz“ nur unzureichend angedeutet.

Es ist sogar möglich, dass man manches Mal das Buch verwirrt von sich schieben möchte. Doch hält dann die Kraft der Sprache die Augen fest. Thomas Kunst baut seine Sätze beschwörungsartig auf, mit verstärkenden, teils absurden, teil lustigen Steigerungen. Er erzählt in Kreisen und Schleifen, eben Gesagtes zuweilen repetierend wie in einem Gesang mit unüberschaubarer Strophenzahl, als wollte er, der zuerst Lyriker war und immer noch ist, sich gegen die Gesetze der Prosa wehren. Worin liegt die Verführungskraft? Die Wiederholungen nerven seltener, als dass sie überraschen: Wie unvermittelt sie kommen, wie sie Erzählebenen überschreiten, als wäre dies ein Tanz, der durch mehrere Räume führt.

Thomas Kunst überzeugt außerdem mit seinen Beobachtungen in der nordostdeutschen Provinz, sein Blick auf ein Häuflein von Menschen ohne Beschäftigung, die sich willig vom Ladenbesitzer nasführen lassen, rührt. „Wer sich bei ihm mit Bier versorgt, darf für eine halbe Stunde nach Sansibar“, schreibt Kunst. „Die selbst entworfenen Etiketten auf den Flaschen treiben den Alkoholgehalt in die Höhe.“

Das Buch:

Thomas Kunst: Zandschower Klinken. Roman. Suhrkamp, Berlin 2021. 254 Seiten, 22 Euro.

Geheimzahl bleibt geheim

Und wenn es dank dieser Dröhnung mit dem Geldabheben nicht mehr klappt, heißt es: „Ihre Geheimzahl blieb ihre Geheimzahl.“ Wenn der Autor schreibt, „die Chemie stimmt im Norden“, meint er nicht ein vertrauensvolles Verhältnis, sondern kommt gleich auf Chemiefabriken zu sprechen oder auf den Asbestgehalt des Ladens. Die Leute, die Plastikschwäne auf dem Feuerlöschteich um die Wette schwimmen lassen, sind Abgehängte, Verlierer in der Gesellschaft.

Einen eigenen Reiz haben die Sprünge im Roman nach Kolumbien, wo der Ich-Erzähler Taxi fährt, übrigens als Reh. Ja, ein Reh: Thomas Kunst schmuggelt das Grimm’sche Märchen von „Brüderchen und Schwesterchen“ in sein Textgebilde, das erzählende Ich wurde verwandelt. Das Reh führt zurück in die Familiengeschichte Claasens. Man könnte es als Folge der gescheiterten Ehe der Eltern deuten, dass die Geschwister sich enger aneinanderbanden, was den Jungen zum Reh werden ließ. Ein Reh, das Gedichte schrieb und sich für Musik interessierte.

Thomas Kunst schlägt einen tollkühnen Bogen von der Ausbürgerung Wolf Biermanns 1976 hin zu Jürgen Drews, Julia Engelmann, Nora Gomringer, Mike Krüger und Fips Asmussen, also zu Schlager und Witzgesang, zu Poetry-Slam und Lyrik.

Es tauchen Filme („Zorro“, „Osceola“) und Musik (Eric Clapton, Rolling Stones) der 70er und 80er Jahre auf, aber auch deutliche Zeichen zur Gegenwart mit Nudelengpässen in Italien, Viren auf Türklinken und der Feststellung, die Hoffnung auf ein neues Leben sei eine Verschwörungstheorie. Mitten im zirkushaften Spiel am Getränkemarkt referieren zwei Zandschower mit seltsamen Funktionsbezeichnungen darüber, „wie wir der humanitären Verantwortung gegenüber den Flüchtlingen gerecht würden, ohne dabei die heimischen Arbeitssuchenden und Rentner zu vergessen“.

Claasen ist Jahrgang 1965 wie der Autor, schleppt DDR-Geschichte mit sich, etwa den Dienst bei der Nationalen Volksarmee oder die Skinheads, die Ende der 80er-Jahre in Leipzig unterwegs waren. Doch anders als bei Thomas Kunsts ebenfalls Lyrik und Prosa schreibendem Kollegen Lutz Seiler sind in den „Zandschower Klinken“ die realistischen Erzählpartikel zu kurz und zu überraschend eingesetzt, als dass man hier von einem Nachwenderoman sprechen sollte.

Er „musste sich schleunigst um eine neue Vergangenheit kümmern, wenn er es im Leben noch zu etwas bringen wollte“, schreibt Kunst und zählt, hektisch durch Punkte getrennt, auf: „Hundetrainer. Lektor. Kultureller und sozialer Geheimtipp.“ Ob der Autor je als Hundetrainer gearbeitet hat, ist nicht bekannt, dass er aber, trotz zahlreicher Veröffentlichungen, immer noch einen Geheimtipp-Status hat, stimmt allerdings.

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