Lesung

Thomas Kapielski in der Romanfabrik: Bismarkthering

  • Judith v. Sternburg
    vonJudith v. Sternburg
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Thomas Kapielski stellt in der Frankfurter Romanfabrik seinen neuen Roman „Kotmörtel“ vor. Mit Publikum!

Die Möglichkeit, unter Menschen und in die dritte Dimension des Lesungsbetriebs zurückzukehren, bietet nun die Frankfurter Romanfabrik: Während der Corona-Kanal des Hauses auf Youtube weiterläuft, konnten erstmals wieder einige Menschen in den Saal, um den Auftritt von Thomas Kapielski vor Ort zu erleben. Das war ein gutes, ein sehr gutes Gefühl, fast etwas überraschend, weil es zu Hause ja nun ganz gemütlich ist.

Die subtilen Reaktionen

Gerade aber weil Kapielski zwar witzig, jedoch nicht zum Kreischen ist (das würde ihm bestimmt auch auf die Nerven fallen), war es nach all den Wochen geradezu aufregend, die subtilen Reaktionen in Reichweite zu haben. Hier ein Aufkeckern, da ein Schnaufen. Auch Kapielski reagiert offenbar gerne auf Geräusche und Winks aus dem Publikum, er ist der sich vortastende Typ. Nicht schön, wenn dann da keiner ist. Übrigens hatte man hier den selteneren Fall, dass deutlich mehr Männer als Frauen gekommen waren. Dass Kapielski ein Männer-Autor ist, lässt sich nicht so einfach erklären, aber da ist etwas dran.

Kapielskis neuer Roman „Kotmörtel“ (Suhrkamp, mit Zeichnungen und Fotos, der offizielle Erscheinungstermin ist aber erst am Montag) zeigte sich vorerst als tüchtig verwickelte Lebensgeschichte eines zum Reden aufgelegten Menschen namens Frowalt Hiffenmarkt aus Grollstadt-Sauger. Hiffenmarkt vertreibt eigentümliche Sanitärartikel, so erklärte Kapielski, schreibt aber im Geheimen. Auch hätte Hiffenmarkt gerne mehr Noblesse in seinem Nachnamen, etwa durch ein -ck am Ende. Was sei schon ein Bismarkthering, so Hiffenmarkt in einem offenbar typischen Gedankengang. Er scheint außerdem auf die schiefe Bahn zu geraten, aber Kapielski war ein Meister in der Kunst, viel zu erzählen und nichts zu verraten.

Die Lesung und das Gespräch mit Michael Hohmann sind im Netz weiter abrufbar, ein Vorteil der gegenwärtigen Situation, nein, kein Vorteil, aber eine passable Begleiterscheinung. Hier kann man sich dann versichern, dass auf Kapielskis Namenszettel, Namensblatt (DIN A5), wirklich Kapielksi stand. Ulkig, weil es auch um Sorgfalt und ausgebuffte Namenswahl ging. Das sollte unsereinem einmal passieren. Aber bei einem Schriftsteller ist es dann gleich wieder eine beabsichtigte Irritation.

Romanfabrik Frankfurt:Belgierin Saskia de Coster liest am 17. Juni aus „Eine echte Mutter“, ebenfalls vor Publikum und zugleich im Netz. www.romanfabrik.de

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